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Filmkritik

Stuttgarter Zeitung, 04. Februar 2006

Fatale Nebenwirkungen werden im Ernstfall als Aidstod vertuscht

Initiativen nutzen den Film "Der ewige Gärtner" zur Kritik an Pharmakonzernen

Die Pharmaindustrie kommt in dem Spielfilm "Der ewige Gärtner" schlecht weg. Medikamententests an wehrlosen Patienten in Afrika kratzen wieder einmal am Image der Branche. Pharmakritiker nutzen den Film, um neue Wege der Arzneimittelforschung zu propagieren.

Von Andreas Schröder

Es zerreißt einem das Herz. Die schöne und sozial engagierte Hauptdarstellerin wurde ermordet. Ihr Ehemann merkt zu spät, was er an ihr gehabt hat und erfährt erst jetzt, wie leidenschaftlich seine Frau, die skandalösen Medikamentenversuchen eines Pharmakonzerns auf der Spur war, für die Rechte wehrloser Patienten gekämpft hat. Im Hollywoodfilm "Der ewige Gärtner" mit Rachel Weisz und Ralph Fiennes in den Hauptrollen geht es um Machenschaften der Pharmaindustrie in Afrika. Ein unausgereiftes Tuberkulosemedikament wird an der kenianischen Bevölkerung wie an Versuchskaninchen erprobt. Fatale Nebenwirkungen werden im Ernstfall als Aidstod vertuscht. Der Fall sei zwar fiktiv, aber die Wirklichkeit noch viel schlimmer, hat der Bestsellerautor John Le Carré gesagt, auf dessen Buchvorlage der Film basiert.

Imagewerbung für die Pharmaindustrie sieht anders aus. Millionen werden den Streifen weltweit sehen, in Deutschland haben in den ersten drei Wochen seit seinem Start etwa 300 000 Besucher im Kino den Film verfolgt. "Ein spannender Thriller ist ,Der ewige Gärtner", mit beeindruckender Kameraarbeit und guten Schauspielern", heißt es beim Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) - in vielerlei Hinsicht sei der Film aber unrealistisch, sagt ein Sprecher. "Die Dramaturgie benötigt nun mal Helden und Schurken." Und dass den Pharmakonzernen eindeutig die Schurkenrolle zukommt, hält der Branchenverband für ungerechtfertigt. "Der Film zeigt ein einzelnes Unternehmen, dass sich schweinisch verhält. Das ist nicht typisch für die Pharmaindustrie", sagt der VFA-Sprecher.

Pharmakritische Organisationen halten den Film jedoch durchaus für realistisch. "Der ewige Gärtner" zeige nur die traurige Realität in Afrika. In vielen Ländern testeten die großen Pharmaunternehmen ihre Neuentwicklungen, ohne auf die ethischen Maßstäbe der Weltgesundheitsorganisation WHO oder das Wohl der Patienten Rücksicht zu nehmen, sagt Christian Wagner von der Buko Pharma-Kampagne. Buko setzt sich seit etwa 25 Jahren kritisch mit den Geschäftspraktiken der Pharmakonzerne auseinander und arbeitet weltweit mit Initiativen zusammen. Die Versuche würden häufig ohne Einwilligung der Patienten durchgeführt, es gebe nur unzureichende Risikoaufklärung und therapeutische Kontrollen. "Oft genug werden diese Praktiken an der Grenze zur Illegalität noch damit begründet, dass die Menschen so wenigstens in der Testphase Zugang zu Medikamenten hätten, die sonst unbezahlbar für sie wären", sagt Wagner. Das Filmteam wurde von der "Coordination gegen Bayer-Gefahren" unterstützt, die sich seit 25 Jahren mit den Kehrseiten der Geschäftspolitik des Bayer-Konzerns beschäftigt. "Die Pharmaindustrie hat keine altruistischen Ziele, für Profite nimmt sie auch Todesfälle in Kauf. Wir begrüßen es sehr, wenn sich das Kino dieser Thematik annimmt", sagt Philipp Mimkes von der Coordination.

"Die im Film thematisierten unethischen Menschenversuche sind aber nur ein Problem, ein anderes großes ist die schlechte Versorgung der Dritten Welt mit unentbehrlichen Arzneimitteln wie Aidspräparaten", ergänzt Wagner. Thomas Gebauer von Medico International verweist darauf, dass zwei Milliarden Menschen in den armen Ländern keinen gesicherten Zugang zu den lebenswichtigen Medikamenten hätten. Für viele seien sie einfach zu teuer, denn internationale Handelsregeln und das Patenrecht verhinderten die Ausweitung der Generikaproduktion, also der Herstellung von günstigen Nachahmerprodukten teuerer Originalpräparate.

Die Bedürfnisse der in Armut lebenden Menschen würden zudem in der Arzneimittelforschung vollkommen vernachlässigt, kritisiert Gebauer. "Von insgesamt 1392 neuen Medikamenten, die in den letzten 25 Jahren entwickelt wurden, waren ganze 13 für so genannte Armutskrankheiten wie Malaria, und Tuberkulose", ergänzt Wagner. Für 90 Prozent der weltweiten Gesundheitsprobleme würden nur zehn Prozent der Forschungskapazitäten aufgewendet. Die Pharmaindustrie konzentriere sich auf Medikamente gegen Leiden, die in erster Linie in den finanzstarken Industrieländern vorkommen, wie Herz-Kreislauf- oder Krebskrankheiten.

Die Pharmaindustrie hält auch diese Kritik für überzogen. Die Konzerne engagierten sich in viel stärkerem Maße als früher für die Belange derer, die sich keine geregelte Versorgung mit Medikamenten leisten könnten: "In den 80er- und 90er-Jahren wurden aus Kostengründen sehr wenige Medikamente für die typischen Krankheiten in der Dritten Welt entwickelt", sagt der VFA-Sprecher. Seit dem Jahr 2000 gebe es "eine neue Art des Wirtschaftens", auch weil im Zuge der Globalisierung Länder ins Blickfeld gerückt seien, die man zuvor wenig beachtet habe. Er nennt als Beispiel eine Initiative, der sich alle Hersteller von Aidsmedikamenten angeschlossen hätten und die knapp 600 000 Patienten weltweit betreue.

In Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen hätten die Konzerne zudem Sonderprogramme aufgelegt, bei denen die Vertriebsrechte an einem Medikament geteilt würden: Die nicht kommerziellen Initiativen erhalten die kompletten Vertriebsrechte für die Dritte Welt, der Pharmakonzern die für Industrieländer sowie die Rechte für weitere Anwendungsgebiete der Arznei, wenn sich zusätzliche Wirksamkeiten herausstellen, wie der VFA-Sprecher erläutert. Präparate würden zudem oft zu Sonderkonditionen verkauft, etliche Pharmahersteller hätten Lizenzen an Generikahersteller in den jeweiligen Ländern vergeben.

Die Pharmabranche hält vielmehr die "riesigen Infrastrukturprobleme" für das Hauptproblem in den armen Ländern: Häufig fehle es an Ärzten und Krankenschwestern. "Es gibt im Großraum Paris mehr Ärzte aus dem Benin als im ganzen Benin", nennt der VFA-Sprecher ein Beispiel. Medikamente erreichten zudem oft ihr Ziel nicht, würden abgezweigt und unter der Hand verkauft.

Buko und Medico International sehen die hauptsächlich bei den Konzernen angesiedelte Arzneimittelforschung als Grundproblem der ungerechten Verteilung und fordern eine Neuordnung des Sektors. "Damit den armen Ländern nicht weiterhin der Zugang zu bezahlbaren Medikamenten verwehrt bleibt, muss Arzneimittelforschung eine rein öffentliche Aufgabe werden", sagt Wagner von Buko. Patente spielten dann keine Rolle mehr: "Arzneimittel werden als öffentliches Gut etabliert, was öffentlich finanziert wurde, muss auch der Allgemeinheit zugänglich sein."