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Frankfurter Rundschau

//Die FR berichtet über unsere Klage zur Forschungskooperation der Uni Köln mit dem BAYER-Konzern. Alle Infos zur Kampagne.//

Frankfurter Rundschau, 26. Juli 2011

Symbiose mit Hindernissen

Stiftungsprofessuren sind in die Schlagzeilen geraten, tatsächlich können sie die Unilandschaft bereichern – wenn sie transparent bleiben. „Bei einer Stiftungsprofessur, wie wir sie verstehen, nimmt der Geldgeber keinen Einfluss auf die Forschung“, sagt Melanie Schneider. Andere sind sich da nicht so sicher.

Fünf Jahre lang keine finanziellen Sorgen – das verspricht eine Stiftungsprofessur dem geförderten Forscher. Ein verlockendes Angebot; sich – ohne die stete Sorge um Drittmittel – einfach nur der Wissenschaft zu widmen und im besten Fall exzellente Ergebnisse zu produzieren. Aber wie frei ist ein Professor, dessen Budget ein Unternehmen aus der freien Wirtschaft sponsert? Die Meinungen dazu sind geteilt.

„Bei einer Stiftungsprofessur, wie wir sie verstehen, nimmt der Geldgeber keinen Einfluss auf die Forschung“, sagt Melanie Schneider vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. In den Schlagzeilen erscheinen die Stellen, die von Spendern aus der Wirtschaft finanziert werden, jedoch häufig in einem anderen Licht. Wer Hinweise darauf suchte, wie die Forschungsfreiheit auf der Strecke bleibt, wenn sich Unternehmen an Hochschulen engagieren, wurde in jüngster Zeit mehrfach fündig.

In Berlin wurde kürzlich der ursprünglich geheime Vertrag zwischen der Deutschen Bank, Humboldt-Uni und TU öffentlich. Die Deutsche Bank hatte sich darin nicht nur ein Mitspracherecht bei der Entwicklung der Forschungsstrategie gesichert. Sie kann laut Vereinbarung auch darüber entscheiden, wann welche Ergebnisse veröffentlicht werden dürfen.

Ein weiteres Beispiel führt nach NRW. Unterstützt von Transparency International verlangt die Coordination gegen Bayer-Gefahren e.V., ein internationales Netzwerk, das sich für Umweltschutz und soziale Anliegen einsetzt und dabei vor allem den Bayer-Konzern kritisch beobachtet, einen Vertrag zwischen der Uni Köln und der Bayer Healthcare AG einzusehen. Es sei unklar, inwieweit die Kooperation die Forschung an der Hochschule sowie die Nutzung und Publikation der daraus resultierenden Ergebnisse beeinflusse, heißt es. Konzern und Uni weigerten sich, die Vereinbarungen offenzulegen, die Verbände klagten.

In Bremen wehren sich Studierendenvertreter mit über 60 Professoren und Hochschulmitarbeitern gegen eine Stiftungsprofessur im Bereich Luft- und Raumfahrttechnik. Sie sehen die generelle Aufgabe der Universität, dem Frieden und der Verständigung zu dienen, durch eine Rüstungsfirma als Spender in Gefahr (s. FR vom 21. Juni 2011).

Kaum verwunderlich also, dass auch die Studierendenvertreter der TU Berlin Stiftungsprofessuren kritisch beurteilen. „Sie gibt es ja nicht, um gute Lehre zu machen, sondern um dem Stifter verwertbare Ergebnisse zu liefern“, sagt etwa Asta-Mitglied Erik Marquardt. Andere Studenten befürchten, dass so ganze Institute zur Forschungs- und Ausbildungsabteilung von Unternehmen werden.
„Das ist aber nicht nur ein Problem bei Stiftungsprofessuren“, hält Melanie Schneider dagegen. Sie stört, dass bei solchen Debatten der „normale“ Professor aus dem Blickfeld gerät. Weil sich die Grundfinanzierung der universitären Forschung immer weiter verschlechtere, müssten die Hochschullehrer neue Geldquellen suchen. „Drittmittel kommen heute nicht mehr nur von der Deutschen Forschungsgemeinschaft“, sagt Schneider.

Stiftungsprofessuren dürfe man jedoch nicht mit Auftragsforschung verwechseln. Bei letzterer handelt es sich um einen klaren Handel zwischen Förderer und Forscher: Der Auftraggeber hat ein Problem und bezahlt den Wissenschaftler dafür, es zu lösen. Eine Stiftungsprofessur soll dagegen eine Spende sein, um die Wissenschaft zu fördern.

Die meisten Förderer suchten dabei durchaus Kontakt zu ihrem Projekt. Hinter den Stiftungsprofessuren stehe schließlich die Idee des Austauschs zwischen Forscher und Unternehmer. „Auch die Wissenschaftler berichten uns, dass sie daraus Vorteile ziehen“, so Schneider. Sie profitierten, wenn Unternehmer ihr Know-how einfließen ließen und Studenten Einblicke in ihre Arbeit ermöglichten.
Entwickeln sich die Projekte aber in eine Richtung, die dem Spender nicht gefällt, hat er kein Recht, die Arbeit am Institut zu beeinflussen – so lautet zumindest die Theorie. Die Regeln des Deutschen Stifterverbands legen fest, dass der Spender zwar die Forschungsrichtung vorgibt, die Universität auswählt und bei der Berufung eines neuen Professors mitwirken kann. Darüber hinaus soll die Freiheit der Forschung jedoch nicht berührt werden.

„Wir können natürlich nicht jederzeit neben jedem Professor stehen“, sagt Schneider. Dass weitergehende Mitspracherechte wie im Fall der Deutschen Bank und der Berliner Universitäten in den Vertrag aufgenommen würden, passiere beim Stifterverband nicht, versichert sie. Ob aber Spender und Forscher untereinander Vereinbarungen träfen, könne der Verband nicht kontrollieren. „Das ist aber auch nicht anrüchig“, findet Schneider. „Letztlich kann jeder Professor frei entscheiden, welche Bedingungen für ihn akzeptabel sind. „Niemand kann eine Hochschule dazu zwingen, eine Stiftungsprofessur anzunehmen und jeder Wissenschaftler bewirbt sich freiwillig.“

Das wiederum bezweifeln die Berliner Studierendenvertreter. Sie sehen ein Problem darin, dass die Hochschulen ihre Grundfinanzierung nicht mehr aus öffentlichen Mitteln abdecken können. „Die Unis werden gezwungen, immer mehr Drittmittel einzutreiben, um den Betrieb am Laufen zu halten“, so Erik Marquardt.

Auch Matthias Jaroch vom Deutschen Hochschulverband kennt dieses Problem. Er zieht daraus jedoch andere Konsequenzen. „Wir halten Stiftungsprofessuren für legitim. Deutsche Hochschulen sind chronisch unterfinanziert und müssen sehen, woher sie Geld bekommen.“ Doch auch ihm sei klar, dass daraus ein Teufelskreis entstehen könne. „Die Gefahr ist durchaus gegeben, dass sich der Staat immer weiter auf die Stifter zurückzieht“, sagt Jaroch. Er sieht vor allem dann Schwierigkeiten, wenn die Finanzierung nach einigen Jahren regulär ausläuft. Dann soll die betroffene Uni selbst einspringen, um Stellen aus eigener Tasche weiterzuführen. Noch wirkt die Spende in knapp zwei Dritteln aller Fälle als Anschubfinanzierung, Tendenz fallend.

„Der Trend geht zur Stiftungsprofessur auf Zeit“, sagt auch Melanie Schneider. Kritiker sorgen sich deshalb vor allem um die kleineren Fächer an den Universitäten. Sie befürchten, dass die Rektorate ihnen den Geldhahn zudrehen, um mit den eingesparten Mitteln ehemalige Stiftungsprofessuren zu erhalten. In einer Studie von 2009 fand der Stifterverband nach eigener Aussage auf solche Umschichtungen dabei noch keine Hinweise. Im Gegenteil: Weil die zusätzlichen privaten Gelder die Haushalte entlasteten, blieben mehr Spielräume, um in andere Forschungsfelder zu investieren, so die Verfasser.

Nicht alle Fächer aber erfreuen sich bei willigen Geldgebern gleicher Beliebtheit. Wirtschafts-, Natur- und Ingenieurwissenschaften profitieren am meisten vom Spendenmodell. Melanie Schneider wundert das kaum: „Viele Unternehmen unterstützen Themengebiete, die ihnen nahe sind.“
Andere entscheiden sich dagegen ganz bewusst für ungewöhnliche Forschungsrichtungen, die sonst nur schwer Förderungen einwerben können. „Unsere Studie hat gezeigt, dass Orchideenfächer keinesfalls benachteiligt werden“, sagt Schneider. Demzufolge spiegelt die Verteilung der Stiftungsprofessuren weitestgehend die Anzahl der Professuren in den jeweiligen Fachgebieten an deutschen Hochschulen wider.

Matthias Jaroch ist vor allem wichtig, dass alle Absprachen zwischen Spender und Universität transparent gemacht werden: „Die Freiheit der Forschung muss das oberste Kriterium sein.“ Wenn dies gelingt, sieht auch der Deutsche Hochschulverband Stiftungsprofessuren als Chance. Matthias Jaroch: „Die Universität soll kein Elfenbeinturm sein, da kann eine Stiftungsprofessur eine Brücke zur Praxis schlagen.“ Julia von Sengbusch