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Frankfurter Rundschau

Frankfurter Rundschau, 27. April 2012

Kritische Bayer-Aktionäre

Die Störenfriede

Seit 30 Jahren prangern die Kritischen Aktionäre von Bayer Missstände an. Sie werfen dem Unternehmen vor, sich nicht genügend um Menschen und um die Umwelt zu kümmern.

Der Angriff sitzt: „Bayer verlegt immer mehr gefährliche Medikamenten-Tests in arme Länder.“ So lautet der härteste Vorwurf, den Axel Köhler-Schnura am heutigen Freitag auf der Hauptversammlung gegen den Boss des Leverkusener Pharmakonzerns, Marijn Dekkers, erheben will. Seit 30 Jahren prangern Diplom-Kaufmann Köhler-Schnura und seine multinationalen Mitstreiter der Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) die wechselnden Vorstände auf den alljährlichen Aktionärstreffen an, sich nicht genügend um Menschen und um die Umwelt zu kümmern. Und das alles nur wegen des Profits.

Aktionäre gehören im Allgemeinen nicht zu den schärfsten Kapitalismuskritikern. Köhler-Schnura ist da anders. Dividenden und Kursgewinne lassen ihn kalt. Die Wurzeln der „Coordination“ liegen dort, wo auch der Bayer-Konzern, der heute weltweit mehr als 100.000 Menschen beschäftigt, ursprünglich herstammt, in Wuppertal. In den 70er-Jahren kam es im dortigen Werk des Chemieriesen zu zwei folgenschweren Unfällen; ein Jahr später drohte in einer Fabrik in Dormagen die Katastrophe – hochgiftiges Gusathion wurde freigesetzt.

Die Keimzelle
Die Folge: Es gründeten sich Bürgerinitiativen, wie das damals hieß, aus denen 1978 dann die Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG) erwachsen ist. Diese Nichtregierungsorganisation wurde später sogar zur Keimzelle einer neuen linken Bewegung, der Kritischen Aktionäre.
Vor 30 Jahren überraschten dann CBG-Mitglieder erstmals auf einer Hauptversammlung. „Der Vorstand hatte damals vollkommen die Contenance verloren“, freut sich Köhler-Schnura heute noch immer schelmisch. Mittlerweile fährt den Managern auf dem Podium kein Schreck mehr in die Glieder, wenn der Block der Kritischen Aktionäre seine Stammplätze Auge in Auge links vor dem Konzern-Vorstand einnimmt.

„1982 hatten wir Vorstandsboss Professor Grünewald aus dem Konzept gebracht, weil damals überhaupt das erste Mal die Profite von Bayer hinterfragt wurden.“ Das sei auch heute noch regelmäßig ein Thema, sagt Köhler-Schnura. Dabei ging es damals um die gleichen Kritikpunkte wie heute auch: Pestizide, Pharmaversuche an Menschen, Umweltprobleme, Kampfstoffe in der Ostsee. „Es sind die immer gleichen Probleme, nur mit immer neuen Etiketten.“ Beispielsweise PCB. Die krebsauslösende Chlorverbindung fand sich in der Muttermilch und bei Eisbären in der Arktis. Weltweit war PCB bereits in den 70er-Jahren geächtet worden, die meisten Chemiekonzerne stellten die Produktion ein. Nur Bayer habe bis Ende der 80er-Jahre weiter produziert, beklagt der Vater dreier Töchter. „Bayer nutzte die Chance, um Extraprofite zu ziehen.“ Die Nachkommen müssten nun das Entsorgungsproblem lösen, Schulen und landwirtschaftliche Flächen müssten saniert, PCB entsorgt werden. Sollte dies nicht Verursacher Bayer zahlen, fragen die CBG-Aktionäre.

Die Bayer-Coordination blieb nicht lange allein. 1986 wurde mit ihrer Hilfe der „Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre“ in Köln gegründet. Mittlerweile treten die Grundsatzkritiker auf den Hauptversammlungen von zwei Dutzend deutscher Aktiengesellschaften auf, unter anderem bei Daimler, dem Luft- und Raumfahrtkonzern EADS und bei Siemens. Und der moderne Finanzkapitalismus macht die Proteste spürbarer als früher: Prozesse in angelsächsisch geprägten Ländern „belasten schnell den Cash-Flow“, und politische Diskussionen über die Sicherheit von Antibabypillen oder Pharmaversuche an Tieren verhageln die Wert-Perspektive, kosten also viel Geld, belasten die Bilanz, und ärgern alle Aktionäre, warnt Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Die Gegenanträge der Coordination kannte der Analyst nicht; die Kontakte zwischen den verschiedenen Aktionärssphären sind spärlich.

Vernetzt in 40 Ländern
Wenn die Bayer AG irgendwo auf der Welt investiert, die Coordination ist schon da. Die CBG-Zentrale hält Kontakt mit Akteuren in 40 Ländern „auf allen Kontinenten“, so CBG-Pressesprecher Philipp Mimkes. Das zeitigt Wirkung: Als sich in einem 300-Seelen-Nest in Australien Widerstand gegen ein neues Pestizidwerk erhob, griffen die Menschen auf Amtshilfe der CBG zurück. Es kam zur landesweiten Volksabstimmung. Bayer verlor. Und nach der Beinahe-Katastrophe durch Bophal-Giftgas 2008 in West Virginia, USA, ließen sich Behörden und Kongress von der Coordination beraten.

Freunde macht man sich mit solchen Aktionen in der Leverkusener Konzernspitze kaum. Die Bayer AG selber beschwert sich über das „Ungleichgewicht“ gegenüber der Coordination gegen Bayer-Gefahren, deren Anträge immerhin 15 Seiten umfassen. Es bedürfe nur „weniger Worte“, um harte Angriffe zu formulieren, erklärt ein Konzernsprecher auf Anfrage, aber die Widerlegung von Behauptungen benötige „lange Ausführungen“.
Dafür bietet die heutige Hauptversammlung in der Messehalle 7 in Köln-Deutz eine günstige Gelegenheit.

Klagen in den USA

Hauptversammlung: Weltweit ist das Aktionärstreffen bei Bayer wohl das einzige, das von Kritischen Aktionären dominiert wird. Auf der letzten kamen 30 der 35 Redebeiträge aus dem Umfeld der Coordination gegen Bayer-Gefahren (CBG). Die Chemie-Manager werden sich in der Kölner Messehalle wieder harte Kritik anhören müssen. So soll Bayer verstärkt gefährliche Medikamenten-Versuche in Schwellenländer verlegen.

Versuche: Allein in Indien „kam es bei Menschenversuchen von Bayer zu mindestens 138 Todesfällen“, kritisiert die CBG. Als Quelle beruft sich die Organisation auf das indische Gesundheitsministerium. Unter anderem lasse Bayer in Indien seine Krebsarznei Nexavar, den umstrittenen Gerinnungshemmer Xarelto und das Potenzmittel Levitra testen.
Bayer hat den Hinterbliebenen nach Angaben der CBG Entschädigungen von lediglich 5250 Dollar gezahlt. In Europa drohen in solchen Fällen Millionenklagen.

Pestizide: Auf Kritik stoßen auch die Pestizide „Gaucho“ und „Poncho“, die für das Bienensterben in aller Welt mitverantwortlich gemacht werden. Im Mittelpunkt werden auch die Klagen von tausenden US-Bürgerinnen wegen Nebenwirkungen der Antibabypille Yaz und der erwartete Schadensersatz für amerikanische Landwirte wegen einer fehlerhaften Reissorte stehen.

Bayer: Der Konzern wehrt sich gegen die Vorwürfe. Die Forschung und Entwicklung stimme selbstverständlich mit den weltweit gültigen ethischen Standards zur Prüfung von Medikamenten an Menschen überein.