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Portrait Coordination
Philipp Mimkes (Foto: Andreas Fechner)

Greenpeace Magazin, Nov/Dez 2009

Bayer-Watch

Der Pestizid-Weltmarktführer Bayer produziert hochgefährliche Chemikalien. Eine kleine Organisation überwacht die riskanten Geschäfte und alarmiert Öffentlichkeit und Behörden
von Andrea Hösch

Bayer ist allgegenwärtig: auf den Äckern der Welt, im Arzneischrank, in CDs, Möbeln, Autos – und im Leben des Philipp Mimkes. Auch ohne Fußball zu spielen, ist er Bayer-Profi. Seine Disziplin heißt: Konzernkritik. Nur etwa zwölf Kilometer Luftlinie von der Leverkusener Bayer-Zentrale entfernt, im Kölner Westen, laufen die Fäden der „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ (CBG) zusammen. Mit Unterstützung von rund 1000 Mitgliedern und Förderern beobachtet die Initiative den weltweit größten Pestizidhersteller seit mehr als 30 Jahren, prangert Missstände an und mobilisiert die Öffentlichkeit. „Bayer-Watch“ ist ein Fulltime-Job.

Philipp Mimkes, einer von fünf CBG-Vorständen, ist seit 15 Jahren dabei. Hauptberuflich dokumentiert, sammelt und veröffentlicht der 42-jährige Physiker alles, was mit dem Agro-Chemie-Multi zu tun hat. Der Verein ist in der ganzen Welt gut vernetzt. „Wenn was falsch läuft, melden sich manchmal Mitarbeiter anonym bei uns, die meisten Informationen erhalten wir aber von Initiativen und konzernkritischen Gruppen vor Ort“, erzählt Mimkes: „Wenn irgendwo bei Bayer etwas anbrennt, kriegen wir das ziemlich sicher mit.“ Negative Schlagzeilen gefährden das Image. Und den Aktienkurs. Genau das macht die Bürgerinitiative, die 1979 nach einer Unfallserie im Bayer-Werk Dormagen entstanden ist, so wirksam.

In der offiziellen Bayer-Chronik werden Übernahmen, Jubiläen, Werkseröffnungen gefeiert. Unfälle tauchen nur in Einzelfällen auf, obwohl sie sich laufend ereignen (siehe Kasten). Zuletzt in der Stadt Institute im US-Bundesstaat West Virginia: Im August 2008 explodierte in der dortigen Bayer-Pestizidfabrik ein Chemikalienkessel, zwei Arbeiter starben. Dennoch hatten die Anwohner Glück, denn der Kessel, der wie ein Geschoss durch die Luft flog, schlug nicht in den nur 20 Meter entfernten Giftgastank ein. Darin lagerte Methylisocyanat (MIC), jenes Gift, das 1984 im indischen Bhopal die bis heute weltweit größte Chemiekatastrophe ausgelöst hat, an deren Folgen rund 20.000 Menschen starben. In Institute hätte es noch schlimmer kommen können.

Nur wenige Monate vor dem Unfall, im April 2008, warnte die CBG bei der Jahreshauptversammlung vor der riskanten Lagerung von MIC in Institute. Doch Vorstandschef Werner Wenning versicherte, die Anlagen in den USA entsprächen modernsten Sicher-heitsstandards, und legte die Kritik ad acta. Bis zum großen Knall.

Zum Entsetzen der Rettungskräfte und Behörden verweigerte der Konzern nach dem Unfall jede Auskunft über Art und Grad der Gefährdung. Auch in den folgenden Wochen versuchte Bayer, die Aufklärung mit Hilfe von PR-Beratern und einem Heer von Anwälten zu verhindern. Doch da schaltete sich der US-Kongress ein, bezichtigte Bayer einer Geheimhaltungskampagne, irreführender Informationspolitik sowie mehrerer Verstöße gegen Sicherheitsvorschriften und ließ ein Bußgeld von 143.000 Dollar festsetzen. Außerdem arbeitet die US-Aufsichtsbehörde „Chemical Safety Board“ seither an einem Gesetz, das vorsieht, hochgiftige Chemikalien künftig durch harmlosere Stoffe zu ersetzen.

Immerhin hat Bayer – ein Jahr nach der schweren Explosion – angekündigt, die in Institute gelagerte MIC-Menge um 80 Prozent zu reduzieren und die Risikochemikalie unterirdisch zu lagern. Mimkes aber fordert, ganz auf die Lagerung von hochgefährlichen Substanzen zu verzichten. In deutschen Pestizidfabriken werde das tödliche Bhopal-Gift seit langem „just in time“ oder gar nicht mehr produziert.

Schon 1995 hatte das Unternehmen versprochen, alle von der Weltgesundheitsorganisation als „extrem gefährlich“ eingestuften Pestizide bis 2000 vom Markt zu nehmen. Daraus ist nichts geworden, wie eine Greenpeace-Studie vom Juni 2008 belegt, in der die fünf weltweit führenden Pestizidhersteller Bayer, BASF, Dow, Monsanto und Syngenta miteinander verglichen werden. Bayer, der altbekannte Gegner aus den Zeiten der Dünnsäureverklappung in der Nordsee, schneidet am schlechtesten ab: Der Leverkusener Konzern hat den für Umwelt und Gesundheit gefährlichsten Giftcocktail im Portfolio.

Zum Beispiel Endosulfan: Obwohl das Ultragift in 62 Staaten verboten ist, vertreibt es Bayer bis heute in Entwicklungsländern. Im afrikanischen Benin dokumentierte das Pestizid Aktions-Netzwerk beispielsweise innerhalb von zwei Jahren 347 Vergiftungs- und 53 Todesfälle. Erst nach massiven Protesten von Umweltorganisationen stellte Bayer 2007 die Produktion dieses hochgefährlichen Insektizids ein. Da die Stockholmer Konvention zur Vermeidung langlebiger organischer Schadstoffe Endosulfan voraussichtlich 2011 ächten will, überrascht Bayers Ankündigung, den Verkauf Ende 2010 zu stoppen, nicht wirklich.

Oder Glufosinat: Dieses Herbizid soll laut EU-Pestizidgesetz zusammen mit 21 weiteren Pestiziden, die allesamt krebserregend, erbgutschädigend oder fortpflanzungsgefährdend sind, bis spätestens 2016 vom Markt verschwinden. Nichtsdestotrotz baut der Konzern gegenwärtig in Hürth bei Köln die Produktionskapazitäten für Glufosinat aus, das in der Bayer-Welt „Basta“ oder „Liberty“ heißt. Sämtliche Gen-Pflanzen aus dem Hause Bayer – Raps, Reis, Zuckerrüben, Mais, Soja – sind perfekt auf Glufosinat abgestimmt. In der Hoffnung, für die Anwendung bei Gen-Pflanzen werde es eine Ausnahme geben, hat Bayer schon die ersten Zulassungen in der EU beantragt. Genau dieses Schlupfloch gelte es zu stopfen, fordert Mimkes.

Und noch ein Bayer-Pestizid sorgte für Aufregung: Clothianidin. Im Frühjahr 2008 hatte der als Pflanzenschutzmittel eingesetzte Wirkstoff zu einem Massensterben von Bienen in Südbaden geführt. 
Mimkes ärgert vor allem, dass „die gravierenden Risi-ken für Bienen zum Zeitpunkt der Zulassung von Clothianidin bereits seit Jahren bekannt waren“. Die CBG und der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund werfen Bayer deshalb vor, das Bienensterben in Kauf genommen zu haben und erstatteten Strafan-zeige. Die Freiburger Staatsanwaltschaft konnte aber nur eine „unglücklichen Verkettung mehrerer 
Um-stände“ erkennen und stellte das Verfahren ein.

Um die Unternehmensinteressen durchzusetzen, ist 
der Weltkonzern – mit 316 Gesellschaften und mehr als 108.000 Beschäftigten – nicht zimperlich. Mimkes erzählt, dass Drohgebärden gegenüber Kritikern, der Einsatz hochdotierter Anwälte und großzügige Einladungen zu Journalistenreisen zum normalen Repertoire gehören. Nicht selten greift der Agro-Pharma-Konzern aber auch zu Mitteln jenseits der Legalität: „Wir haben 20 Kartellverfahren dokumentiert, für die Bayer eine dreistellige Millionensumme zahlen musste“, sagt Mimkes und präsentiert die Liste, die bis ins Jahr 1975 zurückreicht. Die Vorfälle ereigneten sich vor allem im Pharma-Geschäft: unerlaubte Prämienzahlungen bei Blutzuckermessgeräten sowie Preisabsprachen für Kautschuk, Arzneien, Polyethylen, Zitronensäure oder Potenzmittel. „Das sind nur die Fälle, bei denen Bayer erwischt worden ist“, ergänzt Philipp Mimkes.

Zu vielen Bayer-Medikamenten könnte der Kon-zern-kritiker aus dem Stehgreif eine Skandalgeschich-te erzählen. So habe der Konzern den Cholesterinhemmer Lipobay vom Markt nehmen müssen, nachdem dieser mit mehr als 100 Todesfällen in Verbindung gebracht wurde. Das Schmerzmittel Aspirin bewerbe Bayer, als handle es sich um eine harmlose Wunderdroge. Es werde verschwiegen, dass es aufgrund der Einnahme der Anti-Baby-Pille Yasmin immer wieder zu Todesfällen komme. Das Herzmittel Trasylol musste Bayer nach 20 Jahren aufgrund einer erhöhten Sterblichkeit der Patienten zurückziehen.

Das alles ficht den Multi nicht an. Kritiker werden nicht ernst genommen: „Die sogenannte Coordination gegen Bayer-Gefahren ist eine antiindustriell 
und antikapitalistisch ausgerichtete Protestgruppe, mit der ein konstruktiver Dialog nicht möglich ist“, sagt Konzernsprecher Dirk Frenzel. Und Jahr für Jahr gibt es Rekordgewinne zu vermelden, zuletzt waren es im Jahr 2008 (vor Steuern) knapp sieben Milliarden Euro. Viele Investitionen fließen in problematische Projekte wie etwa die 67 Kilometer lange CO-Pipeline zwischen Dormagen und Krefeld. Seit Jahren laufen Zehntausende von Anwohnern Sturm, denn das Kohlenmonoxid, das Bayer für die Kunststoffherstellung benötigt, ist ein leicht entflammbares, tödlich wirkendes Giftgas. Die fast fertiggestellte Trasse verläuft direkt unter Wohngebieten. Bislang verweigerten Gerichte in mehreren Urteilen die Betriebsgenehmigung.

Profit geht vor Sicherheit. Dieses Leitmotiv gilt offensichtlich auch in Dormagen, Brunsbüttel und Krefeld. In den dortigen Bayer-Werken soll die Herstellung der Kunststoffe Polyurethan und Polycarbonat ausgeweitet werden. Dafür müsste eine größere Menge des tödlichen Atemgifts Phosgen hergestellt werden. „Phosgenfabriken gehören nach Atomkraftwerken zu den risikoreichsten Industrieanlagen in Deutschland“, schreibt Philipp Mimkes in der CBG-Zeitschrift „Stichwort Bayer“. Schon 1978 hat der TÜV ein Worst-Case-Szenario in der Phosgen-Chemie entworfen. Darin heißt es: „Nach dem Unfall würde jedes Lebewesen im Umkreis von hundert Metern augenblicklich getötet.“ Bayer versichert, Phosgen werde ausschließlich zum sofortigen Gebrauch hergestellt, also weder transportiert noch gelagert. Allerdings räumten Konzernvertreter auf Nachfrage der CBG ein, dass die Menge an „freiem“ Phosgen in Leitungen und Vorratsbehältern im Werk Krefeld bei 34 Tonnen liege. Deshalb fordert Mimkes seit langem den Ausstieg aus der Phosgen-Chemie, phosgenfreie Verfahren seien technisch machbar.

Bayer sieht sich gern als umweltbewusster Innovator und legt großen Wert auf ein sauberes Image. Nachhaltigkeitsberichte und aufwendig produzierte Klima-Broschüren sollen das Umwelt-Engagement unterstreichen. Dass das Unternehmen auf dem Werksgelände in Krefeld ein Kohlekraftwerk bauen will, das pro Jahr 4,4 Millionen Tonnen CO2 ausstoßen würde, wird aber nicht erwähnt. Diese Zusammenhänge stellt Philipp Mimkes her.

Zwei- bis dreimal in der Woche füttert er Redaktionen mit Neuigkeiten aus der Bayer-Welt – meist mit leidlichem Erfolg. Auf ein größeres Echo stößt Bayer mit seinen Verlautbarungen: Als der Konzern behauptete, die Kohlendioxid-Emissionen weltweit um 70 Prozent reduziert zu haben, war diese Meldung überall zu lesen. Doch Mimkes wollte diese enorme Einsparung nicht glauben, rechnete nach und fand heraus, dass Bayer große Mengen an Treibhausgasen von Tochterfirmen und Energiezulieferern nicht mit eingerechnet hatte. Seine Richtigstellung, Bayer schöne seine Klimabilanz, stieß auf wenig Resonanz. Den Bayer-Profi wundert das nicht. Immer wieder hört er, dass Journalisten eingeschüchtert werden, wenn sie kritisch nachfragen. Auch CBG werde diffamiert, mit Prozessen überzogen und genauestens beobachtet: „Täglich registrieren wir mehrere hundert Zugriffe aus dem Hause Bayer auf unsere Homepage. Die wissen genau, was wir tun. Nur lernen sie wenig daraus“, bedauert Mimkes. Davon lässt er sich aber nicht entmutigen. Im Gegenteil: „Wir begreifen unsere Arbeit als exemplarisch. Jeder Konzern müsste einen Aufpasser haben.“

Die Coordination gegen Bayer-Gefahren finanziert 
sich aus Spenden. www.cbgnetwork.org

UNFÄLLE BEI BAYER

Zwischen 1976 und 2009 dokumentiert die Coordination gegen Bayer-Gefahren mehr als 100 Unfälle in Bayer-Werken. Eine Auswahl:

5. SEPTEMBER 2009

Mehrere Explosionen in Bergkamen, 4 Verletzte

28. AUGUST 2008

Schwere Explosion bei der Pestizidproduktion in Institute (USA), 2 Tote

12. MÄRZ 2008

Giftiges Ammoniak in Wuppertal, 23 Verletzte

16. JANUAR 2007

Explosion in Belford Roxo (Brasilien), 6 Verletzte

26. SEPTEMBER 2006

Explosion in Baytown (USA), 22 Verletzte

12. AUGUST 2006

17. FEBRUAR 2006

Vier Unfälle innerhalb eines halben Jahres in Dormagen, insgesamt

67 Verletzte

18. JUNI 2005

In Baytown (USA) tritt Phenol aus, 1 Toter

4. MAI 2005

Chlordämpfe in Köln-Hürth, 8 Verletzte

23. NOVEMBER 2004

Explosion in Brunsbüttel, 5 Verletzte

12. FEBRUAR 2004

Explosion und Großbrand in Baytown (USA)

16. JULI 2003

Rheinalarm in Uerdingen

MAI 2003

Gefahrgut-Unfälle auf der A3 und in Wolfenbüttel

8. FEBRUAR 2002

Salzsäuredämpfe in Uerdingen, 6 Verletzte

DEZEMBER 2001

Anonymer Hinweis auf Phosgen-Unfall in Uerdingen, angeblich 1 Arbeiter vergiftet

14. DEZEMBER 2001

In Leverkusen tritt Schwefeldichlorid aus, 3 Verletzte

21. NOVEMBER 2001

Salpetersäure landet bei Uerdingen im Rhein, Schulen evakuiert

3. APRIL 2001

Giftwolke über Leverkusen, 9 Verletzte

4. UND 6. AUGUST 2000

Mehrere Explosionen in Uerdingen, 12 Verletzte

3. APRIL 2000

Nitrosegas-Wolken über Dormagen

26. FEBRUAR 2000

Phosgen-Unfall in Dormagen, 32 Verletzte

8. JUNI 1999

Schwere Explosion in Wuppertal, mehr als 100 Verletzte

7. MAI 1999

Explosion in Dormagen, 3 Tote, 10 teils lebensgefährlich Verletzte

15. FEBRUAR 1999

Phosgen-Unfall in Baytown (USA), mehr als 100 Verletzte

HERBST 1997

Explosion und Großfeuer in Köln-Flittard, Nitrosegase und Kohlenmonoxid entweichen

30. JUNI 1997

Explosion in Dormagen, 12 Tonnen krebserregendes Toluylendiamin verseuchen

Werksgelände

20. MAI 1996

Chlorgas-Unfall auf der A3, mehr als 20 teils schwer Verletzte

30.JANUAR 1995

In Leverkusen regnet es salzhaltige Staubpartikel

2. JANUAR 1995

Giftige Dämpfe in Wuppertal, 50 Verletzte; Belegschaft kritisiert mangelhafte Informationspolitik

3. SEPTEMBER 1994

Brand in Dormagen

9. JUNI 1994

Brand mit Verpuffung in Dormagen, 3 zum Teil schwer Verletzte

31. MÄRZ 1994

Großbrand in Krefeld, mehrere Millionen Mark Umweltschäden

NOVEMBER 1978

In Dormagen tritt hochgiftiges Gusathion aus

MAI/JUNI 1976

Kesselexplosion und Salzsäure-Unfall in Wuppertal