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DIE ZEIT

DIE ZEIT, 39/1995

Kapital-Verbrechen auf der Spur

Von Herbert Stelz
Für Gerd Schneider ist es das "Schönste, was uns im Moment passieren konnte". Der Diplomchemiker ist Sprecher der Interessengemeinschaft der Holzschutzmittelgeschädigten (IHG), die soeben einen herben Rückschlag hinnehmen mußte. Der Bundesgerichtshof hat das vielbeachtete Strafurteil des Frankfurter Landgerichts gegen zwei Manager der Firma Desowag aufgehoben und zurückverwiesen (siehe ZEIT Nr. 36/95). Schneider freut sich trotzdem, weil er einen Preis gewonnen hat, den BCC-Preis. BCC steht für Business Crime Control und ist ein eingetragener Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, über Wirtschaftsverbrechen aufzuklären. Gegründet hat ihn der bisher einzige deutsche Hochschulprofessor mit dem Titel Wirtschaftskriminologe gemeinsam mit einem ehemaligen BKA-Beamten. Hans See lehrt Politikwissenschaft für Sozialarbeiter an der Fachhochschule Frankfurt, Dieter Schenk war bis vor fünf Jahren Direktor in der Stabsstelle Interpol des BKA, seitdem ist er freier Publizist. Sein politischer Tatsachenroman "BKA - Die Reise nach Beirut" erregte erhebliches Aufsehen.
Bis heute hat BCC etwa 140 Mitglieder versammelt, entsprechend bescheiden ist mit 3000 Mark der Preis dotiert. Dessen Bedeutung liegt wohl weniger im Monetären als im Symbolischen. 1993 erhielt ihn die Coordination gegen Bayer-Gefahren, eine Bürgerinitiative, die sich kritisch mit den Aktivitäten des gleichnamigen Konzerns befaßt. Im vorigen Jahr wurde Karl-Heinz Wallmeier geehrt, der Kriminalhauptkommissar, der auf eigene Faust und gegen den Widerstand der eigentlich geforderten Bielefelder Staatsanwaltschaft dem Zweieinhalb-Milliarden-Ding um den Sportbodenhersteller Balsam auf die Spur kam.
Was aber haben Holzschutzmittel mit Wirtschaftskriminalität zu tun? Für Ehrende wie Geehrte ist die Sache klar: Die Hersteller hätten sich, so BCC-Vorsitzender See, "verantwortungslos und gesetzeswidrig" verhalten. Umweltkriminalität aber sei "ein Unterfall von Wirtschaftskriminalität".
Diejenigen, die versuchen, "Aufklärungsarbeit auf diesem Gebiet" zu betreiben, hätten dafür "einen Preis verdient". Für den IHG-Sprecher Schneider liegt der Zusammenhang ebenfalls "auf der Hand". Die Gifte in den Holzschutzmitteln seien nichts anderes als "Abfallprodukte der chemischen Industrie". Die Hersteller hätten schon früh "von der Gefährlichkeit dieser Gifte gewußt". Trotzdem hätten sie eher darauf geachtet, "daß man Profit damit macht", statt die Verbraucher zu warnen.
Ein Definitionsproblem. Kann man Managern kriminelles Verhalten unterstellen, die zwar ausdrücklich nicht freigesprochen sind, deren Verurteilung jedoch erst einmal aufgehoben wurde? Für den ehemaligen Spitzenpolizisten und BCC-Mitgründer Dieter Schenk ist das kein Problem. Gerade das sei "wesentliche Aufgabe von BCC", den quasikriminellen Charakter auch solcher wirtschaftlichen Tätigkeiten zu entlarven, die vom Gesetz noch "gar nicht als kriminell definiert" sind. Dazu zähle auch, wenn "Firmen andere Firmen in den Ruin treiben", wenn "im Zusammenwirken mit gekauften Gutachtern" Existenzen vernichtet werden und "Machenschaften stattfinden", die "nicht greifbar" sind und auch "nicht ohne weiteres aufklärbar".
Organisierte Kriminalität und Mafia sind für BCC nur Teilbereiche der Wirtschaftskriminalität. Gerade ganz normale, unverdächtige Unternehmen, beschreibt See die Grauzone, versuchten zunehmend, durch Verstöße gegen die Gesetze "zusätzliche Gewinne zu machen". Da werden dann eben "Abfälle illegal entsorgt oder Steuern hinterzogen". Business Crime Control will vor allem die Öffentlichkeit aufklären. Gleichwohl: Der Verein betrachtet sich "nicht als Ersatzpolizei", baut Exdrogenermittler Schenk vor, "die selber Fälle aufklärt".
Fälle gibt es reichlich. Beinahe täglich laufen im vorläufigen Vereinsbüro in der Maintaler Privatwohnung von Hans See Berichte über kleine und große Wirtschaftsgangstereien ein. So verfüge BCC als einer der ersten über die anonym verschickte "Balsam-Akte". Auch andere Fälle landen bei BCC, oft hoffnungslose. Da schwätzten Drücker einem arbeitslosen Ossi die Gründung einer Chinchillazucht auf. Der örtlichen Volksbank reichte die Kopie eines Finanzierungsplans der dubiosen Verkäufer für einen dicken Kredit. Die Felle der Tierchen sollten schon bald verlockenden Profit bringen. Statt dessen zerbissen die Viecher sich dieselben, brachten nur Totgeburten zur Welt und fraßen zuviel. Das Geschäft hatte sich nur für die Betrüger rentiert. Der Staatsanwalt aber resignierte; die Betrügerbranche war zwar aktenkundig, aber nicht zu fassen.
In einem anderen Fall war ein Schweizer Rechtsanwalt der großangelegten Geldwäsche eines Industriemagnaten auf die Spur gekommen. Beim Versuch, die Interessen der Erben zu vertreten, zog er sich indes die geballte Feindschaft der schweizerischen Bankenwelt und hernach die der eidgenössischen Staatsgewalt zu. Der Anwalt emigrierte.
"Die Opfer, die zu uns kommen", berichtet Hans See, seien meist "vom Rechtsstaat bereits abgeschmettert. Sie glauben, wir könnten ihnen ihre Verluste wieder einbringen." Solche Erwartung muß BCC enttäuschen. Vorrangiges Ziel sind Analyse und Theoriebildung. "Wir müssen erst mal klarmachen", so See, "daß die Wirtschaftskriminalität ein ernstes Problem ist, nicht peanuts, wie ein berühmter Banker mal gesagt hat."
BCC ist ohne den Professor nicht vorzustellen. An der Fachhochschule baut er mit Studenten an einem computergestützten Forschungsprojekt zum Thema. Lückenlos seit 1945 werden verschiedene Publikationen nach Wirtschaftsvergehen ausgewertet. Das Material geht in eine Datenbank. Noch sind die eingegebenen Daten nicht repräsentativ genug, das ursprünglich gewählte EDV-Programm muß noch einmal umgebaut werden. Doch bereits jetzt ergibt sich für See Beeindruckendes: "Die kleinen Leute", werde behauptet, "mißbrauchen das soziale Netz". Dieser Schaden aber belaufe sich auf "etwa zwei Milliarden Mark" im Jahr. Die Wirtschaftskriminalität jedoch verursache "mindestens zweihundert" Milliarden. "Kein Mensch jedoch", ärgert sich See, spreche über diese "kriminelle Form von Profit".
Im Gespräch mit dem BCC-Vorsitzenden ist man versucht, das Ganze für eine One-man-Show zu halten. Doch verschmitzt greift er in seine meterlangen Bücherregale und präsentiert knapp zwei Dutzend Werke zum Thema: Jürgen Roth über Armut und Waffenhandel, Dieter Schenk sowie Manfred Such über die Polizei, Werner Raith und Rolf Uesseler über die Mafia, Siegfried Pater zum Organhandel, Johannes Ludwig zur Wohnmisere, Edmund Haferbeck über die Justiz, Werner Rügemer zu Abwasser und See selbst über Wirtschaftsverbrechen und Kapital-Verbrechen. "Das sind alles unsere Mitglieder", sagt der Vorsitzende nicht ohne Stolz. Am liebsten würde See seinen Verein für die Wirtschaft zu dem machen, was Greenpeace für die Umwelt ist und amnesty für die Menschenrechte. Doch er kennt auch den Unterschied: "Wir können nur über die intellektuelle Einsicht arbeiten", schränkt See ein, "unser Thema ist völlig ungeeignet für spektakuläre Aktionen."