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Übernahme Schering

Neues Deutschland, 11. April 2006

Pharmadeal mit Nebenwirkungen

Die Übernahme Scherings durch BAYER wird nicht ohne Folgen bleiben

Die DAX-Unternehmen verdienen mit immer weniger Mitarbeitern immer mehr. Um 30 Prozent stiegen ihre Gewinne im Geschäftsjahr 2005 durchschnittlich. Da fragt sich natürlich, wohin mit dem Geld? Eon, BASF und Linde entschieden sich, erstmal auf Einkaufstour zu gehen und Firmen zu erwerben. Ende März machte es ihnen der Leverkusener Multi Bayer nach. Er erstand den Berliner Pharmariesen Schering für 16,3 Milliarden und überbot dabei Merck um 1,7 Milliarden. Mehr hat sich der Konzern in seiner Geschichte noch keine Übernahme kosten lassen. „Ich bin fest davon überzeugt, dass der Zusammenschluss die beste Lösung ist, um dem Pharmastandort Deutschland wieder mehr Geltung zu verschaffen“, gab Bayer-Chef Werner Wenning als selbstloses Motiv an. Nüchtern betrachtet, ist es mit dem Imagegewinn aber nicht so weit her. Bayer rückt durch den Deal von Platz 14 auf Platz 12 der weltgrößten Pillen-Produzenten vor.

Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, preist Wenning die anfallenden „Synergie-Effekte“ und hat auch gleich Zahlen parat. Auf 700 Millionen pro Jahr ab 2009 beziffert er die Kostenersparnis. Sie ergibt sich vornehmlich durch Arbeitsplatzvernichtung, denn das neue Ganze ist, wie im Wirtschaftsleben üblich, weniger als die Summe seiner Teile. 6.000 der 60.000 Stellen stehen auf der Streichliste. Merck hätte es bei einem Minus von 3.000 bis 4.000 Stellen belassen, aber die von vielen Experten als überhöht angesehenen Kosten für den Deal haben halt ihren Preis. Die IG Bergbau, Chemie, Energie gab trotzdem ihren Segen. „Wir begrüßen die Transaktion“, sagte Bayers Gesamtbetriebsratsvorsitzender Thomas de Win. Er gibt sich damit zufrieden, dass der Arbeitsplatzabbau „sozialverträglich“ vor sich gehen soll. Nach Schätzungen seiner Gewerkschaft plant Bayer, hierzulande 600 Jobs auf die sanfte Tour zu streichen - eine sehr optimistische Schätzung. Die vom Unternehmen angegebenen Baustellen für den Kahlschlag - Verwaltung und Forschungseinrichtungen - sind nämlich zum großen Teil in der Bundesrepublik angesiedelt und entsprechend gefährdet. Zudem will der Global Player zur Finanzierung der Übernahme seine Gesellschaften HC Starck und Wolff Walsrode abstoßen. Nach Lage der Dinge werden sie wohl bei einem Finanzinvestor landen, wobei kaum alle aus der Belegschaft an Bord bleiben dürften. Den Standorten stehen also unruhige Zeiten bevor, da nützen auch die Worte Angela Merkel nichts, die an die Verantwortlichen appellierte, die „Anpassung“, wie die Bundeskanzlerin die Arbeitsplatzvernichtung nennt, doch bitte nicht zu Lasten bundesdeutscher Arbeitsplätze vorzunehmen.

Die Beschäftigten wissen, was die Stunde geschlagen hat. „Die Stimmung ist beschissen. Wie soll sie auch sein, wenn angekündigt wird, dass 6.000 Stellen gestrichen werden sollen“, sagte ein Schering-Mitarbeiter einem Journalisten der „Welt am Sonntag“. Ihm und seinen Kollegen steht im Zuge der Zusammenlegung ein Ausscheidungswettkampf bevor. Den verlieren nicht nur die Beschäftigten. Nach bisherigen Erfahrungen führen die Fusionskonfusionen durch die Vergiftung des Betriebsklimas regelmäßig zu einem Abfall der Produktivität.

Wirtschaftssenator Harald Wolf von der Linkspartei begrüßt den Aufkauf trotz dieser Widrigkeiten. Nach seinen von der Süddeutschen Zeitung zitierten Worten bietet dieser gute Chancen für die Gesundheitswirtschaft Berlins sowie der Region und mittelfristig auch für den Arbeitsmarkt - was allerdings fraglich erscheint. Der Finanzsenator profitiert einstweilen überhaupt nicht von dem Pharma-Geschäft. Bayer kann die Akquisition nämlich von der Steuer absetzen und hat auch schon mal durchgerechnet. Mit jährlichen Abschreibungen in Höhe von 800 Millionen bis 2016 will er die Finanzämter heimsuchen. An seinem Stammsitz in Leverkusen zahlt der Konzern wegen vergangener Firmenkäufe seit fünf Jahren kaum noch Gewerbesteuer.

Bei solchen Steuergesetzen musste Bayer natürlich zugreifen. Der Multi hat auch nicht viele Wachstumsalternativen. Nirgendwo außer in China tun sich neue Absatzmärkte auf, in den Hochpreis-Pillenparadiesen Japan und Vereinigte Staaten sieht sich der Konzern Restriktionen gegenüber, und aus den eigenen Arznei-Laboren hat er auch keine Blockbuster zu erwarten. So entschloss er sich einfach, Umsatz dazuzukaufen und die Profite durch Rationalisierungsmaßnahmen zu erhöhen. Von 19 auf 25 Prozent will Wenning die Umsatzrendite bei dem neuen Pharmariesen steigen sehen.

Jan Pehrke gehört dem Vorstand der Coordination gegen BAYER-Gefahren an