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Hauptversammlung 2011

29. April 11, Kölner Stadt-Anzeiger

Heftige Proteste und hitzige Reden

Köln/Leverkusen - Es dauerte viereinhalb Stunden, bis der Mann seinen Auftritt zelebrieren konnte. Die Regie der Bayer-Hauptversammlung hatte es mit sich gebracht, dass Axel Köhler-Schnura, Vorstandsmitglied der „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ und Konzerngegner seit jeher, erst im zweiten Frage-Antwort-Block an die Reihe kam. Gegen 14.30 Uhr hatten sich am Freitag die Reihen in Halle 7 der Kölner Messe schon deutlich gelehrt – in der Spitze verfolgten 3700 Aktionäre das Geschehen, trotz Hochzeit in London.

Dass er so spät an die Reihe kam, ermöglichte Köhler-Schnura jedoch, den neuen Bayer-Chef noch etwas heftiger zu attackieren. Denn Marijn Dekkers hatte da schon zu den Gegenanträgen auf der Hauptversammlung Stellung genommen. Die meisten stammten wie üblich entweder von Köhler-Schnura selbst, seiner Frau oder der „Coordination“. Weil manche Vorwürfe nach Auffassung des Bayer-Vorstands beinahe rituell erhoben werden, beschränkte sich Dekkers auf wenige Anmerkungen – was Köhler-Schnura später auf die Palme brachte. Heraus pickte sich der Bayer-Chef den Vorwurf, der Konzern „rechne sich vor dem Fiskus arm“, weil sich die Steuerlast in den vergangenen Jahren in etwa halbiert hat – trotz steigender Umsätze. Dekkers betonte also, dass „Steuergesetze in Deutschland vom Gesetzgeber beschlossen werden – und nicht von Unternehmen“.

Kritik und Proteste
Freilich gab er Köhler-Schnura damit die Gelegenheit, die Sache Heribert Zitzelsberger noch einmal aufzuwärmen: Der Chef von Bayers Steuerabteilung war 1999 als Staatssekretär ins Bundesfinanzministerium gewechselt und hatte maßgeblich an der später viel kritisierten und schließlich nachgebesserten Unternehmenssteuerreform mitgearbeitet. Ein weiteres Dekkers-Argument: Arm rechnen sei nicht drin, weil „Bilanz sowie Gewinn- und Verlustrechnung unabhängig geprüft“ würden. Allerdings gab es zu diesem Punkt auch Kritik von eher unverdächtiger Seite: Markus Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger hatte sein Unbehagen darüber zum Ausdruck gebracht, dass Bayer Bilanzprüfung und Steuerberatung in die Hände einer Kanzlei legt: Pricewaterhouse Coopers.
Schon vor Beginn der Hauptversammlung war es außergewöhnlich lebhaft zugegangen. Vor den Nordhallen hatten viele Konzerngegner demonstriert und versucht, ihre Botschaften an die Teilnehmer des Aktionärstreffens zu übermitteln – freilich mit mäßigem Erfolg. Drinnen räumte Dekkers ein: „ Wir als Industrie müssen stärker auf die Sorgen der Menschen eingehen.“ Köhler-Schnura dürfte der gleichen Meinung sein. Von Thomas Käding