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STICHWORT BAYER 02/2012
qualvolle Enge im Tierstall

Antibiotika in der Fleischproduktion

Der Keim, der aus dem Tierstall kommt

In der Massentierhaltung werden große Mengen Medikamente eingesetzt, insbesondere Antibiotika. Immer mehr Krankheitserreger bilden dadurch Resistenzen. Gelangen die Keime über die Fleisch-Verarbeitung in den menschlichen Organismus, so können sie Gesundheitsstörungen verursachen, gegen die kein Kraut mehr gewachsen ist. Zu den größten Herstellern von Tier-Antibiotika gehört der Leverkusener Bayer-Konzern.

Bis zu zwölf Schweine drängen sich in der Massentierhaltung auf 6-8 Quadratmetern. Tageslicht fällt so gut wie nie in die Ställe. Auch Stroh oder Einstreu gibt es für die armen Kreaturen nicht. Sie hausen auf blankem Beton. Hierin sind Spalten eingelassen, damit Urin und Kot direkt eine Etage tiefer in die Gülle-Grube gelangen kann. Vier Monate bleiben ihnen bis zur Schlachtreife - vor 100 Jahren waren es noch zwölf. Zu allem Überfluss müssen sie in dieser kurzen Zeit viel mehr Gewicht zulegen als ihre Vorfahren.
Gesund ist das nicht. Als Abbau-Produkt aus den Fäkalien entsteht giftiges Ammoniak, das zusammen mit der ständigen Feuchtigkeit zu Atemwegserkrankungen führt. Durch die Enge und Dunkelheit bedingt, regen sich die Tiere kaum, weshalb ihre inneren Organe – durch die Turbomast ohnehin stark belastet – Entwicklungsdefizite aufweisen. Mehr Auslauf wäre auch kontraproduktiv: „Diese Drangsal ist bewusst hergestellt. Bei genügender Bewegung würden die Schweine ja nicht so schnell zunehmen“, so der Tierarzt und ehemalige Veterinäramtsleiter Hermann Focke in seinem Buch „Die Natur schlägt zurück“.
Viele Tiere überleben nicht einmal den Transport zum Schlachthof: 400.000 Schweine erleiden alljährlich auf dem Weg zu ihrem letzten Gang den akuten Herztod.

Immer dabei: Baytril
Hühner, Puten, Mastenten und Legehennen leben unter ähnlichen Umständen und leiden deshalb ähnlich oft unter Krankheiten. Auf der Liste ganz oben stehen Infektionen. Als Medikamente kommen folglich bevorzugt Antibiotika zum Einsatz.
Wegen der Ansteckungsgefahr gelangt in der Regel gleich der ganze Bestand in den Genuss dieser Mittel. Das Leverkusener Unternehmen Bayer rät zum Beispiel in einer Produktinformation: „Unter den gegenwärtigen landwirtschaftlichen Bedingungen ist die Anzahl der Tiere pro Stall sehr hoch. Deshalb ist die Behandlung der gesamten Herde und nicht die individuelle Medikation das Mittel der Wahl, um den Infektionsdruck zu mildern und die Ansteckungsgefahr zu senken“. Mehr als die Hälfte der gesamten Antibiotika-Produktion in Deutschland landet denn auch in den Tierställen - rund 1.000 Tonnen pro Jahr. Kritische Tierärzte sprechen von einer Dunkelziffer von weiteren tausend Tonnen.
Die Firma Bayer ist weltweit der viertgrößte Anbieter von Veterinär-Medikamenten und gehört zu den großen Nutznießern der Massentierhaltung. Welche Mengen Tier-Antibiotika verkauft werden, will das Unternehmen eigentlich „aus Wettbewerbsgründen nicht kommunizieren“. Erst auf mehrmalige Nachfrage Kritischer Aktionäre nannte der Vorstandsvorsitzende in der jüngsten Hauptversammlung in Köln die Verkaufszahlen: demnach machte der Konzern allein 2011 mit dem Tier-Antibiotikum Baytril einen Umsatz von 166 Millionen Euro. 118 Millionen Euro wurden in der Massentierhaltung abgesetzt, der Rest im Haustierbereich.

Immer mehr Resistenzen
Wie alltäglich der Einsatz der Mikrobenkiller ist, zeigt eine Untersuchung des Niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums. Die Studie überprüfte 200 Betriebe und verfolgte 894 Mast-Perioden mit insgesamt mehr als 23 Millionen Tieren. Demnach erhielten 76 Prozent der 18 Millionen überprüften Hühner Antibiotika, durchschnittlich knapp sieben Mal in ihrem kurzen Leben. Häufig schluckten sie Präparate aus der Klasse der Fluorchinolone, zu denen auch Baytril gehört. Die 1,65 Millionen untersuchten Puten erhielten gar zu 90 Prozent Antibiotika.
Die Antibiotika-Quote bei Mastschweinen betrug 68 Prozent, bei Kälbern rund 90 Prozent. Immer dabei: Baytril mit dem Wirkstoff Enrofloxacin.
Der regelmäßige Einsatz in der Massentierhaltung verursacht massive Probleme. Die Krankheitserreger gewöhnen sich an die Mittel und bilden trotz ständig erhöhter Dosen Resistenzen aus. Über die Fleisch-Zubereitung können solche resistenten Bakterien in den menschlichen Organismus gelangen und dort unbehandelbare Gesundheitsstörungen auslösen. Das Stall-Personal als Überträger, der Antibiotika-Eintrag in die Umwelt z. B. über die Gülle und der zu sorglose Umgang mit dieser Medikamentengruppe in der Humanmedizin tragen ein Übriges zur Bedrohungslage bei.
Ende der 1990er Jahre starben dem US-amerikanischen Wissenschaftler Dudley Williams zufolge weltweit rund 200.000 Menschen, weil Antibiotika ihnen nicht mehr helfen konnten. In der Bundesrepublik erliegen nach Angaben des Max-Planck-Institutes alljährlich ca. 15.000 Personen nicht-behandelbaren Infektionen. Und in den USA sorgte 2005 allein ein multiresistenter „Staphylococcus aureus“-Keim für 18.650 Todesfälle.

verwandte Wirkstoffe
Auch eine Studie der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) kam im vergangenen Herbst zu dem Ergebnis, dass der Einsatz von Antibiotika in der Tiermast dazu führen kann, die Mittel ihrer Wirksamkeit in der Humanmedizin zu berauben. Die Firma Bayer trägt hierfür eine besondere Verantwortung, da das Unternehmen gleichzeitig Antibiotika für die Veterinär- als auch für die Humanmedizin anbietet, noch dazu solche aus derselben Substanzklasse. Sowohl die Human-Antibiotika Ciprobay (Wirkstoff: Ciprofloxacin) und Avalox (Wirkstoff: Moxifloxacin), als auch das genannte Baytril gehören zu den Fluorchinolonen. Da verwundern die hohen Resistenz-Raten kaum. So stieg die Zahl der Ciprobay-resistenten „Staphylococcus aureus“-Erreger nach Angaben des „German Network for Antimicrobial Resistance Surveillance“ von 1990 sechs Prozent auf über 26 Prozent im Jahr 2006. Die Zahl der Ciprobay-resistenten „Staphylococcus epidermides“-Keime nahm von 55 Prozent (1995) auf 70 Prozent (2004) zu, die der „Escherichia coli“-Erreger von 5 auf 22 Prozent. Auch gegen 90 Prozent der „Enterococcus faecium“-Erreger, 76 Prozent der „Staphylococcus haemolyticus“-Erreger und knapp 40 Prozent der „Enterococcus faecalis“-Erreger erwies sich das Bayer-Präparat Ciprobay als machtlos.
Der „Germap 2008“ zieht daher ein alarmierendes Fazit: „Im Hospitalbereich ist in den letzten 10–15 Jahren eine z.T. deutliche Zunahme der Resistenz-Häufigkeit gegenüber Antibiotika festzustellen. Der Resistenz-Anstieg betrifft besonders die Fluorchinolone und Aminopenicilline.“ Die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert daher seit Jahren ein Verbot des massenhaften Einsatzes von Antibiotika in der Tierzucht. Insbesondere die Gruppe der Fluorchinolone, zu denen Baytril gehört, erklärte die WHO zu „Critically Important Antimicrobials“, also zu unverzichtbaren Bakteriziden.
Beim Breitband-Antibiotikum Totocillin, ebenfalls aus dem Hause Bayer, sieht die Lage nicht besser aus. Die Effektivität des seit 2010 wieder erhältlichen Präparats zur Behandlung von Euter- und Gebärmutterentzündungen lässt ebenfalls zu wünschen übrig. Immer mehr Keime trotzen den beiden Wirkstoffen Ampicillin und Oxacillin. So legte die Rate der Ampicillin-resistenten „Enterococcus faecium“-Stämme von 49 Prozent (1995) auf 89 Prozent im Jahr 2004 zu, diejenige der E.coli-Stämme von 36 auf 50 Prozent.

Bayer wiegelt ab
Der Leverkusener Multi will von alldem nichts wissen. Er streitet trotz seiner Empfehlung, bei Infektionen gleich den ganzen Bestand einer Antibiotika-Behandlung zu unterziehen, und trotz der Zahlen des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums die Beteiligung von Baytril am System der Massentierhaltung ab. „Das Antibiotikum Baytril wird ausschließlich injiziert und nicht dem Futter beigemischt. Deshalb ist es für die Massentierhaltung nicht geeignet“, erklärte ein Sprecher. Über Lösungen zum Eingeben mittels einer Dosierpumpe und Gaben über das Trinkwasser breitet er dezent den Mantel des Schweigens aus. Auch die abnehmende Wirksamkeit von Ciprobay und Avalox ignoriert der Pharma-Riese. Eine „günstige Resistenz-Lage“ bescheinigt das Unternehmen Moxifloxacin in einem Artikel, den es in der Zeitschrift „Der Kassenarzt“ unterbrachte. Und in einer Broschüre schreibt der Konzern: „Bislang liegen kaum Belege dafür vor, dass der Gebrauch von Fluorchinolonen in der Veterinärmedizin ungünstige Auswirkungen auf Fluorchinolon-Therapien in der Humanmedizin hat“.
Für diese Haltung organisiert sich der Multi auch Beistand. So initiierte er im vergangenen September ein Podiumsgespräch zum Thema „Gesunde Tiere – gesunde Lebensmittel“ mit „80 Meinungsbildnern aus Politik, Wissenschaft, Verbänden und Medien“. In dessen Verlauf nahm der Bundestierarzt-Präsident Dr. Hans-Joachim Götz die Massentierhalter vor dem Vorwurf in Schutz, Zuchtbetriebe für Resistenzen zu unterhalten. Er sprach stattdessen von einer unauffälligen Resistenz-Situation in der Veterinärmedizin, es bestehe „kein Grund für Hysterie“.
Solche Meinungen kommen nicht von ungefähr. Bayer lässt sich die Pflege der tiermedizinischen Landschaft viel kosten. Der Konzern spendiert schon Studierenden Sezierbesteck, finanziert Kongresse, „Bildungsreisen“ in ferne Länder, stiftet Lehrstühle und sponsert Universitäten. Die tierärztliche Hochschule Hannover, die dem Leverkusener Multi auch eine Forschungsprofessur für „Veterinärmedizinische Dermatopharmakologie“ verdankt, unterhält sogar einen Bayer-Hörsaal.
Darüber hinaus sind die Veterinär/innen ihre eigene Apotheke und verdienen direkt an den Medikamenten, für die sie Rezepte ausstellen. Jeder Anreiz, den Verbrauch zu drosseln, geht hierdurch verloren. Eine Abschaffung dieses so genannten Dispensier-Rechts lehnt jedoch die Bundestierärzte-Kammer ab. So wenig, wie sie ihre Bande zu Pharmaproduzenten lösen will, so wenig geht die Vereinigung der Veterinäre auf Distanz zur Massentierhaltung insgesamt.

und die Politik?
Trotz der immer bedrohlicheren Entwicklung passiert wenig. Die Behörden zogen lediglich einige Präparate aus dem Verkehr oder erließen Anwendungsbeschränkungen. 1998 stoppte die EU den Verkauf des Bayer-Präparats Olaquindox und von zwei weiteren Mitteln. Im Jahr 2005 untersagten die USA die Verwendung von Baytril in der Hühnermast wegen der zunehmenden Anzahl von resistenten Campylobacter-Bakterien. Der Leverkusener Multi hatte vorher alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den Bann zu verhindern. So engagierte er mehrere Lobbyisten und brachte 26 Kongress-Abgeordnete dazu, einen Brandbrief an den Leiter der US-Gesundheitsbehörde FDA zu schreiben, in dem die Antibiotika-Gaben „als absolut notwendig zum Schutz der Gesundheit der Tiere“ bezeichnet werden. Die FDA sah in dem Vorstoß jedoch einen Versuch, die Gesetze zu brechen und blieb bei ihrer Position. Ein Jahr später reagierte die EU erneut und verbot den Einsatz von Antibiotika als Wachstumsförderer, während die Bundesrepublik in ihren Regelungen zum fachgerechten Umgang mit den Mitteln gegen die prophylaktische Verabreichung vorging.
Gebracht hat das wenig. Trotz der Einschränkungen nahmen die Verkaufsmengen nicht ab – im Gegenteil. Zuletzt hat das eine Studie des nordrhein-westfälischen Landesamtes für Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz gezeigt. Für den grünen NRW-Umweltminister Johannes Remmel ließ das Ergebnis nur einen Schluss zu: „Entweder handelt es sich um Wachstumsdoping, was seit 2006 EU-weit verboten ist, oder aber das System der Tiermast ist so anfällig für Krankheiten, dass es ohne Antibiotika nicht mehr auskommt.“
Der wachsende politische Druck von Seiten der Grünen und der Öffentlichkeit hat Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner kürzlich dazu veranlasst, sich zu bewegen. Sie kündigte ein ganzes Maßnahme-Paket an. So will die CSU-Politikerin die Antibiotika-Ströme besser dokumentieren, Betrieben mit besonders hohem Verbrauch ein Minimierungskonzept verordnen und den Bau großer Mastanlagen erschweren. Auch das tierärztliche Dispensier-Recht steht auf dem Prüfstand.
Ob es fällt, ist jedoch zu bezweifeln. Die Veterinär-Mediziner haben einen mächtigen Fürsprecher in Berlin: ihr Kollege Hans-Michael Goldmann von der FDP leitet den Agrar-Ausschuss und hat schon seine Ablehnung bekundet. Aber nicht nur an der Durchsetzungskraft Aigners werden Zweifel laut, vielen geht das Vorhaben an sich nicht weit genug. Der agrarpolitische Sprecher der Grünen, Friedrich Ostendorff, bezeichnete die Auflagen für Massenställe als „wirkungslos“, weil sie erst ab 85.000 Hühnern und 3.000 Schweinen griffen. Und Johannes Remmel kritisierte die allzu lückenhaften Transparenz-Regeln für die Verordnungen von Baytril & Co. Zudem vermisst er einen konkreten Plan zur Reduktion dieser Arzneistoffe und ein Bekenntnis zum Ziel einer Tierhaltung ohne Antibiotika.

Forderungen
Auch kritische Tierärzte fordern weitergehende Schritte, u.a. eine lückenlose Dokumentation aller Antibiotika-Anwendungen im Tierstall, flächendeckende Kontrollen, feste Einkaufspreise ohne Rabatte für die Tierärzte sowie ein Verbot der routinemäßigen Behandlung ganzer Tierbestände. Ziel müsse eine antibiotika-freie Tierzucht sein.
Der ehemalige Vizepräsident der bayrischen Landestierärztekammer, Rubert Ebner, spricht von einer riesigen Abhängigkeit seiner Berufskollegen gegenüber der Pharma-Industrie und fordert eine Trennung von Verschreiben und Verkauf. Da unter den derzeitigen Haltungsbedingungen eine Reduzierung des Antibiotika-Einsatzes kaum möglich ist, fordert Ebner massive Veränderungen der Haltungsbedingungen, vor allem eine Reduzierung der Besatzdichte durch kleinere Einheiten mit mehr Platz sowie insgesamt geringere Tierzahlen.
Letztlich führt kein Weg daran vorbei, das System der quälerischen Massentierhaltung, die den exzessiven Einsatz von Bakteriziden erst notwendig macht, abzuschaffen und durch eine bäuerliche und ökologische Landwirtschaft zu ersetzen. Hierzu möchte sich die Mehrheit der Politiker momentan jedoch nicht durchringen. An den Verkaufszahlen für Baytril und Co. dürfte sich vorerst nicht viel ändern.
Von Jan Pehrke

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