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Offener Brief

19. Dezember 2006

CO2–Emissionen der deutschen Industrie

Sehr geehrte Frau Merkel,

wir reagieren mit diesem Schreiben auf den vom BDI initiierten Offenen Brief, in dem 15 Konzern-Vorstände die von der EU vorgeschriebene Emissionsminderung attackieren. Wir fordern, dass die Industrie notfalls gezwungen werden muss, ihre CO2-Emissionen zu mindern. Außerdem fordern wir, dass alle Groß-Unternehmen ihre Treibhaus-Emissionen vollständig offenlegen müssen, das heißt inclusive der Emissionen ihrer Zulieferer.

Unser Verein beschäftigt sich seit 25 Jahren mit Risiken, die von der Geschäftstätigkeit des Bayer-Konzerns ausgehen. Zum Thema Klimaschutz schreibt Bayer in seinem „Nachhaltigkeitsbericht“, dass „konzernweit die direkte Emission klimarelevanter Gase seit 1990 deutlich über 60% reduziert“ wurde. Diese Erfolgsbilanz verbindet das Unternehmen mit Forderungen an die Politik wie der Abschaffung von Ökosteuer und Erneuerbare-Energien-Gesetz sowie einem entschärften Emissionshandel.

Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass der Rückgang der Emissionen von Bayer zum Teil nur auf dem Papier existiert:

· Der Fremdbezug von Energie stieg im Berichtszeitraum stark an - während Bayer 1992 noch 83 Prozent seines Energiebedarfs selbst erzeugte, waren es zehn Jahre später nur noch 58 Prozent. Die restlichen 42 Prozent bezog der Konzern von externen Anbietern. Die bei der Erzeugung anfallenden CO2-Emissionen werden in der Klimabilanz des Unternehmens NICHT berücksichtigt.
· Im Jahr 2001 wurde eine 50%-ige Beteiligung an der EC Erdölchemie verkauft. Die Erdölchemie hatte fast ein Viertel der Produktionsmenge des Bayer-Konzerns ausgemacht und war für einen CO2-Ausstoß von 3,1 Mio to pro Jahr verantwortlich. Diese Emissionen wurden nicht eingespart, sondern nur umgebucht - auf das Konto des neuen Besitzers BP.

Die für den Klimaschutz einzig relevante Größe – der CO2-Ausstoß in der gesamten Produktionskette – wird nicht angegeben und lässt sich aus den von Bayer bereitgestellten Daten nicht ermitteln. Auch die Unternehmensberatungen Arthur D. Little und Dr. Hardtke kritisieren daher die Darstellung des „Nachhaltigkeitsberichts“ in ihrem Validierungsstatement: „Zusätzlich zum Energieverbrauch werden auch die CO2-Emissionen berichtet. Allerdings ist diese Information von begrenzter Relevanz, weil Emissionen aus der Produktion extern erzeugter Energie nicht berücksichtigt werden und die berichtete Reduzierung zum Teil aus dem zunehmenden „Out-sourcing“ der eigenen Energieerzeugung resultiert.“

Der Konzern lässt sich von der wiederholt geäußerten Kritik nicht beirren. So wiederholte der Vorstandsvorsitzende Werner Wenning in der diesjährigen Bilanzpressekonferenz: „Bayer ist mit gutem Beispiel vorangegangen und hat seine Treibhausemissionen seit 1990 um deutlich mehr als 60% reduziert.“ In der diesjährigen Hauptversammlung behauptete Wenning, dass die Reduktion des Ausstoßes von klimaaktiven Gasen um mehr als 70% „von externen Gutachtern verifiziert“ worden sei. Hinweise auf die Nicht-Berücksichtigung der CO2-Emissionen der Energie-Zulieferer sowie auf den Beitrag des Outsourcings unterbleiben hierbei. Selbst den Begriff „direkte Emissionen“, der im Nachhaltigkeitsbericht gewählt wurde und der anzeigt, dass es zusätzliche „indirekte Emissionen“ der Energie-Zulieferer gibt, ersetzte Wenning durch den Ausdruck „Emissionen“.

Das Vorgehen von Bayer ist für uns höchst kritikwürdig: zunächst wurde ein ausführlicher Bericht vorgelegt und validiert. Danach wurden einzelne Aussagen des Nachhaltigkeitsberichts fehlerhaft wiedergegeben und mit dem Hinweis auf die Validierung untermauert. Die Kritik der Prüfer bleibt dabei unberücksichtigt. Schließlich wendet sich das Unternehmen an Politik und Öffentlichkeit und fordert wegen der vorgeblichen Erfolge beim Klimaschutz eine Abschwächung gesetzlicher Regelungen. Höhepunkt dieser Kampagne ist der Offene Brief des BDI, in dem die großen Erzeuger von Treibhaus-Gasen von ihren früheren Versprechen abrücken.

Mit buchhalterischen Tricks und unverbindlichen Selbstverpflichtungen lässt sich das Klima nicht retten. Wir fordern daher, dass große Emittenten von Klimagasen eine vollständige Bilanz ihrer Treibhaus-Emissionen vorlegen müssen, d.h. incl. ihrer Energie-Zulieferer, und dass die Industrie gesetzlich dazu gezwungen wird, ihre Emissionen kontinuierlich zu senken.

Mit freundlichen Grüßen,

Philipp Mimkes
Geschäftsführer Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V.