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Liberty Link Reis

24. April 2009, Neues Deutschland

Brüsseler Spitzen

Gefährlicher »Türöffner«

In dieser Woche hätte der EU-Ausschuss für Lebensmittel und Tiergesundheit einen Antrag der Bayer AG behandeln sollen. Der Leverkusener Konzern wünscht eine Importzulassung für die gentechnisch veränderte Reissorte LL62. In letzter Minute wurde der Tagesordnungspunkt gestrichen – offiziell wegen des griechischen Osterfests, das die Teilnahme einiger Mitglieder verhinderte.
Der Termin der orthodoxen Feiertage steht schon etwas länger fest und war kaum der wahre Grund für die kurzfristige Absage. Vielmehr dürfte es Kalkül der EU gewesen sein, nach dem deutschen Verbot von Bt-Mais in der vergangenen Woche keinen weiteren Streit zum Thema Gentechnik aufkommen zu lassen. Denn mehrere EU-Staaten hatten bereits signalisiert, keine Zulassung für den sogenannten Liberty-Link-Reis zu erteilen. Schon bei einer ersten Abstimmung vor fünf Jahren hatten acht der damals fünfzehn EU-Staaten Bedenken geäußert. Mit gutem Grund: Liberty-Link-Reis ist resistent gegen das von Bayer hergestellte Herbizid Glufosinat. Eine gegen dasselbe Pestizid resistente Reis-Sorte von Bayer, LL601, war im Jahr 2006 trotz fehlender Zulassung weltweit in den Handel gelangt. Wie auch Christof Potthof vom Gen-ethischen Netzwerk betont, betrug der Schaden dieses Kontaminations-Skandals für Handel und Landwirte über eine Milliarde US-Dollar. Unklar ist weiter, wie es überhaupt zu dieser Verunreinigung kam, und bis heute hat Bayer keinerlei Schadensersatz geleistet. In den USA ist eine Sammelklage betroffener Landwirte gegen die Firma anhängig.
Der Anbau von Gen-Reis ist nach dem Willen von Bayer außerhalb Europas geplant, vornehmlich in Asien. In Asien wäre eine Verunreinigung einheimischer Sorten unausweichlich. Zudem droht die Verdrängung lokal angepasster Reissorten, die ohne Gift-Einsatz auskommen.
Sogar die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA hatte in ihrer Bewertung von LL62 das Risiko von Auskreuzungen als hoch bezeichnet. Da der Anbau nicht in Europa erfolgen soll, war diese Gefahr nach dem St. Florians-Prinzip jedoch nicht in die Bewertung eingeflossen. Auch die Risiken für Artenvielfalt und die Gesundheit der Landwirte blieben unberücksichtigt.
Schon im vergangenen Jahr hatte daher ein Bündnis von Umwelt- und Bauernverbänden Kanzlerin Merkel aufgefordert, keine Importzulassung für LL-Reis zu erteilen: »Für über 2,5 Milliarden Menschen ist Reis das wichtigste Grundnahrungsmittel. Die EU darf sich nicht über die ökologischen und sozialen Risiken von LL62 in den potenziellen Anbau-Ländern hinwegsetzen«, hieß es in dem Schreiben. Bislang ist Liberty-Link-Reis in Asien nicht zum Anbau zugelassen, die angestrebte EU-Zulassung und die Verheißung des europäischen Exportmarkts sollen hierfür erklärtermaßen als Türöffner dienen.
Der Anbau von LL-Reis würde zudem zu einem massiven Einsatz von Glufosinat und zu Gesundheitsschäden bei Landarbeitern führen. Der Wirkstoff gehört zu den 22 Pestiziden, die wegen erwiesener Gesundheitsgefahren keine neuerliche EU-Zulassung erhalten dürfen. Ein Verbot giftiger Pestizide hierzulande bei gleichzeitigem Export der Risiken in Länder des Südens wäre verantwortungslos.
Doch noch ist die Kuh nicht vom Eis, Mitte Mai will die EU erneut beraten. Der Bayer-Konzern ist aufgefordert, bis dahin den Antrag zurückzuziehen.

Von Philipp Mimkes, Diplom-Physiker und Vorstandsmitglied der Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBGnetwork.org)

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