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Philipp Strohm, Greenpeace

Redebeitrag von Philipp Strohm (Greenpeace) bei der Vollversammlung von BAYER in Düsseldorf am 12. Mai 2009

Sehr geehrter Vorstand, sehr geehrte Aktionäre,

ich bin von Greenpeace. Sie werden jetzt wahrscheinlich erwarten, dass wieder eine Kritik an den vielen Pestiziden von Bayer kommt. Grund dafür gäbe es ja genug. Denn die Pestizide aus dem Portfolio der Bayer AG gefährden im internationalen Konzern-Vergleich die menschliche Gesundheit und Umwelt am stärksten. Nachlesen können Sie das in dem 2008 von Greenpeace veröffentlichten Bericht "Die schmutzigen Portfolios der Pestizid-Industrie".
Aber darum geht es mir heute nicht.

Mein Thema heute ist die Biotechnologie. Ein Geschäftsfeld von Bayer, welches wohl besser bekannt ist durch die gentechnisch veränderten Pflanzen, die es hervorbringt.

Bayer setzt mit der Gentechnik auf ein Geschäftsfeld, welches in der Nahrungsmittelproduktion der Zukunft keine tragende Rolle spielen wird, weil das Versprechen von mehr Ertrag bis heute nicht eingelöst werden konnte. Anderen Landwirtschaftlichen Methoden ist das hingegen gelungen. In der wissenschaftlichen Welt gilt die Gentechnik daher zunehmend als veraltete Technik.

Darüber hinaus handelt es sich dabei für Bayer um ein höchst riskantes Geschäftsfeld. 2006 verunreinigte ein Bayer-Reis den weltweiten Reishandel. Ein Schaden im Wert von ca. 1,2 Milliarden US-Dollar ist entstanden. Die Klagen gegen Bayer laufen noch und, sehr geehrte Aktionäre, stellen Sie sich nur vor, was mit Ihrer Aktie geschieht, wenn Bayer einen solchen Gerichtsprozess verliert und zu Strafzahlungen in Milliardenhöhe verdonnert wird.

Und zum Dritten kann das Geschäftsfeld der Gentechnik für Bayer zu einem enormen Image-Schaden führen, welcher sich dann auch auf andere Geschäftfelder auswirken wird. Der gentechnisch veränderte Reis, den Bayer gerade versucht weltweit zu vermarkten, birgt ein Gesundheitsrisiko - insbesondere für Kleinkinder. Bayer wird dann wahrgenommen werden als jenes Unternehmen, welches auf der einen Seite Medikamente herstellt und auf der anderen Seite gesundheitsgefährdende Lebensmittel. Das wird für den Umsatz von Aspirin sicher nicht förderlich sein.

Sehr geehrte Aktionäre, Aktien können steigen – Aktien können aber auch wieder fallen, wenn die Konzernleitung auf das falsche Pferd setzt.

Daher meine erste Frage an den Vorstand:
Warum planen Sie, in den kommenden Jahren mehrere Milliarden Euro der Aktionäre in ein Geschäftsfeld zu investieren, welches
1. in der Landwirtschaft der Zukunft keine tragende Rolle spielen wird und
2. durch mögliche Klagewellen mit enormen Risiken für den gesamten Konzern verbunden ist und
3. wegen der Ablehnung der Menschen gegen Gentechnik in Lebensmitteln zu einem nachhaltig wirkenden Imageschaden für Bayer führen wird?

Sehr geehrter Herr Wenning, sehr geehrter Vorstand, Sie sagen wir bräuchten die Gentechnik, weil sie durch mehr Ertrag den globalen Hunger bekämpfen könne.

Der Weltagrarbericht (IAASTD) sieht das ganz anders. Dieser Bericht, zur Zukunft der globalen Landwirtschaft, kommt zu dem Schluss, dass Gentechnik in Nahrungsmitteln bei der Versorgung der Weltbevölkerung keine tragende Rolle spielen wird!

Und der Weltagrarbericht ist nicht irgendeine Studie. Er wurde im Auftrag der Weltbank und der UNO von über 400 Experten weltweit erstellt und inzwischen von zahlreichen Regierungen unterzeichnet.

Sehr geehrte Damen und Herren, der Grund weshalb Gentechnik nicht zur Lösung des globalen Hungers beitragen wird, ist ein ganz einfacher:
Seit 30 Jahren werden mehr und gesündere Lebensmittel durch Gentechnik versprochen. Seit 30 Jahren wurde dieses Versprechen nicht eingelöst.
In den USA, dem weltweit größten Anbaugebiet für gentechnisch veränderte Pflanzen, hat die normale Landwirtschaft in den letzten 13 Jahren eine jährliche Ertragssteigerung von 1% erzielen können. Die Gentechnik hingegen konnte das bei weitem nicht und hat teilweise sogar Ertragsverluste verursacht.

Und jetzt frage ich Sie, sehr geehrter Herr Wenning, sehr geehrter Vorstand, wenn doch der Weg der Gentechnik gepflastert ist mit Misserfolgen und es inzwischen andere Methoden in der Landwirtschaft gibt, die viel erfolgreicher sind als die Gentechnik, warum investieren Sie dann weiterhin das Geld der Aktionäre in diese veraltete, erfolglose Technik?

Die Gentechnik ist bei Bayer ein kleines Segment mit hohem Risiko für den gesamten Konzern und ohne Nutzen für die Konsumenten. Obwohl die Gentechnik bei Bayer im letzten Jahr einen Umsatzzuwachs erzielte, stellt sich die Frage, ob sie langfristig gewinnbringend sein wird. Wir sind der Meinung nein!

Schauen wir uns die Sparte Gentechnik bei Bayer etwas genauer an. Sie ist gekennzeichnet durch 2 Faktoren:
1. sie ist das kleinste Geschäftsfeld von Bayer: mit gerade einmal 1,4% des Gesamtumsatzes trägt sie nur unwesentlich zum Unternehmenserfolg bei
2. sie ist das riskanteste Geschäftsfeld von Bayer: als es 2006 zu ungewollten Verunreinigungen der internationalen Reismärkte kam, weil Bayer ein Gentech-Reis aus dem Labor entwischte, verursachte das einen Schaden von 1,2 Mrd. USD. Wie es dazu kommen konnte ist bis heute ungeklärt und die gerichtlichen Klagen gegen Bayer laufen noch.

Sehr geehrte Aktionäre, können Sie sich vorstellen, wie schnell ihre Aktie die Talfahrt antritt, wenn Bayer für einen verursachten Schaden in Milliardenhöhe aufkommen muss?

Die gesamte Sparte BioScience zusammen macht sogar etwas weniger Umsatz als das gute alte Aspirin alleine. Aspirin ist wohl DIE Marke, für die man Bayer kennt. Die Menschen sehen Aspirin äußerst positiv. Aus einem einfachen Grund: es ist ein gutes Produkt mit einem direkten Nutzen für die Konsumenten.
Gentechnik in Lebensmitteln lehnen die Menschen hingegen mehrheitlich entschieden ab. Ebenfalls aus gutem Grund: es handelt sich um riskante Lebensmittel mit keinem direkten Nutzen für die Konsumenten. Kein Wunder, dass niemand Gentechnik auf dem Teller haben will.

Greenpeace hat in Österreich eine Umfrage gemacht. Das Ergebnis: nur 1,6 % der Menschen wissen überhaupt, dass Bayer nicht nur Aspirin macht, sondern auch gentechnisch veränderte Lebensmittel.
Als wir in Österreich den Medien davon erzählten und diese dann über das doppelte Spiel von Bayer berichteten, rief mich kurze Zeit später eine Apothekerin an und fragte, was es denn mit diesem Reis auf sich hätte. Es seien schon Kunden bei ihr gewesen, die nach Alternativen zu Aspirin gefragt haben, weil sie wegen des Reises keine Bayer-Produkte mehr kaufen wollten.

Sehr geehrte Aktionäre, wenn die Menschen erst einmal flächendeckend die Information erhalten werden, dass Bayer neben Medizin auch gesundheitsgefährdende Lebensmittel verkauft, wird sich dieser Fall in der Apotheke zigtausendfach wiederholen.

Und darum frage ich Sie sehr geehrter Herr Wenning, sehr geehrte Vorstandsmitglieder, warum gefährden Sie mit dem Geschäftsfeld der Gentechnik den Umsatz von einem guten Produkt wie Aspirin und darüber hinaus das Image des gesamten Konzerns Bayer?
Eine nachhaltige Konzernstrategie sieht anders aus.

(Der neue Risiko-Reis von Bayer)

Doch lassen Sie uns zum Abschluss noch beispielhaft auf ein ganz bestimmtes Produkt aus dem Bereich der Gentechnik kommen. Es geht um das kleine weiße Korn, dass jeder von uns hier im Saal, immer mal wieder auf dem Teller liegen hat.
Sehr geehrte Aktionäre, Bayer sucht gerade weltweit um Zulassung für seinen gentechnisch veränderten Reis LL62 an. Auch in Europa läuft ein Antrag, über den in den nächsten Monaten entschieden wird.

Dieser Reis birgt Gesundheitsrisiken in sich. Als Aktionäre können Sie daher eigentlich nur hoffen, dass die Zulassung nicht gegeben wird.

Denn:
Der Reis enthält Rückstände von Glufosinat, gegen das er mittels Gentechnik resistent gemacht wurde. Glufosinat ist ein Unkrautgift.
Die wissenschaftlichen Studien zu Glufosinat und seiner Auswirkung auf die menschliche Gesundheit sprechen eine ganz eindeutige Sprache.
1. Die amerikanische Umweltbehörde hat nachgewiesen, dass Glufosinat Rückstände im Reiskorn bildet.
2. sogar die eher konservative europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde EFSA, hat herausgefunden, dass Glufosinat „ernsthafte Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit hat und insbesondere ein Risiko für Kleinkinder“ darstellt.
3. Eine Arbeitsgruppe der Europäischen Kommission hatte angeregt, dass Glufosinat als „gefährlich für das Ungeborene Kind und Frauen in der Schwangerschaft“ eingestuft werden soll.

Aus diesen Gründen hat die EU auch schon beschlossen Glufosinat in der europäischen Landwirtschaft zu verbieten, denn Glufosinat ist ein Gift, das der Gesundheit der Menschen schadet.

Sehr geehrte Aktionäre, wenn dieser Reis auf den Europäischen Markt kommt und nachgewiesen wird, dass er Rückstände von Glufosinat enthält, und das wird geschehen, dann wird Bayer in die Schlagzeilen geraten mit einem Produkt, welches die Gesundheit von Kindern gefährden kann. Wenn die Menschen erkennen, dass Bayer auf der einen Seite Medizin herstellt und auf der anderen Seite Gesundheit gefährdende Lebensmittel, wird das zu einem enormen Imageschaden führen. Sie verspielen damit bei den Konsumenten ihre Glaubwürdigkeit als einer der größten Pharma-Hersteller der Welt, was wiederum der Umsatzentwicklung von Aspirin nicht förderlich sein wird.

Und deshalb frage ich Sie heute, bevor es zu spät ist: Sehr geehrter Herr Wenning, wie können Sie es verantworten ein gentechnisch verändertes Lebensmittel vermarkten zu wollen, von dem sie bereits jetzt wissen, dass es ein Gesundheitsrisiko birgt? Sie kennen die alarmierenden Studien zu Glufosinat genau so gut wie wir und ignorieren diese einfach, nur, um an Ihrem Plan festhalten zu können den Reis auf den Markt zu drücken.

Für diese außerordentliche Ignoranz möchte Greenpeace Sie heute gerne auszeichnen. Und zwar mit dem Preis für besondere Ignoranz gegenüber Gesundheitsgefährdung von Menschen.