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El Salvador

17. Januar 2012 – IPS

El Salvador: Nierenschäden durch Herbizide – Viele Bauern in Küstenregion krank

Im Schatten eines Baumes beobachtet Francisco Sosa, wie sein Sohn den Acker für die Aussaat vorbereitet, indem er mit einem Herbizid gegen das wuchernde Unkraut vorgeht. Der 60-Jährige würde gern mithelfen, darf aber aus Gesundheitsgründen nicht. Der jahrelange Kontakt mit den Pflanzengiften hat ihn wie viele andere Bauern in seinem Ort im Südosten von El Salvador krank gemacht.
Sosa leidet an einer Niereninsuffizienz, einer chronischen Krankheit, die in ihrer akuten Phase sogar zum Tod führen kann. »Die Ärzte haben mir gesagt, dass ich kein Gift mehr versprühen soll. Das könnte meine Krankheit weiter verschlimmern«, erklärt er IPS. In der Region Bajo Lempa, in der sich auch Nueva Esperanza befindet, berichten Menschen und Medien seit Jahren über eine alarmierende Zunahme von Nierenleiden. Dort wurde mehr als ein Jahrhundert lang teils unter intensivem Einsatz von Chemikalien Baumwolle angebaut.
Seit den siebziger Jahren sind die Farmer zwar auf Mais, Bohnen und andere Getreide– und Gemüsesorten umgestiegen, Herbizide und Pestizide kommen aber weiterhin reichlich zum Einsatz. In einigen Gemeinden von Bajo Lempa wie Ciudad Romero leiden 20,7 Prozent der Bevölkerung an chronischen Nierenerkrankungen.

Alarmierende Zahlen
In anderen Ländern hingegen seien nur 1,4 bis 6,3 Prozent der Menschen von einer Niereninsuffizienz betroffen, so die vorläufigen Ergebnisse einer Studie des salvadorianischen Gesundheitsministeriums. Begonnen wurde die Untersuchung 2009, als mit Mauricio Funes ein Vertreter der moderaten Linken das Präsidentenamt übernahm. Funes hatte im Bürgerkrieg von 1980 bis 1992 auf Seiten der linken Rebellen der Nationalen Befreiungsfront Farabundí Martí (FMLN) gekämpft, die sich heute als reguläre Partei etabliert hat.
Die Studie, deren endgültige Ergebnisse im kommenden Oktober vorliegen sollen, liefert zwar keine Bestätigung dafür, dass Agrochemikalien der eigentliche Auslöser für die gehäuft auftretenden Beschwerden sind. Immerhin enthält sie deutliche Hinweise, die die Warnungen von Bauern und Umweltschützern untermauern.
Dass mehr als 82 Prozent aller Männer in der Region mit Herbiziden und Pestiziden hantieren, hebt der Bericht als wichtigen Risikofaktor hervor. »Die Krankheit hängt mit den chemischen Substanzen zusammen, die vor allem in der Landwirtschaft in den Küstengebieten verwendet werden«, sagte Gesundheitsministerin Maria Isabel Rodríguez. »Wir haben skandalöse Zahlen, die es sonst in keinem Teil der Welt gibt.« Die Erkrankten seien in der Mehrzahl Bauern im Alter von 18 bis 60 Jahren.
Mauricio Sermeño von der Umweltorganisation ‘Unidad Ecológica Salvadoreña’ verwies auf den massiven Einsatz von Pestiziden und Herbiziden während des Baumwollbooms. Damals wurde vielfach DDT verwendet. Wegen der gesundheitsschädigenden Wirkung wurde DDT schließlich verboten.
In El Salvador seien aber nach wie vor hochtoxische Agrochemikalien wie Gramoxon des Agromultis Syngenta und Hedonal von Bayer auf dem Markt, erklärte der Experte. Sermeño macht diese Erzeugnisse für einen erheblichen Teil der Krankheitsfälle verantwortlich. Auf Nachfragen von IPS hat die Bayer-Niederlassung in dem zentralamerikanischen Land nicht reagiert.
In Bajo Lempa gibt es nach Angaben von Umweltaktivisten mittlerweile kaum einen Einwohner, der nicht einen Verwandten oder Freund durch Nierenversagen verloren hätte.

Todkranke Patienten nach Hause entlassen
Das auf die Krankheit spezialisierte Hospital am Ort bietet Behandlungen während der verschiedenen Stadien der Krankheit an. In der letzten Phase werden die Patienten nach Hause entlassen, wo sie selbst die Dialyse durchführen müssen. Längst nicht alle Betroffenen können gerettet werden. »In 95 Prozent aller Gräber auf dem Friedhof von Nueva Esperanza liegen Menschen, die an Nierenproblemen gestorben sind«, sagt Rosa María Colindres, die als Krankenschwester in der ersten staatlichen Nierenklinik in dieser Zone arbeitet.
»Wenn ich nicht selbst die Dialyse machen würde, wäre ich längst tot«, meint der Bauer Wilfredo Ordoño. Er erinnert sich daran, dass früher aus dem Rucksacksprayer oft Flüssigkeit ausgetreten sei, die sich über seine Schultern verteilt habe. »Ich denke, dass mich das erledigt hat.«
Bajo Lempa ist ein Küstengebiet, in dem der gleichnamige Fluss in den Pazifik mündet. Jedes Jahr kommt es dort zu Überschwemmungen, die Ernten vernichten. Seit dem Ende des Bürgerkriegs 1992 wurden die früher Großgrundbesitzern gehörenden Ländereien aufgeteilt und zur Bewirtschaftung an ehemalige Rebellen vergeben, die wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden sollten.
Die politisch überwiegend links orientierten Bewohner der Region werfen den früheren Regierungen unter Führung der konservativen Arena-Partei vor, nicht an einer Eindämmung der Krankheitswelle interessiert gewesen zu sein. So gebe es bis heute keine effizienten gesetzlichen Regelungen für den Handel und Umgang mit Agrochemikalien. Ein 2004 geschlossenes Übereinkommen sei praktisch nicht befolgt worden. Von Edgar Ayala — Nueva Esperanza in El Salvador