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STICHWORT BAYER 04/2008

BAYER & die Bankenkrise

„Wir müssen jetzt die Bremsen lösen“

„Es zeichnet sich die schlimmste Rezession seit einem Vierteljahrhundert ab“, konstatierten BAYERs Aufsichtsratschef Manfred Schneider und seine 46 Manager-Kollegen vom „European Roundtable of Industrialists“ auf einem Treffen in Istanbul. Deshalb erklärten sich die Konzernlenker zwar bereit, staatliche Notfallmedizin zur Stützung des Bankensektors und Nachfrage-Stimulation zu schlucken, aber auf keinen Fall wollen sie ewig am Tropf der Politik hängen. Auch BAYER-Chef Werner Wenning warnt vor Überregulation. Er plädiert mit Friedrich Merz dafür, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben und gerade jetzt mehr Kapitalismus zu wagen. „Es wäre deutlich besser, jetzt jene Bremsen zu lösen, die Wachstum behindern“, meinte Wenning in einem Faz-Interview.

Von Jan Pehrke

„Finanzkrise? Nicht mit uns!“, hieß es beim Leverkusener Multi lange. „BAYER im 2. Quartal weiter erfolgreich“, vermeldete der Aktionärsbrief vom Juni 2008. Auch das 3. Quartal ließ kaum Wünsche offen. „BAYER glänzt in unsicheren Zeiten“ und „BAYER ist gut gepolstert“ lauteten die Überschriften in den Zeitungen. Selbst als der Konkurrenz BASF am 20. November die vorübergehende Stillegung von 80 Kunststoff-Anlagen annoncierte, reagierte der Chemie-Multi noch gelassen. Es laufe im entsprechenden Unternehmensteil bereits seit längerem ein Rationalisierungsprogramm, und im Übrigen sei man vorbereitet, falls es weiteren Änderungsbedarf gebe. Den gab es dann allerdings schon fünf Tage später. Am 25. November kündigte der Global Player an, die Polycarbonat-Fertigung um ein Viertel zu reduzieren und dazu an zehn Standorten Werke „vorübergehend aus dem Betrieb zu nehmen“.
Damit war die Finanzkrise endgültig in BAYERs Realwirtschaft angekommen. Sie nahm den Umweg über die Auto-Industrie, die im Normalfall ca. 18 Prozent des Konzern-Kunststoffes abnimmt, nun aber aufgrund ihrer Absatzprobleme kaum noch etwas orderte. Auch die von der platzenden Immobilienblase getroffene Bau-Branche, sonst für 14 Prozent der Umsätze gut, füllte die Auftragsbücher nicht mehr. Hatte das Geschäft mit Plaste & Elaste schon das ganze Jahr über an den gestiegenen Energie- und Rohstoffkosten zu leiden, so brach es jetzt endgültig ein. Den Beschäftigten, denen das letzte, 300 Millionen Euro schwere Sparprogramm noch in den Knochen steckt, dürfe nun weitere Unbill drohen, um so mehr, als der Vorstandsvorsitzende Werner Wenning in einem Faz-Interview bereits vor der Produktionsdrosselung gedroht hatte: „Darüber hinaus prüfen wir ständig, wo wir effizienter und besser werden können“. Der Chef der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE, Hubertus Schmoldt, hat BAYER & Co. jedenfalls schon einmal gewarnt: Sollten sie die gegenwärtige Situation zu Sozial- und Tarifabbau nutzen, so müssten sie sich auf knallharte Konflikte mit der Gewerkschaft einstellen.
Ansonsten gibt sich BAYER weiterhin krisenfest. Mit dem Pharma- und Agrarbereich seien 70 Prozent der Aktivitäten kaum konjunkturabhängig, konstatiert Wenning. Krank werden die Leute immer, und landwirtschaftliche Produkte, für deren unbeschwertes Gedeihen das Unternehmen mit seinen Pestiziden zu sorgen vermeint, brauchen die Menschen auch ständig, macht sich der Multi Mut. Ungeachtet dessen trifft die Rezession den Leverkusener Multi nicht nur im Kunststoff-Segment. So haben die Pensionskassen durch die Kursstürze an den Börsen so große Einbußen erlitten, dass Werner Wenning in seiner Rede zum Geschäftsverlauf im 3. Quartal schon den Norbert Blüm geben musste. „Die zusätzliche betriebliche Altersversorgung für unsere Mitarbeiter ist sicher. Denn spekulatives Verhalten gehört nicht zur Anlagestrategie“, so der Große Vorsitzende.
Zudem bekommt der Pharma-Riese die Kreditklemme zu spüren und kann nicht mehr unbeschwert auf Einkaufstour gehen. Während der „Verband der Chemischen Industrie“ die Branche noch mit ausreichend Liquidität ausgestattet sieht, sagte Wenning der Faz: „In der Größenordnung von zehn Milliarden Euro dürfte eine Akquisition für die meisten derzeit nicht mehr finanzierbar sein“. Die Geldhäuser versuchen sogar, die Konditionen von schon gewährten Krediten nachzuverhandeln, und die Risikoprämien bei den Kreditausfall-Versicherungen steigen. Auch das Begeben von Unternehmensanleihen kommt den Konzernen teurer zu stehen. Zeigten sich die KäuferInnen der BAYER-Anleihe vor zwei Jahren noch mit einer Verzinsung zufrieden, die nur 0,62 Prozent über derjenigen von Bundesanleihen lag, so müsste der Agro-Riese heute schon 1,91 Prozent zusätzlich bieten. Und eine neue Anleihe wäre wohl nicht unter Zinsen von fünf Prozent loszuschlagen. Zudem steigen die Konditionen der Kreditausfall-Versicherungen.
Nicht zuletzt wegen dieser trüben Aussichten lobte Wenning das von der Großen Koalition geschnürte Rettungspaket für die Banken und die anderen Maßnahmen. „Die Bundesregierung hat schnell und positiv reagiert. Wir halten die jüngsten Stabilisierungsmaßnahmen für ebenso wichtig wie notwendig und hilfreich“, stellte er auf der letzten Bilanzpressekonferenz fest. Er hätte sich da allerdings auch gleich selber loben können, denn BAYER-Aufsichtsrat Paul Achleitner, im Hauptberuf Finanzchef der ALLIANZ, saß bei den Beratungen mit am Tisch. Andererseits hatte Wenning auch einiges dafür getan, dass es überhaupt so weit kam. Als Aufsichtsratsmitglied und Vorsitzender des Beraterkreises der DEUTSCHEN BANK hatte der BAYER-Boss nämlich einen guten Einblick in das globale Finanzwesen. Aber eine Verletzung der Aufsichtspflicht wollte er sich von der Zeitschrift Capital nicht nachsagen lassen. Auf die Frage: „War Ihnen angesichts der gigantischen Deals nie unbehaglich zumute?“, antwortete er bloß ausweichend: „Sofern Investoren einen nachhaltigen Ansatz verfolgen, ist nichts dagegen einzuwenden“.
Stattdessen wäscht Wenning seine Hände in Unschuld und unterscheidet zwischen der bösen Finanzwirtschaft und der guten Realwirtschaft. „Wir von der Industrie haben uns da wenig vorzuwerfen“, tönte er im Spiegel. Tatsächlich gibt es Unterschiede zwischen der Finanz- und der Realwirtschaft, moralischer Art sind diese jedoch nicht. Hedge-Fonds, die für ihre AnlegerInnen das Maximale in minimaler Zeit herausholen müssen, üben über ihre Aktienpakete viel Druck auf die Konzerne aus. Da die Multis teilweise selber gar nicht mehr so genau wissen, welche Investoren Anteile von ihnen halten oder diese in Zukunft zu halten gedenken, haben BAYER und andere Dax-Unternehmen im August die Gunst der Stunde genutzt und in einem Brief an Peer Steinbrück strengere Kapitalmarkt-Regelungen angemahnt. Als Nachbesserungen zum „Risikobegrenzungsgesetz“ forderten die Finanzvorstände unter anderem umfassendere Offenlegungspflichten, mehr Klarheit über die wirklichen Besitzverhältnisse und allgemein mehr Transparenz ein.
Der Spiegel kaufte Wenning die Zwei-Welten-Theorie allerdings nicht so ganz ab und hakte nach: Aber gibt es nicht eine gemeinsame Ursache für die Krise: das übertriebene Streben der Manager nach Profit?“ Der Konzern-Lenker hielt das nicht bloß für zu kurz gegriffen, er gab sich überdies als „Gier ist geil“-Anhänger zu erkennen: „Vielleicht ist ein wenig ‚gesunde‘ Gier sogar ganz nützlich und natürlich. Das treibt uns an und bringt uns weiter“. Zu Selbstkritik sieht Werner Wenning also keinen Anlass. Der Kapitalismus steckt für ihn nicht in der Krise; er bietet sich vielmehr als Heilmittel an. „Mehr Kapitalismus wagen“, das steht nicht nur für Friedrich Merz statt keynsianistischen Konjunkturprogrammen nun auf der Agenda. „Es wäre deutlich besser, jetzt jene Bremsen zu lösen, die Wachstum behindern“, meinte der Ober-BAYER in der Faz.
Als eine solcher Bremsen erachtet er die von der EU geplanten strengen Auflagen für den Emissionshandel. Waren die Lizenzen zum Kohlendioxid-Ausstoß bislang so großzügig bemessen, dass die Schornsteine des Chemie-Multis weiterhin nach Lust und Laune qualmen konnten und der Konzern keine Verschmutzungsrechte kaufen musste, so plant Brüssel seit längerem Änderungen. Das behagt dem Manager gar nicht. Darum ist es seiner Meinung nach jetzt der richtige Zeitpunkt, um „eine investitionshemmende Ausgestaltung des Emissionshandels zu vermeiden“.
Der „European Round Table of Industrialists“ (ERT), dem neben BAYERs Aufsichtsratchef Manfred Schneider noch 46 weitere Top-Manager angehören, tritt indessen für Zinssenkungen und Investionen in die Infrastruktur ein, damit „die schlimmste Rezession seit einem Vierteljahrhundert“ so glimpflich wie möglich verläuft. Das Heft aus der Hand nehmen lassen will sich die Organisation allerdings ebenso wenig wie Wenning - eindringlich warnt der ERT vor einer „Überregulierung in der Industrie“.
Und die Politik arbeitet die Wunschliste der Global Player fleißig ab. Die Bundesregierung bemüht sich mit aller Kraft, beim Emissionshandel Ausnahmeregelungen für die bundesrepublikanische Industrie herauszuschlagen und dürfte damit aller Voraussicht nach Erfolg haben. Ihr Konjunkturpaket enthält derweil weitere Geschenke. So plant die Große Koalition etwa, die Abschreibemöglichkeiten auszuweiten und den Konzernen so Zinsgewinne zu bescheren. Für den Sachverständigenrat sind das indessen nur milde Gaben. Er will unter anderem das ohnehin schon beispiellose Füllhorn „Unternehmensteuerreform“, das den Unternehmen Abgaben in Höhe von ca. zehn Milliarden Euro ersparte, noch ein bisschen mehr füllen. Die WirtschaftswissenschaftlerInnen plädierten dafür, die mit der letzten „Reform“ eingeführte Zinsschranke wieder hochzuziehen und es BAYER & Co. wieder zu gestatten, ihre Zinszahlungen steuermindernd vom Umsatz abzuziehen. Den Fiskus würde diese kleine Aufmerksamkeit ungefähr 25 Milliarden Euro kosten.
So kümmern sich alle liebevoll um den bedauernswert maladen Kapitalismus und versuchen, ihn wieder aufzupäppeln. Auf die Idee, ihn selbst als Krankheit zu betrachten, der immer mehr Opfer fordert, kommt so recht niemand. Schuld an dem Desaster haben wahlweise die US-amerikanische Wirtschaftskultur, die nichts von „sozialer Marktwirtschaft“ wissen wolle, der Neoliberalismus, oder der „irreale“ Finanzsektor, der den real existierenden Unternehmen übel mitspiele, aber nie das Ding an sich.
Dabei hat die gegenwärtige Krise im Herzen des Kapitalismus, der Produktion, ihren Ausgang genommen, und zwar nicht erst vor ein paar Monaten. Nach Ansicht des Publizisten Robert Kurz gibt es mindestens seit den frühen 80er Jahren eine „schwindende(n) Basis der realen Verwertung“ und damit einhergehend eine wachsende Basis der „fiktiven“ Verwertung auf den Finanzmärkten. Die technologische Entwicklung ermöglichte zwar enorme Produktivitätsfortschritte, aber mit den im Zuge dieses Prozesses entlassenen ArbeiterInnen verabschiedeten sich BAYER & Co. auch von ihren Mehrwert-ProduzentInnen. Maschinen können die Konzerne nicht ausbeuten, und so nahm die Wertsubstanz der einzelnen Waren ab. Das verteuerte wiederum die Herstellungskosten, weshalb sich die Unternehmen immer stärker verschulden mussten. Der Leverkusener Multi steckt momentan mit 13,7 Milliarden Euro in den Miesen. Parallel dazu sanken die Eigenkapital-Quoten, gefördert vom Staat, der die Kreditaufnahme steuerlich begünstigte. Bei BAYER liegt die Zahl aktuell bei 32,7 Prozent, wobei das schon optimistisch gerechnet ist, denn es handelt sich lediglich um „bilanzielles Eigenkapital“.
Aber nicht nur auf der betriebswirtschaftlichen Ebene, sondern auch auf der gesamtwirtschaftlichen war diese Tendenz zu beobachten. Kurz bezeichnet diese als „eine globale Defizit-Konjunktur“, die einen „pazifischen Defizitkreislauf“ in Gang setzte. Die USA lebte auf Pump, China hielt das Land durch den Kauf von Staatsanleihen über Wasser und finanzierte sich so einen Absatzmarkt, der für ein Wirtschaftswunder sorgte. Dieses sich nach dem Platzen der Immobilienblase als „fiktiv“ erweisende Wirtschaftswunder in Asien hatte wesentlich dazu beigetragen, dem von sinkenden Profitraten bedrohten Kapital neue Verwertungsmöglichkeiten zu schaffen. Deshalb fürchtete Werner Wenning sich sehr vor einem Rückgang des dortigen Wirtschaftswachstums, das zuletzt 12 Prozent betragen hatte. „Aber ich bin zuversichtlich, dass die chinesische Regierung alles daransetzen wird, ihre Infrastruktur-Maßnahmen mit Nachdruck fortzusetzen“, gab er sich in der Faz hoffnungsfroh und hat die Kunde aus Peking von dem 500 Milliarden Euro schweren Konjunkturpaket vermutlich mit Erleichterung aufgenommen.
So hat sich also die „gute Realwirtschaft“ die böse „fiktionale Finanzwirtschaft“ durch die der kapitalistischen Produktionsweise innewohnenden Widersprüche selbst eingebrockt. Das Kapital musste ins Casino gehen, um seinen fürs Reale zu groß gewordenen Profithunger zu befriedigen. Auch in Zukunft dürfte es seinen Appetit nicht zügeln. Deshalb verlangt die Wirtschaft nach einem Krisen-Management, das sie als Krisengewinnler dastehen lässt. Was in den 80er Jahren der Neoliberalismus durch den massiven Abbau sozialer Rechte leistete, soll auch dieses Mal wieder zu Lasten der abhängig Beschäftigten gehen. Dies funktioniert allerdings nur, wenn die Menschen ihre Interessen mit denen von BAYER & Co. gleichsetzen und ihr Wohlergehen vom Wohlergehen der Konzerne abhängig machen. Diesen Verblendungszusammenhang gilt es zu zerreißen, wie es der französische Philosoph Alain Badiou vorgemacht hat. In der Zeitung Le Monde schrieb er: „Man hat diese Wochen oft von der ‚Realwirtschaft‘ (der Produktion der Güter) gesprochen. Man hat ihr die irreale Ökonomie (die Spekulation), von der das Übel ausginge, gegenübergestellt, da ihre Vertreter ‚unverantwortlich‘, ‚irrational‘, ‚Raubtiere‘ geworden seien. Diese Unterscheidung ist absurd. Der Finanzkapitalismus ist seit fünf Jahrhunderten ein wichtiger Teil des Kapitalismus im Allgemeinen. Was die Eigentümer und Manager dieses Systems angeht, so sind sie allein für Profite ‚verantwortlich‘. Ihre ‚Rationalität‘ ist an den Gewinnen messbar, und Raubtiere sind sie nicht einfach, sondern müssen sie sein. Es gibt folglich im Warenlager der kapitalistischen Produktion nichts ‚Realeres‘ als auf ihrer Handelsetage oder in ihrer Spekulationsabteilung. Die Rückkehr zum Realen kann nicht in der Bewegung, die von der schlechten ‚irrationalen‘ Spekulation zur gesunden Produktion führt, bestehen. Es ist die Rückkehr zum unmittelbaren und reflektierten Leben all derer, die diese Welt bewohnen“.