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STICHWORT BAYER 02/2006

Unternehmen wirbt mit Umweltzertifikat

LANXESS betreibt Greenwashing

Die ehemals zum BAYER-Konzern gehörende Chemie-Abspaltung LANXESS zeigt sich als gelehriger Schüler des Leverkusener Multis: Sie stellt sich mit Hilfe zweifelhafter Umwelt-Zertifikate als Umweltengel dar.

Von Susanne Bareiß-Gülzow

LANXESS in Marl hisste zum 10-jährigen Bestehen des Umweltaudits auch seine EMAS-Flagge. Damit wollte der Betrieb dokumentieren, dass sie auf freiwilliger Basis Umweltschutz praktizieren, der weit über die gesetzlichen Anforderungen hinausgeht. Die EMAS-Flagge steht außerdem für Transparenz und Glaubwürdigkeit. Alles Auszeichnungen, die man sich bei einem ehemaligen Tochterunternehmen von Bayer kaum vorstellen kann, das mit der Muttergesellschaft von einst immer noch gemeinsam die Chemieparks unterhält. Es ist nur eine Frage der Zeit und der umweltpolitischen Bewertung, bis nach den Marler Erfahrungen auch in den anderen Chemieparks die EMAS-Flaggen wehen werden.
EMAS ist die Abkürzung für "Eco-Management und Audit-Scheme" und stellt die höchste europäische Auszeichnung für systematisches Umweltschutzmanagement dar. Betriebe bewerten und verbessern auf Basis dieser europäischen Verordnung fortlaufend ihre eigene Umweltleistungen und veröffentlichen ihre Daten in einer von einem unabhängigen Umweltgutachter geprüften Umwelterklärung. Dafür dürfen sie mit dem EMAS-Logo werben.
Auch die Marler LANXESS-Niederlassung, früher BAYER/Buna, scheut sich nicht, ihre Umweltleistungen - genauer: sein EMAS-Logo - öffentlichkeitswirksam einzusetzten. Was die Auszeichnung angeht, so stellt sich das Unternehmen an der Lippe somit auf Augenhöhe mit dem NABU Stuttgart und weiteren fünf BUND-Geschäftsstellen in Baden-Württemberg, die auch EMAS-geprüft sind. Mit ihrer Teilnahme wollten diese aber den Anspruch an Umweltschutz gegenüber sich selbst dokumentieren und ihn einer internen und externen kritischen Prüfung unterziehen.
Doch eine kritische Prüfung der Umwelterklärung kann bei Lanxess nicht stattgefunden haben. In der letzten Zeit stolpert der VSR-Gewässerschutz immer häufiger über die von sogenannten unabhängigen Gutachtern geprüften Umwelterklärungen von Konzernen. So wurden schon die Urananreicherungslage von URENCO in Gronau und die beiden E.ON-Atomkraftwerke Isar 1 und 2 mit EMAS für ihre Leistungen im "Umweltschutz" ausgezeichnet. Deshalb forderte der VSR-Gewässerschutz Anfang dieses Jahres die Umwelterklärung von LANXESS in Marl an. Doch zugeschickt wurde nur eine gemeinsame Erklärung des Chemieparks Marl, die noch bis 2007 gültig ist. Auch diesmal wurde man wieder mit einer neuen Interpretationen der EMAS-Richtlinie konfrontiert.
"Umwelterklärungen sind ‚Röntgenbilder', die einen tiefen Einblick in die eigenverantwortlichen erbrachten Leistungen eines konsequent und systematisch praktizierten betrieblichen Umweltschutz ermöglichen", heißt in der Broschüre des Unweltgutachterausschuss (UGA) (1). Wenn ein Arzt auf den Röntgenbildern so wenig Aussagekräftiges erkennen könnte, wie der VSR-Gewässerschutz beim Suchen in der Umwelterklärung von LANXESS und den anderen Unternehmen im Chemiepark, bräuchte man nicht mehr zu röntgen.
EMAS soll eigentlich den Umweltschutz in den Betrieben vorantreiben. Deshalb fördern auch die Umweltverbände BBU, BUND und NABU im Umweltgutachterausschuss und durch eigene Projekte diese Umweltprüfung für Betriebe. Der UGA soll ein unabhängiges Beratungs- und Lenkungsgremium für das Öko-Audit sein. Ihm gehören 25 Mitglieder an, welche die verschiedenen Interessengruppen "Wirtschaft", "Gewerkschaften", "Umwelt- und Wirtschaftsverwaltungen des Bundes und der Länder", "Umweltgutachter" und "Umweltverbände" vertreten. Hier trifft man auf Vertreter großer Konzerne wie E.ON und DEGUSSA sowie auf UmweltgutachterInnen, die zweifelhafte Standorte zertifiziert haben. Der Umweltgutachter der Atomkraftwerke Isar 1 und 2 Werner Wohlfarth ist sogar stellvetretender UGA -Vorsitzender. Wenn schon einer der Vertreter der Umweltgutachter im UGA selbst einem AKW eine EMAS-Zertifizierung ausstellt, zeigt sich, dass sich hier der Umwelt-TÜV weit von den Zielen entfernt, welche die Umweltinitiativen damit verbanden.
LANXESS profitiert davon, dass DEGUSSA auf dieses Umweltzertifikat setzt. Die DEGUSSA-TOCHTER INFRACOR ist in dem Chemiepark für die Ver- und Entsorgung der ansässigen Unternehmen zuständig. Auffällig ist, dass der Chemiepark Wolfgang in Hanau, wo DEGUSSA ähnlich auftritt, durch die gleiche Gutachterorganisation EMAS zertifiziert worden ist. Der Leiter des DEGUSSA-Konzernbereichs "Umwelt, Sicherheit, Gesundheit und Qualität", Dr. Jochen Rudolph, ist auch einer der stellvetretenden Vorsitzender im UGA und einer der sogenannten unabhängige Gutachter, Michael Sperling, stellvertretendes Mitglied im gleichen Ausschuss.
Auch wenn die Umweltverbände BUND, NABU und BBU dort ebenso vertreten sind, konnten sie nicht verhindern, dass die VertreterInnen der großen Konzerne und UmweltgutachterInnen Richtlinien und Voraussetzungen für EMAS in ihrem Sinne gestalten.
Das nutzen dann DEGUSSA und LANXESS für ihre Standorte aus. Außerdem können die UmweltvertreterInnen auch nicht verhindern, dass sich die Konzerne ihre Gutachter selbst aussuchen. Da die UmweltgutachterInnen auf die Aufträge aus der Industrie angewiesen sind, sind sie kaum unabhängig. Die wirklich auf die Umwelt bedachten VertreterInnen anderer Interessengruppen tun sich natürlich schwer, gegen Ausschussmitglieder vorzugehen. Man kennt sich und sieht lieber über kritsche Zertifizierungen hinweg.
Mit EMAS ausgezeichnete Unternehmen verpflichten sich zur kontinuierlichen Verbesserung ihrer Umweltleistung. Dazu werden die einzelnen Ziele im öffentlich zugänglichen Umweltbericht dargestellt. Bei LANXESS ist nur eine Maßnahme genannt. So soll die Lärmbelästigung durch die Optimierung der Dampfregelung beim Fackelbetrieb bis 2006 verringert werden. Die anderen in den Bericht aufgenommenen Unternehmen planten wesentlich mehr Verbesserungen. Auch wenn zu den Umwelterklärungen noch weitere Maßnahmen hinzukommen werden, ist hier die Darstellung einfach nur lächerlich.
Über die Konzentrationen der Schadstoffe im Abwasser kann man zu den einzelnen auf dem Gelände tätigen Betrieben im Umweltbericht nichts entnehmen. Es wird nur die Abwasserfracht des gesamten Chemieparks angegeben. Die Kläranlage vom Chemiepark Marl erledigt alles zentral. Sicher ist das eine kostengünstige Betreibungsform, wogegen auch nichts einzuwenden ist. Aber wenn verschiedene Abwässer gemischt werden, ohne dass vorher die Belastung angegeben wurde, ist nicht mehr klar, ob Verantwortliche bei LANXESS die gesamte Umweltbelastung durch das eigene Abwasser richtig einschätzen. Leider lassen sich auch viele Problemstoffe auf diese Weise durch das Abwasser der anderen Unternehmen verdünnen und dadurch verstecken. Das führt dann aber nicht zu einem gutem betrieblichen Umweltmanagement. Ob Unternehmen wie LANXESS Schadstoffe im Abwasser betriebsintern noch verringern könnten, ist so wegen fehlender Information nicht zu beurteilen. Doch profitiert LANXESS durch den Zusammenschluss im Chemiepark von den Erleichterungen beim Abwasserrecht, die den EMAS-zertifizierten Betrieben in NRW wie auch in anderen Bundesländern inzwischen als Anreiz gewährt werden. Wenn staatliche Kontrollen verringert werden, sollte der Öffentlichkeit die "Vorbildlichkeit" der einzelnen Konzerne in Bezug auf Umweltschutz auch in der Umwelterklärung dargestellt werden. Dies ist bei der "gemeinsamen Umwelterklärung" aber nicht der Fall.
EMAS-Umwelterklärungen sind die "ökologischen Visitenkarten" ihrer Herausgeber. Hier kann man sich in der Öffentlichkeit gut darstellen. Daher sollen diese Firmen auch den offenen Dialog in der Öffentlichkeit suchen - doch davon ist man bei BAYER & Co. noch meilenweit entfernt. Man denke nur daran, dass vor Jahren das Abwasser bei BAYER einfach zum Betriebsgeheimnis erklärt wurde, woraufhin ein Richter korrigierend eingreifen musste.
Was bleibt, ist eine Umwelterklärung, die LANXESS Nutzen bringt, aber die Öffentlichkeit nicht wirklich über die Umweltfaktoren informiert. Die BürgerInnen erfahren immer noch nicht, wie nachhaltig das Unternehmen überhaupt arbeitet. Schon 1993 versuchte BAYER sich in Dormagen durch ein Ökoaudit sauberer darzustellen. Obwohl in den Folgejahren keine erneute Validierung dieser Umweltauszeichnung gelang, wirbt das Werk auf seiner Homepage immer noch damit. Genauso soll dieses überaus fragliche Instrument jetzt LANXESS grüner erscheinen lassen als dieser Konzern ist.

Die Autorin Susanne Bareiß-Gülzow ist Mitarbeiterin des VSR-Gewässerschutzes. Der Artikel "Umweltprädikat für einen Atommeiler" ist in der Waterkant Nr. 2/2005 erschienen. Er kann auch unter www.vsr-gewaesserschutz.de abgerufen werden.

1)Umweltgutachterausschuss: Die EMAS-Umwelterklärung fundiert und anschaulich gestaltet; 2003
2)Chemiepark Marl: Gemeinsame Umwelterklärung von 2004