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Kooperationen mit Universitäten
Fotomontage StadtRevue

Stadtrevue, Ausgabe 01/2009

Unheilige Allianz

Der Pharmakonzern Bayer kooperiert mit der Kölner Uniklinik. Worum es genau geht, soll aber niemand erfahren.

»Nein«, sagt Patrick Honecker, Pressesprecher der Kölner Universität, »dazu kann ich Ihnen gar nichts sagen. Das ist ein Betriebsgeheimnis.« Dieses Betriebsgeheimnis wird mittlerweile neun Monate gehütet. Am 26. März 2008 wurde ein »Preferred Partnership-Agreement« zwischen dem Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern Bayer und der Universitätsklinik Köln vereinbart.

Bei der Unterzeichnung war die geheimnisvolle Vereinbarung hymnisch gefeiert worden: Es sei das bislang weitreichendste Kooperationsabkommen zwischen einer Uniklinik und einem privaten Unternehmen in NRW, hatte Landesforschungsminister Andreas Pinkwart (FDP) erklärt. Besonders stolz war Pinkwart, weil sein brandneues »Hochschulmedizingesetz« das Ganze erst ermöglicht hatte. Die Vereinbarung bringe »deutliche Vorteile bei der Positionierung im internationalen Wettbewerb«, lobte auch Bayer. Wolfgang Plischke, Mitglied im Bayer-Vorstand, legte sogar noch einen drauf: Das Papier sei »Vorbild für die Zukunft«.

Viel Betriebsgeheimniskrämerei
Was an dem Vorbild so vorbildlich ist, erschließt sich nicht recht, denn dazu müsste man es kennen. Nur ein paar Eckpunkte haben die Vertragspartner mitgeteilt. Demnach bezieht sich das Kooperationsabkommen vor allem auf die Erforschung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Tumorleiden und Erkrankungen des Zentralnervensystems – Forschungsfelder, auf die die Kölner Uniklinik ihren Schwerpunkt gelegt hat. Die Vereinbarung sieht vor, dass Bayer bei der Entwicklung und beim Test neuer Medikamente die Uniklinik nutzen kann – und dass die Uniklinik, wenn ihr Personal wertvolle Erkenntnisse gewinnt, prüft, ob damit »eine Kooperation mit Bayer möglich ist«.

Außerdem will der Leverkusener Konzern ab 2009 Doktoranden in einem eigenen Graduiertenkolleg fördern. Dass es Bayer nützt, für Forschung und Tests öffentlich finanzierte Hochschulinfrastruktur verwenden zu können und innovative Ideen frei Haus geliefert zu bekommen, leuchtet ein. Darüber hinaus bleibt allerdings vor lauter Betriebsgeheimniskrämerei vieles unklar.

Die »Coordination gegen Bayer-Gefahren« (CBG), eine Initiative, die den Konzern seit dreißig Jahren kritisch begleitet, hat auf eine ganze Reihe offener Fragen aufmerksam gemacht: So verpflichten sich Hochschulen in vergleichbaren Fällen oft darauf, misslungene Experimente nicht bekannt zu machen. Überhaupt wird de facto der akademische Austausch eingeschränkt – um Betriebsgeheimnisse zu wahren.

Geheime Kooperationsverträge
Ob das alles auch für die Kölner Uniklinik gilt, fragte die Initiative in einem offenen Brief, den zehn Organisationen, darunter medico international, unterzeichnet haben. »Wie wird sicher gestellt«, heißt es etwa, »dass Konzeption und Auswertung pharmakologischer Studien nicht allein durch ökonomische Interessen beeinflusst werden?« Doch eine Antwort liegt bis heute nicht vor. Die Universität verweist wieder mal auf das Betriebsgeheimnis.

Zu Unrecht, sagt Philipp Mimkes vom CBG-Vorstand: »Was in solchen Kooperationsverträgen drin steht, geht die Öffentlichkeit durchaus etwas an. Die Universität verwendet schließlich öffentliche Mittel, da muss sie deren Verwendung auch kontrollieren lassen.« Muss sie nicht, sagt Uni-Pressesprecher Honecker. Muss sie doch, sagt Mimkes, zumal die Mittel »in einen besonders heiklen Bereich fließen, nämlich in die Pharma-Forschung«.

Wo es um Gesundheit geht, sind Manipulationen unter Ausschluss der Öffentlichkeit besonders gefährlich. Solche Verfälschungen hat die Fachpublikation arznei-telegramm dem Leverkusener Pharma-Riesen etwa im Jahr 2003 nachgewiesen. Bayer hatte damals sein Medikament Glucobay getestet – ein Mittel, das angeblich das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Patienten mit gestörter Glukosetoleranz senkt. arznei-telegramm prüfte den Test, befand, dass die Wirksamkeit des Medikaments nicht belegt sei und warf Bayer »Datenmanipulation« vor.

Medizinische Entdeckungen oft unrentabel
Dass die Sorge um die Fokussierung medizinischer Forschung auf ökonomischen Nutzen nicht unbegründet ist, zeigen aktuelle Berichte. Danach haben Wissenschaftler in Genf eine Substanz entdeckt, die möglicherweise vor HIV-Infektionen schützen könnte, – besonders Frauen in Entwicklungsländern, wo Kondome zu teuer seien.

Medizinisch ist die Entdeckung hochinteressant – aber wirtschaftlich unrentabel. »Die potenziellen Konsumenten« seien »die ärmsten Menschen dieses Planeten«, meint Olivier Hartley, einer der Forscher: »Die Kaufkraft dieser Menschen ist gering, deshalb ist die Industrie nicht interessiert.« Die Genfer Wissenschaftler versuchen jetzt, Regierungen zur Finanzierung ihrer Pläne zu bewegen.

Derartige Fälle sind bei der Kooperation zwischen Bayer und der Uniklinik natürlich noch Spekulation – trotzdem bemüht sich die CBG weiterhin, Klarheit über den genauen Inhalt des Kölner Betriebsgeheimnisses und über mögliche Auswirkungen von Konzerninteressen auf die hiesige Uniklinik zu bekommen. In einem nächsten Schritt will sich die Initiative an das Landesforschungsministerium wenden. Jörg Kronauer

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