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Yaz / Yasmin

Schweizer Fernsehen (SF1), 10. Juni 2010

Weltweit hunderte von toten Frauen wegen Verhütungsmitteln

Bis jetzt waren nur vereinzelte Fälle bekannt. Jetzt zeigen Recherchen von «10vor10»: Hunderte Frauen sind weltweit in den letzten zehn Jahren nach dem Gebrauch hormoneller Verhütungsmittel gestorben. «10vor10» ist es gelungen, zum ersten Mal Einblick in die interne Datenbank der US-Gesundheitsbehörde FDA zu erhalten. Swissmedic bestätigt die Grössenordnung der Todesfälle.

«10vor10» hat den Datensatz nach den Weltmarkt-Leader-Produkten durchkämmt. Das sind die Antibabypillen von Bayer, Yasmin und Yaz, sowie das Verhütungspflaster Evra von Janssen Cilag und der Nuvaring von Essex Chemie.
Die umsatzstärksten Produkte erscheinen in der Datenbank auch am häufigsten mit gesundheitlichen Folgeschäden - und am häufigsten mit Todesfällen. Die Todesfälle - in gerundeten Zahlen: Yasmin 140 Tote, Yaz 50 Tote, Nuvaring 40 Tote, Evra 130 Tote. Die Leiterin Marktüberwachung bei der Swissmedic, Karoline Mathys, bestätigt gegenüber «10vor10» die Anzahl der weltweiten Todesfälle: «Wenn man die internationalen Sicherheitsdaten anschaut - dann entspricht es dieser Grössenordnung.»

FDA-Liste mit über 10'000 Einträgen
Auf der CD der US-Kontrollbehörde FDA (Food and Drug Administration) sind Reports von Ärzten, Spitälern, Pharma-Unternehmen und Privaten aufgelistet. In den über 10'000 Spontanmeldungen der letzten zehn Jahre, welche die Leader-Produkte betreffen, sind harmlose Nebenwirkungen wie Kopfweh und Schlaflosigkeit dokumentiert, aber auch Lungenembolien und Todesfälle.
Ob und wie weit das Verhütungsmittel im Einzelfall den Tod mitverursacht hat, geht aus den Spontanmeldungen nicht hervor. Diese sind Verdachtsmeldungen, nicht gesicherte Arztberichte.

Oberster Kontrolleur «ergriffen und überrascht»
Der Basler Chefarzt und Präsident der Swissmedic-Begleitkommission für die Zulassung von Medikamenten, Stephan Krähenbühl, zeigte sich gegenüber «10vor10» über die hohe Anzahl der Todesfälle überrascht: «Es ist für mich emotional ergreifend und sehr tragisch». Andererseits sei bekannt, dass hormonelle Verhütungsmittel Embolien und Thrombosen verursachen, die im Extremfall gar zum Tode führen könnten.
Der Berner Frauenarzt Daniel Brügger, der seit Jahren vor den neueren hormonellen Verhütungsmitteln warnt, sagt: «Ich bin schockiert. Man hätte die Todeszahlen besser kommunizieren sollen.»

Warum hat Swissmedic Todesfälle bisher verschwiegen?
Karoline Mathys von der Swissmedic sagte dazu gegenüber 10vor10: «Wenn man bei allen Arzneimitteln - es gibt viele Arzneimittel - irgendwelche Spontanmeldungen auswerte und Zahlen herausgäbe, würde man eine Verunsicherung auslösen - mit Zahlen, die so nicht verlässlich sind.» Um die Häufigkeit eines Risikos festzustellen, brauche es Studien, so Mathys weiter.

Pharma-Firmen: Spontanmeldungen ohne Aussagekraft
Die Pharma-Unternehmen Bayer, Janssen Cilag und Essex Chemie wollten zu den konkreten Zahlen der Todesfälle keine Stellung nehmen. Sie betonten aber, die Reports seien Spontanmeldungen und als solche nicht immer vollständig, weil Informationen über gleichzeitig eingenommene Medikamente sowie Angaben über Vorerkrankungen und Veranlagungen häufig fehlen würden.
Spontanmeldungen hätten keine Aussagekraft, wenn es um das Risiko eines Medikamentes gehe. Die drei Unternehmen halten fest, das positive Nutzen/Risikoprofil ihrer Verhütungsmittel sei von Experten, Behörden und in umfangreichen Studien wiederholt bestätigt worden.

FDA-Studie zu Todesfällen
Die US-Behörde FDA wollte gegenüber «10vor10» die Zahlen nicht kommentieren, obwohl sie das Datenmaterial selber geliefert hatte. Die FDA teilte nur mit, eine Studie zu den Todesfällen sei im Gange.
Der Präsident der Swissmedic-Kommission für die Zulassung von Medikamenten, Stephan Krähenbühl, sagte dazu: «Wenn ich Chef einer Behörde wäre, die soviel Spontanmeldungen über Todesfällen dokumentiert hat, würde ich das auch näher anschauen.»

Klagen in den USA und Kanada
Das Resultat der FDA-Studie dürfte auch Anwaltskanzleien in den USA interessieren. Bayer sieht sich wegen Nebenwirkungen ihrer Verhütungsmittel Yasmin und Yaz laut eigenen Angaben allein in den USA mit 1750 Klagen konfrontiert, in Kanada mit 8 Sammelklagen. Janssen Cilag und Essex Chemie wollten dazu keine weiteren Angaben machen. Mario Poletti

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