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Rohstoffe

Neues Deutschland, 8. April 2010

Bayer & Co. rüsten auf

Die Rohstoffquellen der Konzerne versiegen - neue Strategien müssen her

Den großen Konzernen drohen schon bald die Rohstoffe auszugehen. Darum nehmen sie für die Nachschubsicherung zunehmend auch das Militär in die Pflicht.

Von Jan Pehrke (Mitarbeiter der Coordination gegen BAYER-Gefahren)

Erdöl stellt für Bayer & Co. die mit Abstand wichtigste Rohstoffquelle dar. Über drei Prozent der Jahresproduktion geht an die Chemiebranche. Allein die bundesdeutschen Multis brauchen pro Jahr 14 Millionen Tonnen des Stoffes, dessen Reserven bereits zu rund 40 Prozent ausgeschöpft sind. Der Leverkusener Multi kann seinen Bedarf noch etwa 20 Jahre decken, prognostizieren KonzernstrategInnen, dann dürfte es knapp werden. Deshalb plädieren sie schon mal fürs Umverteilen und fordern, "einen größeren Anteil des Rohöls für die chemische Industrie zu verwenden" statt es - etwa in Heizungen - "einfach zu verfeuern".

Bereits jetzt führt die Abhängigkeit vom kostbaren Gut zu Kräfteverschiebungen auf dem Weltmarkt. So haben die Förderländer ihre Einnahmen genutzt, um eigene Industrien aufzubauen und so die Wertschöpfungskette zu verlängern. Besonders die in den Vereinigten Arabischen Emiraten ansässige International Petroleum Investment Company (IPIC) entwickelt sich mehr und mehr zu einem ernst zu nehmenden Konkurrenten für die westlichen Unternehmen. Sie hält seit Längerem eine Beteiligung an der österreichischen Firma Borealis und kaufte jüngst den bundesdeutschen Anlagebauer Ferrostal sowie den kanadischen Konzern Novo. Auch mit Bayer begann die IPIC Verhandlungen.

Für solche "Kooperationen, die einen Zugang zu Rohstoffen ermöglichen würden", zeigte sich Bayer-Chef Werner Wenning in einem Interview mit der "Börsen-Zeitung" mehr als offen. Es bleibt ihm auch nicht viel anderes übrig: Als Investoren fürchtet er die arabischen Konzerne zwar nicht, aber: "Etwas anderes ist es, wenn gerade dort, wo billige Rohstoffe verfügbar sind, neue Produktionsstätten aufgebaut werden. Dann entsteht eine neue Wettbewerbssituation". Und wenn die westlichen Firmen sich dieser nicht mehr so ganz stellen mögen, müssen sie nach dem Motto "If you can't beat them, join them" ("Wenn du sie nicht schlagen kannst, schließe dich ihnen an.") auf IPIC & Co. zugehen. Das kann für Wenning jedoch nicht alles sein. "Gleichzeitig müssen wir eine dauerhafte Rohstoffversorgung zu günstigen Preisen sicherstellen", dekretiert er.

Und das tut die Bundesregierung - auch mit militärischen Mitteln. Die EU-Mission EUFOR im Kongo 2006 verfolgte mitnichten das offiziell angegebene Ziel, den regulären Ablauf der Präsidentenwahl zu garantieren. Es ging vielmehr darum, China und den USA beim Kampf um Coltan, Kupfer und Kobalt zuvorzukommen. Nur sagen durfte man dies nicht, wie der damalige Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Walter Stützle, in einem Interview mit dem Fernsehsender "Phoenix" bedauerte. "Im Kongo ist das Problem, dass der Öffentlichkeit von der Bundeskanzlerin nicht gesagt worden ist, worum es eigentlich geht. Das konnte man in Paris sehr deutlich hören. In Paris hat man gehört, wir können Afrika nicht China und den Vereinigten Staaten überlassen, Punkt (...) Da man das aber eigentlich nicht sagen wollte, hat man dann die Erfindung mit der Wahl gemacht", plauderte Stützle aus dem Nähkästchen.

Gegenwärtig ist die Bundeswehr im Osten des Kongo, am Horn von Afrika, aktiv. Im Rahmen der "Operation Enduring Freedom" schützt sie dort unter anderem die vom Persischen Golf durch den Suezkanal nach Europa verlaufende Ölroute vor Piraten. Und auch am Hindukusch wird die Ressourcensicherheit der Konzerne verteidigt: Afghanistan müsse man ebenfalls im energiepolitischen Kontext sehen, sagte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in trauter Runde mit Wenning und anderen deutschen ManagerInnen am Rande des Davoser Weltwirtschaftsgipfels. Der Menschenrechtskontext ist dagegen nur etwas für die Galerie, wie der Verteidigungsminister in einem Interview laut der "taz" einmal frank und frei bekannte: "Wir haben Gründe nachgeschoben, um in schwierigen Momenten auch mal die Anerkennung unserer Bevölkerung zu bekommen."

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