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Henry Mathews Preis

26. September 2011, Neues Deutschland

Konzern-Kritiker auf Strategiesuche

Jahrestagung des Dachverbandes der Kritischen Aktionäre ehrt Bayer-Kritiker

Ein Vierteljahrhundert gibt es den Dachverband der Kritischen Aktionäre schon. Zeit, sich mit Grundsatzfragen zu beschäftigen: Können Konzernkritiker Geschäftspolitiken durch gezielte Investitionen beeinflussen? Oder sollte es doch eher um schonungslose Kritik gehen?

Axel Köhler-Schnura zählt zum Urgestein der Kritischen Aktionärsszene. Der Kopf der Coordination gegen Bayer-Gefahren nervt Konzernchefs seit vielen Jahren – nicht nur in Leverkusen, wo der Pharmakonzern seinen Hauptsitz hat. Unlängst wollte er auch auf der BP-Jahreshauptversammlung in London den Verantwortlichen für die Ölkatastrophe am Golf von Mexiko einen Schmähpreis überreichen und wurde unter globalem Medienrummel verhaftet.
Am Samstag wurde dem 62-Jährigen nun der Henry-Mathews-Preis verliehen – vom Dachverband der Kritischen Aktionäre, den der linke Konzern-Kritiker vor 25 Jahren mitgründete. Scharf wie eine rote Peperoni sei der Gewürdigte, betonte Laudatorin Dorothea Kerschgens auf der Jahrestagung des Verbands in Köln. Immer wieder stelle er auch die Systemfrage, lege offen, »was Kapitalismus und Profitgier anrichten für Mitarbeiter des Konzerns, für Verbraucher und sonstige Stakeholder«, so die Vorstandsfrau des Dachverbands.
Köhler-Schnuras Dankesrede bestand im Wesentlichen aus kapitalismuskritischen Zitaten – von Jean Ziegler bis hin zu Warren Buffett, der durch Spekulation zu einem der reichsten Männer der Erde wurde (»es herrscht Klassenkampf und meine Klasse gewinnt«). Für die Festschrift zum Geburtstag des Dachverbands verfasste Köhler-Schnura einen Beitrag, der an Kritik an den eigenen Leuten nicht spart: Kern aller Probleme seien die privaten Profite, schreibt der Aktivist über die »Möglichkeiten und Grenzen Kritischer AktionärInnen«. Hinter den Konzernen stünden die Ultrareichen, sie würden den überwiegenden Teil der Aktien besitzen, weswegen »das Gerede von der Aktionärsdemokratie« pure Demagogie sei. Viele Kritische seien zwar »unzufrieden mit Missständen, wollen aber die auf Profit ausgerichteten gesellschaftlichen Strukturen keineswegs antasten«. Sie würden eine Art Sozialpartnerschaft nebst Co-Management anstreben. Das nutze letztlich den Konzernen, die berechenbare Kritik wünschten.
Seine antikapitalistischen Positionen, sagte Köhler-Schnura, würden vielleicht von 10 bis 15 Prozent seiner Mitstreiter in den im Dachverband organisierten Initiativen geteilt. Gewiss jedoch nicht von Hermann-Josef Tenhagen, Chefredakteur der auflagenstarken Zeitschrift »Finanztest« der Stiftung Warentest, der am Samstag über das Thema »Nachhaltige Geldanlage und aktives Aktionariat« referierte. »Auch eine ethische Geldanlage ist eine Geldanlage«, betonte der Journalist. Sie müsse sicher und flexibel sein sowie Rendite abwerfen. Zusätzlich solle sie ökologischen und sozialen Kriterien genügen. Doch während die Renditen hier durchaus mit denjenigen der Konkurrenz mithalten könnten, sei es gar nicht so einfach zu definieren oder gar zu überprüfen, ob eine Firma »ethisch« wirtschafte, so der Verbraucherschützer.
Tenhagen würzte seinen Vortrag mit Anekdoten. Ein Teil der Riester-Rente-Einlagen werde in Rüstung, durchaus auch in Streumunition investiert. Die Anlageberater wüssten das meist nicht – oder es gehe ihnen »am Arsch vorbei«. Derweil werde der größte hiesige »Öko«-Immobilienfonds von einer Deutsche-Bank-Tochter verwaltet – mit den Einlagen wurden die Deutsche-Bank-Türme in Frankfurt auf den neuesten umwelttechnischen Stand gebracht.
»Greenwashing« nennen die Konzern-Kritiker solches Gebaren. Die Täuschung von Kunden und Anlegern mit scheinbaren Öko-Leistungen bleibt auch weiter Thema der Kritischen Aktionäre.
Für die Öko-Marktforscherin Silke Riedel lautet das Zauberwort der Veränderung »Engagement« (englisch ausgesprochen!). Aktionäre sollten beispielsweise kollektiv damit drohen, ihre Anteilsscheine zu verkaufen, wenn ein Unternehmen seine Geschäftspolitik nicht ändere. Doch in Deutschland würden derzeit nur 0,8 Prozent des Geldes »irgendwie nachhaltig« angelegt. Problem: Es fehle an großen und, wie in England, von den Gewerkschaften mitgesteuerten Pensionsfonds. Dagegen seien Banken und Industriekonzerne stark verflochten. Bei letzterem Argument nickte denn auch Axel Köhler-Schnura wieder.
Ein ethisches Investment könne es nicht geben, glaubt der radikale Konzern-Kritiker, der sich seit der Jugend in der DKP engagiert: »Geld arbeitet nicht. Rendite entsteht stets durch die Ausbeutung der Natur und der menschlichen Arbeitskraft.« Ihn interessiert eine andere Frage: »Wer hat die Macht?« Nur vergesellschaftete, demokratisch kontrollierte Unternehmen könnten ökosozial agieren.
Von Marcus Meier, Köln