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Antibabypillen

18. September 2010

Das industrieunabhängige //arznei-telegramm// untersucht in seiner aktuellen Ausgabe Sept/Okt 2010 die Risiken der Antibaby-Pille //Valette// von BAYER. Das a-t kommt zu dem Ergebnis, dass von einer Verschreibung abzuraten ist. Wie auch bei den Pillen Yaz und Yasmin ist davon auszugehen, dass das Thrombose-Risiko gegenüber älteren Präparaten stark erhöht ist.
Die von BAYER angeführten Entlastungs-Studien wurden von dem Unternehmen selbst in Auftrag gegeben und von ehemaligen Mitarbeitern der Firma durchgeführt. Objektive Pharma-Forschung sieht anders aus.
alle Infos zur Kampagne

a-t 2010; 41: 98-9

THROMBOEMBOLIEN UNTER DIENOGEST-HALTIGER PILLE VALETTE

Seit 15 Jahren ist das Dienogest-haltige orale Kontrazeptivum VALETTE auf dem deutschen Markt. Hinreichend beurteilbare Daten zum Risiko venöser Thromboembolien gab es für die international wenig gebräuchliche Kombination mit Ethinylestradiol bislang nicht: Von zwei Fallkontrollstudien war eine nur als „Zusammenfassung”1 publiziert, die andere gar nicht (a-t 2009; 40: 62-3). Jetzt liegt diese zweite Untersuchung vollständig veröffentlicht vor. Sie soll Nichtunterlegenheit von VALETTE gegenüber Levonorgestrel-haltigen oralen Kontrazeptiva (FEMIGOA u.a.) nachweisen, definiert als maximaler Anstieg des Thromboembolierisikos unter Dienogest auf weniger als das Doppelte (obere Grenze des Konfidenzintervalls Specified file 'templates/CI' cannot be found. < 2). Das errechnete Ergebnis erfüllt dieses Kriterium (Odds ratio 1,0; 95% CI 0,6-1,8).2

Die Unbedenklichkeit der Dienogest-haltigen Kombination ist unseres Erachtens dennoch nicht belegt: Der obere Wert des Vertrauensbereichs von 1,8 bedeutet, dass das Risiko venöser thromboembolischer Ereignisse unter Dienogest bis zu 80% höher sein kann als unter Levonorgestrel – für die Annahme von Nichtunterlegenheit inakzeptabel hoch. Zudem wurde die von Bayer Schering – Mutterkonzern des VALETTE-Anbieters Jenapharm – gesponserte Studie von dem in Berlin ansässigen Center for Epidemiology and Health Research (ZEG Berlin) durchgeführt, das von zwei ehemaligen Schering-Mitarbeitern geleitet wird, darunter J. DINGER, Hauptautor der aktuellen Publikation. Untersuchungen dieses Zentrums ergeben regelmäßig für die Hersteller oraler Kontrazeptiva günstige Ergebnisse. Beispielsweise stammt die EURAS-Studie3 zu Drospirenon-haltigen Kontrazeptiva wie YASMIN, in der ebenfalls ein Thromboembolierisiko vergleichbar dem unter Levonorgestrel-haltigen Pillen beschrieben wird, aus diesem Institut (a-t 2007; 38: 95-6). Nach Publikation zweier herstellerunabhängiger Studien, in denen die Gefährdung unter Drospirenon der von Kontrazeptiva der dritten Generation entspricht, mussten die Fachinformationen von YASMIN und PETIBELLE entsprechend geändert werden (a-t 2010; 41: 53-4). Von vier in einem systematischen Review4 identifizierten Fallkontrollstudien zum Thromboembolierisiko von Gestagen-Monopräparaten errechnen drei ein numerisch erhöhtes Risiko, während die vierte – durchgeführt vom ZEG – zu einer gegenüber Nichtanwendung verringerten Gefährdung kommt.5

Industrieunabhängige Daten zum Thromboembolierisiko hormonaler Kontrazeptiva mit neueren Gestagenen wie Dienogest sind dringend erforderlich. Das Problem ist nicht neu: Schon 2001 hatte eine Metaanalyse epidemiologischer Studien zum Thromboserisiko kombinierter oraler Kontrazeptiva festgestellt, dass die Zunahme der Gefährdung durch Präparate der dritten Generation beispielsweise mit Desogestrel (in MARVELON, Generika) gegenüber denen der zweiten Generation (z.B. mit Levonorgestrel) in Studien, die von Pharmaherstellern (mit) finanziert sind, deutlich geringer ausfällt als in unabhängigen Studien (a-t 2001; 32: 84).

Das Dienogest-haltige orale Kontrazeptivum VALETTE ist in einer firmengesponserten und von einem industrienahen Institut durchgeführten Fallkontrollstudie Levonorgestrel-haltigen Pillen (FEMIGOA u.a.) hinsichtlich des Risikos venöser Thromboembolien nicht unterlegen. Das errechnete Ergebnis schließt jedoch eine bis zu 80% höhere Gefährdung unter Dienogest nicht aus.

Solange unabhängige Studien fehlen, raten wir von Dienogest-haltigen Kontrazeptiva ab.

1 HEINEMANN, L.A. et al.: LAMSO 2001; 2: 6 Seiten (Zeitschrift ist nicht mehr im Internet auffindbar, –Red.)
2 DINGER, J. et al.: J. Fam. Plann. Reprod. Health Care 2010; 36: 123-9
3 DINGER, J. et al.: Contraception 2007; 75: 344-54
4 BERGENDAL, A. et al.: Acta Obstet. Gynecol. Scand. 2009; 88: 261-6
5 HEINEMANN, L.A. et al.: Eur. J. Contracept. Reprod. Health Care 1999; 4: 67-73