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Antibabypillen

//Die Berliner Zeitung und die Frankfurter Rundschau greifen heute in einem ausführlichen Artikel unsere Kampagne zu gefährlichen Kontrazeptiva auf. Ausführliche Informationen, unter anderem die Reden von Felicitas, Susan und Nana in der BAYER-Hauptversammlung, finden sich hier.//

Antibabypillen riskant

Verhüten wie vor vierzig Jahren

Experten empfehlen Frauen, wieder öfter auf altbewährte Antibabypillen zurückzugreifen. Denn moderne Präparate sind vielfach riskanter

10. Februar 2012 -- Felicitas war 23 Jahre alt, als sie eine Lungenembolie erlitt und ihr Herz vorübergehend stillstand. Bei Susan entdeckten die Ärzte mit 29 Jahren die gefährlichen Blutgerinnsel in der Lunge. Auch Nana war noch keine 30, als eine Thrombose in der linken Beckenvene den Verschluss einer Lungenarterie zur Folge hatte.
Die drei Frauen haben auch sonst vieles gemeinsam: Sie haben nie geraucht, Sport getrieben – und mit einer Antibabypille verhütet, die den Wirkstoff Drospirenon enthält. Nachzulesen sind ihre Schicksale im Internet, auf den Seiten der Selbsthilfegruppe Drospirenon-Geschädigter. Vor einem erhöhten Thromboserisiko und der Gefahr einer Lungenembolie hatten ihre Frauenärzte sie offenbar nie gewarnt.
Dabei ist das Risiko gefährlicher Blutgerinnsel von Pillen wie Yasmin, Yasminelle, Yaz, Aida und Petibelle, die alle den Wirkstoff Drospirenon enthalten, schon länger bekannt. Bereits im Jahr 2000, als die ersten Pillen dieser sogenannten vierten Generation (siehe Kasten) auf den Markt kamen, bemängelte das pharmakritische Arznei-Telegramm, dass die Hersteller – damals noch Schering sowie die Bayer-Tochter Jenapharm – keine Studien vorgelegt hätten, die sich mit dem Thromboserisiko befassen.
In den darauffolgenden Jahren verdichteten sich die Hinweise, dass Drospirenon-haltige Pillen vermehrt zu Blutgerinnseln und deren lebensbedrohlichen Folgen führen. Im Frühjahr 2010 musste der Hersteller Bayer, der Schering vier Jahre zuvor übernommen hatte, auf Druck der Arzneimittelbehörden in allen Staaten der Europäischen Union das erhöhte Thromboserisiko in seine Beipackzettel mit aufnehmen.
Auslöser der Debatte war der Tod mehrerer junger Mädchen gewesen, die mit einer Pille der Yasmin-Familie verhütet und kurze Zeit später eine Lungenembolie erlitten hatten. Nach Angaben des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) sind in Deutschland seit der Markteinführung von Yasmin zwölf solcher Todesfälle bekanntgeworden. In den USA starben nach Angaben der dortigen Arzneimittelbehörde FDA gar 190 Frauen an einer Lungenembolie, die zuvor eine Drospirenon-haltige Pille eingenommen hatten.
Bayer bestreitet zwar nach wie vor, dass es einen ursächlichen Zusammenhang zwischen seinen Verhütungspillen und dem Tod der Frauen gibt. Doch inzwischen empfiehlt auch das Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukten in seinem aktuellen Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, bei der Wahl einer geeigneten Antibabypille das Thromboserisiko stärker zu berücksichtigen – wie es in vielen anderen Ländern der EU bereits gang und gäbe sei.

Hang zum Bagatellisieren
In der Publikation sind unter anderem konkrete Zahlen nachzulesen. Demnach erleiden von 100 000 Frauen, die ein Jahr lang eine Pille mit dem Wirkstoff Drospirenon einnehmen, etwa 40 eine Thrombose. Ähnlich hoch ist das Risiko bei Pillen der dritten Generation. Bei den Pillen der zweiten Generation erkranken im gleichen Zeitraum nur 20 Frauen. Zum Vergleich: Wenn 100 000 Frauen ohne Hormone oder gar nicht verhüten, diagnostizieren die Ärzte innerhalb eines Jahres nur 5 bis 10 Thrombosen.
Die Hersteller der Antibabypillen weisen zwar gerne daraufhin, dass das Thromboserisiko ihrer Präparate deutlich geringer sei als bei einer Schwangerschaft – immerhin erkranken von 100 000 schwangeren Frauen 60 an einer Thrombose. Doch genau diesen Hang zum Bagatellisieren machen ihnen viele Fachleute zum Vorwurf. „Es geht hier ja nicht um kranke Menschen, die gezwungen sind, ein Medikament einzunehmen“, sagt der Pharmazeut Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. „Sondern es handelt sich um junge, gesunde Frauen – da kann das Risiko gefährlicher Nebenwirkungen gar nicht klein genug sein.“ Glaeske will den Frauen gar nicht generell von der Einnahme der Pille abraten. „Es ist das sicherste Verhütungsmittel, das wir haben, und seine Risiken sind zumindest überschaubar“, sagt er.
Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nehmen hierzulande 55 Prozent der 20- bis 44-jährigen Frauen die Pille. Bei den 20- bis 29-jährigen sind es sogar 72 Prozent. Weltweit verhüten geschätzt mehr als 100 Millionen Frauen mit hormonellen Tabletten.
Und tatsächlich kann es im Hinblick auf die Zuverlässigkeit keine andere Verhütungsmethode – sieht man einmal von operativen Maßnahmen ab – mit der Pille aufnehmen. Der Pearl-Index (PI), der angibt, wie viele von hundert Frauen im statistischen Mittel schwanger werden, wenn sie ein Jahr lang mit einer bestimmten Methode verhüten, liegt bei der Pille zwischen 0,1 und 0,9. Kondome haben je nach Erhebung einen PI von 2 bis 14. Und auch andere hormonelle Verhütungsmittel wie Vaginalring oder Hormonpflaster erreichen nicht die Spitzenwerte der Pille.
Was den Pharmazeuten Glaeske ärgert, ist die Tatsache, dass die Hersteller ihre Präparate oft nicht als ein Medikament darstellen, sondern als Kosmetikum oder gar Schlankheitsmittel. Glaeske: „Sie heben die positive Wirkung auf Haut und Haare hervor, werben mit einer Gewichtsabnahme durch die Pille und versuchen so, vor allem junge Mädchen an ihre Präparate zu binden.“ Dabei hätten mehrere unabhängige Studien gezeigt, dass gerade bei Teenagern das Risiko gefährlicher Nebenwirkungen durch Drospirenon besonders hoch sei.
Glaeske fordert daher die Gynäkologen dazu auf, einer Frau, die die Pille nehmen möchte, zunächst einmal ein Präparat der zweiten Generation zu verordnen. „Wenn sie dieses dann nicht gut verträgt, kann man es immer noch mit einem anderen Produkt versuchen.“
Auch Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik am Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, kritisiert, dass sich viele Frauenärzte dazu hätten verleiten lassen, gerade jungen Frauen Drospirenon-haltige Pillen zu verschreiben. „Die Mädchen haben Angst, von der Pille dick zu werden, und die Ärzte beruhigen sie, indem sie ihnen Yasmin oder ein vergleichbares Präparat verordnen“, sagt sie. Tatsächlich zählen die Pillen der Yasmin-Familie für Bayer seit Jahren zu den umsatzstärksten Medikamenten. Im Jahr 2010 erzielte der Konzern mit ihnen einen Umsatz von mehr als 1,1 Milliarden Euro. Und Yasmin ist die meistverkaufte Verhütungspille der Welt.
Dabei ist inzwischen längst bekannt, dass auch Pillen der vierten Generation kein Fett schmelzen lassen, sondern dem Körper lediglich Wasser entziehen – was sich natürlich auch auf der Waage bemerkbar macht. Gerade diese Wirkung auf den Wasserhaushalt aber kann zur Folge haben, dass das Blut dickflüssiger wird und somit leichter verklumpt.
Wie leicht es passieren kann, dass Gynäkologen sich bei der Empfehlung eines Präparats von den Herstellern und deren Versprechen beeinflussen lassen, zeigt auch ein Blick in die USA, wo derzeit rund 10 000 Pillen-Anwenderinnen gegen Bayer klagen.

Interessenkonflikt der Ärzte
Im Dezember war dort ein Beratergremium der FDA zusammengekommen, um über die Risiken und die Zukunft der Drospirenon-haltigen Verhütungsmittel abzustimmen. Das Ergebnis fiel denkbar knapp aus: Mit 15 zu 11 Stimmen kamen die Experten zu dem Schluss, dass die Vorteile der Medikamente höher einzuschätzen seien als die Risiken.
Kurz darauf wurde allerdings bekannt, dass drei der Ärztinnen, die sich positiv zu Yasmin und den anderen Pillen geäußert hatten, in der Vergangenheit forschend oder beratend für Bayer tätig gewesen waren. Wegen möglicher Interessenkonflikte hat eine Nichtregierungsorganisation die FDA jetzt aufgefordert, die Abstimmung mit unabhängigen Experten zu wiederholen.
Sollten Frauenärzte künftig also besser keine Pillen mit Drospirenon mehr verschreiben? Die Gynäkologin Marion Kiechle sieht das nicht ganz so rigoros. „Ich würde die Entscheidung immer vom Einzelfall abhängig machen“, sagt sie. Einer Profitänzerin, die auf keinen Fall zunehmen und deshalb mit Yasmin verhüten wolle, würde sie das Präparat durchaus weiter verschreiben. Einer Frau, die unter starker Akne leide, würde sie hingegen lieber eine Pille mit dem Gestagen Cyproteronacetat verordnen, da dieses für seine positive Wirkung auf Haut und Haare bekannt sei.
Anders sieht es aus, wenn eine Frau bereits Risikofaktoren für eine Thrombose mitbringt. „Einer übergewichtigen Frau oder einer, bei der es in der Familie bereits Thrombosefälle gibt, würde ich, wenn überhaupt, eine Pille der zweiten Generation empfehlen“, sagt Kiechle. „Zum Beispiel dann, wenn die Frau mit der Pille nicht nur verhüten will, sondern sich auch eine Linderung ihrer Regelschmerzen erhofft.“ Nur in einem Punkt ist die Gynäkologin streng: „Rauchen und die Pille schlucken, das geht gar nicht.“
Wichtig sei zudem, dass die Frauen auf Warnsignale achten: „Wer Schmerzen in den Beinen hat, sollte sich fragen, ob das wirklich ein Muskelkater sein kann“, sagt sie. Und beim leisesten Zweifel solle die Frau zum Arzt gehen – etwa zu einem Gefäßspezialisten. Von Anke Brodmerkel

Eine Frage der Generation
Moderne Antibabypillen enthalten meist zwei weibliche Geschlechtshormone: Östrogen und Gestagen.
Als Östrogen wird für fast alle Pillen die synthetisch hergestellte Substanz Ethinylestradiol verwendet. Seit drei Jahren auf dem Markt ist Estradiolvalerat.
Das Gestagen entscheidet meist darüber, wie verträglich die Pille ist und welchen Zusatznutzen sie bietet.
Gestagene der ersten und zweiten Generation sind seit den 60er- beziehungsweise 70er-Jahren auf dem Markt. Zur ersten Generation zählen Norethisteron und Lynestrenol, zur zweiten Levonorgestrel und Norgestimat.
Gestagene der dritten Generation – Gestoden und Desogestrel – wurden in den 80er-Jahren eingeführt. Sie gerieten jedoch in die Schlagzeilen, da sie das Thromboserisiko erhöhen. Auch das im Jahr 2000 zugelassene Gestagen Drospirenon besitzt diese Nebenwirkung.
Darüber hinaus gibt es Gestagene, die nicht in diese vier Gruppen eingeteilt werden. Zu ihnen gehören Chlormadinonacetat, Cyproteronacetat und Dienogest, die sich günstig auf Haut und Haare auswirken sollen.