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Kinderarbeit

Jens Elmer, Eine Welt Netz NRW

Rede zur Jahreshauptversammlung von Bayer am 28.April 2006

Sehr geehrter Herr Wenning,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrates,
sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Jens Elmer. Ich arbeite für das Eine Welt Netz NRW, den Dachverband entwicklungspolitischer Organisationen und Vereine in Nordrhein-Westfalen.

In meinem kurzen Beitrag möchte ich nicht so sehr auf die finanziellen, sondern mehr auf die moralischen Werte des Konzerns eingehen.

Vor eineinhalb Jahren haben unsere indischen Partnerorganisationen uns gebeten, darauf aufmerksam zu machen, dass in der Zulieferkette der Bayer AG Kinderarbeit existiert. Die 100%ige Bayer Tochter Pro Agro Seed Company aus Indien kauft Saatgut für Baumwolle von Zulieferfarmen auf, die Kinder beschäftigen.

Lassen Sie mich kurz erläutern, warum diese Form der Kinderarbeit nicht
mit der Hilfe im elterlichen Betrieb vergleichbar ist, die Sie, geehrte Damen und Herren, möglicherweise aus Deutschland kennen.

Schon achtjährige Mädchen arbeiten bis zu 12 Stunden täglich in der sengenden Hitze auf den Feldern. Sie dürfen selbst dann nicht vom Feld gehen, wenn giftige Pestizide gesprüht werden. Bei meinem Besuch in Indien vor 6 Monaten berichteten mir Kinder von Kopfschmerzen und Schwindelgefühlen, einige mussten ins Krankenhaus. Der Schulbesuch bleibt ihnen verwährt und somit auch die Chance, dem Kreislauf der Armut zu entrinnen.

Diese Zustände finden sich nicht direkt bei Bayer selbst, sondern bei Zulieferbetrieben. Es stellt sich hier ganz allgemein die Frage, ob multinationale Konzerne nicht nur bei sich auf die Einhaltung der Menschenrechte achten müssen, sondern auch bei ihren Zulieferern.

Die OECD-Leitlinien für multinationale Unternehmen beantworten diese Frage klar: Die Verantwortung soll sich auch auf Zulieferbetriebe beziehen.
Aus diesem Grund reichten im Jahr 2004 Nichtregierungsorganisationen Beschwerde gegen Bayer beim Bundeswirtschaftsministerium ein wegen Verletzung der OECD-Leitsätze. Die Beschwerde ist noch nicht entschieden.
Dazu meine erste Frage an Sie: Wie möchten Sie die seit 2 Jahren anhängige Beschwerde zum Ende führen?

Bayer weiß von der Kinderarbeit in der Zulieferkette seit 2003. Erst durch Medienberichte, zuletzt im ARD-Fernsehmagazin Monitor, und öffentlichen Druck in Deutschland hat Bayer langsam angefangen, seine Verantwortung wahrzunehmen. Bayer entwickelte im Jahr 2005 einen Aktionsplan. Daher kam es in der abgelaufenen Erntesaison zu einer Reduzierung der Kinderarbeit von 1500 auf 450, wie der indische Wissenschaftler Dr. Davuluri Venkateswarlu ermittelte. Diese Reduzierung begrüßen wir.

Das bedeutet aber andererseits, dass der Weltkonzern Bayer seinen Jahresgewinn von etwa 1,7 Mrd. € im Jahr 2005 auch auf dem Rücken indischer Kinder erwirtschaftet hat.

Sicherlich ist Kinderarbeit in Indien verbreitet, viele kleine lokale Firmen profitieren davon. Es darf aber bezweifelt werden, dass sich Bayer mit diesen Firmen auf eine Stufe stellen möchte – sowohl von den eigenen moralischen Ansprüchen als auch von den finanziellen Möglichkeiten her!

Vor diesem Hintergrund meine zweite Frage an den Vorstand:
Inwieweit können Sie sich vorstellen, die Kinder, die jahrelang auf den Zulieferfarmen von Bayer gearbeitet haben, finanziell zu entschädigen?

Das Thema BAYER und Kinderarbeit zieht immer weitere Kreise: Einige Finanzinstitute wie Ethix und SAM, zuständig für den Dow Jones Sustainability Index, sowie mehrere kirchliche Invstoren wie die Schwedische Kirche, wandten sich mit kritischen Nachfragen zum Thema Kinderarbeit an Nichtregierungsorganisationen, indische Partnerorganisationen und einige auch an BAYER. Ebenso kontaktierte der Norwegian Government Petroleum Fund, der nach eigenen Angaben 0,77% der BAYER-Aktien hält, Nichtregierungsorganisationen.

Sehen Sie, sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes, es auch als finanzielles Risiko an, wenn Finanzinstitute und große Investoren sich über die Mißachtung der Menschenrechte und sozialer Standards bei Nichtregierungsorganiationen und bei Ihnen selbst erkundigen?

Einer Studie von indischen Wissenschaftlern und der Universität Oxford zufolge liegt der Hauptgrund für Kinderarbeit in den zu niedrigen Abnahmepreisen, die Bayer den Farmern zahlt: BAYER ist bereit, 5 Prozent mehr zu zahlen, doch 37 Prozent wären nötig, damit die Farmer statt Kinderlöhnen höhere Erwachsenenlöhne auf Basis des gestzlichen Mindestlohnes zahlen könnten.

Möchte Bayer in Zukunft um 37% erhöhte Abnahmepreise zahlen, um den Farmern die Befähigung zu geben, Erwachsenen die Mindestlöhne zu zahlen und auf Kinderarbeit zu verzichten?

Bisher lehnt BAYER höhere Abnahmepreise mit dem Argument ab, es gebe keinen Zusammenhang zwischen Abnahmepreisen und der Abschaffung der Kinderarbeit. Vielmehr verweisen Sie auf Maßnhamen zur Produktivitätsteigerung.

Wie sollen diese Maßnahmen zur Produktivitätssteigerung aussehen? Wie werden die Farmer geschult? Wird Bayer genetisch verändertes Saaatgut einsetzen?

Schon im letzten Jahr war Bayer zuversichtlich, Kinderarbeit in der Zulieferkette zu unterbinden. Dies ist, wie eben geschildert, leider nicht gelungen.

Daher meine Frage: Was wird Bayer dieses Jahr ändern, damit nicht wieder Kinder unter katastrophalen Bedingungen für Bayer-Gewinne arbeiten müssen?

Nun zum letzen Punkt:
Bei meinem Besuch in Indien berichteten mir Ärzte in Krankenhäusern von Erwachsenenen und Kindern, die nach der Pestizidausbringung mit schweren Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert werden. Darunter sind auch Todesfälle. Sie haben bereits in Ihrem Jahresbericht der Bayer AG von 1995 zugesagt, bis zum Jahr 2000 alle Pestizide vom Markt zu nehmen, die in die Gefahrenklasse 1 der Weltgesundheitsorganisation eingestuft werden.
Auf eine Anfrage bezüglich des Pestizides Monocrotophos, eingestuft in Klasse 1, haben Sie im November 2005 geantwortet: „Der Verkauf von Monocrotophos wurde Ende 2004 eingestellt. Wir haben Restbestände aus dem Handel zurückgerufen und diese sachgerecht entsorgt.!“
Wir konnten aber im September 2005 noch Monocrotophos von Bayer, ein Pestizid der Klase 1, in Indien kaufen. Die Quittung habe ich Ihnen hier mitgebracht. Es steht auch noch auf den offiziellen Verkaufslisten von Bayer in Indien.
Daher meine Frage: Wie ist es zu dieser Fehlinformtion gekommen?
Abschliessend meine letzte Frage an Sie: Wann lösen Sie endlich Ihr Versprechen von 1995 ein, alle Pestizide der Klasse 1 vom Markt zu nehmen?

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit