Die Süddeutsche Zeitung vom 04. Juni 2008 nennt die gegenwärtige Agrarindustrie "auf lange Sicht eine Gefahr für die Menschheit" und fordert, die Macht der Unternehmen zu beschneiden. Lesen Sie hierzu auch unsere Presse Information Agro-Konzerne gefährden Ernährungssicherheit.
Nahrung für alle
Eine undurchsichtige Agrarindustrie ist eine Gefahr für die Menschheit. Wer den Hunger bekämpfen will, muss die Agrarkonzerne regulieren.
Ein Kommentar von Silvia Liebrich
Inzwischen hat es sich sogar in Hochfinanz-Kreisen herumgesprochen: Die Landwirtschaft ist eine Branche mit großer Zukunft. Selbst der renommierte US-Rohstoffexperte Jim Rogers wirbt bei Vorträgen vor Investmentbankern für den Berufsstand des Bauern. "Wenn Sie Geld verdienen wollen, dann hängen Sie Ihren Job an den Nagel und werden Farmer", empfiehlt er seinen verdutzten Zuhörern, wenn diese wissen wollen, mit welchen Rohstoffen künftig am meisten Geld zu verdienen sein wird.
Was für diese Finanzexperten völlig absurd klingen mag, hat einen handfesten Hintergrund. Getreide, Reis und andere Grundnahrungsmittel sind so teuer wie selten zuvor und für viele Menschen kaum noch bezahlbar. Der Agrarsektor steht deshalb vor der größten Herausforderung seit gut einem halben Jahrhundert. Wenn die Bauern den Hunger der wachsenden Weltbevölkerung stillen wollen, müssen sie auf ihren Feldern in Zukunft deutlich mehr ernten.
Doch wie kann die Produktion ausgeweitet werden? Seit Jahren wachsen die Ernteerträge kaum noch. Von der Politik wurde die Lösung dieser Frage viel zu lange vernachlässigt. Es ist deshalb höchste Zeit, wenn UN-Generalsekretär Ban Ki Moon beim Welternährungsgipfel in Rom eine "Wiederbelebung der Landwirtschaft" fordert und gleichzeitig klarstellt, dass es mit den üblichen Finanzspritzen zur Versorgung von Hungerregionen nicht mehr getan ist. Gefragt sind stattdessen weitsichtige Strategien, die den vernachlässigten Agrarsektor wieder in Schwung bringen.
Zeit des Überflusses
Dabei ist es nicht das erste Mal, dass die Welt auf eine Hungerkatastrophe zusteuert. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es schon einmal so weit. Die Weltbevölkerung war nach dem Zweiten Weltkrieg so rasant gewachsen, dass die landwirtschaftliche Produktion nicht Schritt halten konnte. Wissenschaftler wie der US-Nobelpreisträger Norman Ernest Borlaug stellten die bis dahin gängigen Anbau- und Pflanzenzuchtmethoden in Frage und revolutionierten die Agrarwissenschaft. Sie entwickelten etwa Getreidesorten, die dreimal so viel Ertrag brachten wie bis dahin bekannte Sorten. Mit diesem enormen Fortschritt gelang es, eine Hungerkrise abzuwenden.
Was folgte, war eine Zeit des Überflusses - und ein beispielloser Preisverfall an den Agrarmärkten. Bis in die neunziger Jahre mussten in Europa noch Getreide-, Milch- und Butterüberschüsse vernichtet werden, um die Preise zumindest auf niedrigem Niveau zu stabilisieren. Investitionen in ertragreicheres Saatgut wurden drastisch zurückgefahren. Die reichen Industrieländer und auch die Weltbank beschnitten ihre Forschungsbudgets. Dies rächt sich nun. Weltweit fehlen unabhängige Forschungkapazitäten. Ein Wissensaustausch auf internationaler Ebene findet kaum statt. Dies geht vor allem zu Lasten vieler Kleinbauern in den armen Ländern, die sich modernes Saatgut nicht leisten können.
Die Pflanzenzucht bleibt stattdessen fast ausschließlich einer mächtigen Agrarindustrie überlassen, die sich nicht in die Karten schauen lässt. Großkonzerne wie der US-Hersteller Monsanto machen glänzende Geschäfte damit, Saatgut zu entwickeln, das hohe Erträge verspricht, aber nur, wenn die passenden Kunstdünger und Pestizide eingesetzt werden. Besonders alarmierend ist, dass in den Labors dieser Firmen vor allem Pflanzen gezüchtet werden, die sich nicht mehr selbst vermehren können.
Die Ernährung künftiger Generationen kann so nicht gesichert werden. Diese Art der Forschung dient allenfalls der Gewinnmaximierung einzelner Hersteller. Die Bauern werden in eine Abhängigkeit getrieben, der sie kaum entrinnen können. Eine undurchsichtige Agrarindustrie, die so gut wie keinen Kontrollen unterliegt, ist auf lange Sicht eine Gefahr für die Menschheit. Wer also eine Wiederbelebung der Landwirtschaft fordert, muss sich auch Gedanken über eine Regulierung dieser Branche machen. Eine zweite grüne Revolution kann nur einer Agrarwirtschaft gelingen, die transparent ist und von einem offenen Wissenstransfer profitiert.

