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STICHWORT BAYER 03/2013

Turbulente Hauptversammlung

BAYER bekommt was aufs Dach

Am 26. April 2013 hat der Leverkusener Multi seine Hauptversammlung weiter eingebunkert. Doch die Konzern-KritikerInnen konnten die Festung kapern und mit Wort und Tat die Risiken und Nebenwirkungen der skrupellosen Profitjagd auf die Tagesordnung setzen.

Von Axel Köhler-Schnura

„Hauptverrammlung“ wäre ein passenderes Wort als „Hauptversammlung“ für das, was BAYER am 26. April in den Kölner Messehallen veranstaltete. Mit Dutzenden von Sperrgittern riegelte der Konzern den Eingang des Gebäudes weiträumig ab und drängte die KritikerInnen bis auf ein Rasenstück unmittelbar an der Straßen-Zufahrt zurück – das mit 775 Sicherheitsleuten abgesicherte Hausrecht machte es möglich. Und dort, wo sonst ein Meer von BAYER-Fahnen wehte, herrschte nur noch gähnende Leere. Dort, wo einst ein 20 Meter breites Banner den Weg zur Hauptversammlung wies, blieb nur noch die blanke Glasfassade. Kein einziges Schild mehr deutete darauf hin, dass sich hier Tausende AktionärInnen eines Weltkonzerns versammelten. Das Firmen-Logo sollte offensichtlich nicht zusammen mit protestierenden Bienenzüchtern, Pipeline-Gegnern, verschiedenen Gruppen von Arznei-Geschädigten und Mitgliedern der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) gesehen werden.

Doch die Strategie, die Unmutsbekundungen unter die Wahrnehmungsschwelle zu drücken, schlug fehl, denn AktivistInnen von GREENPEACE, die im Aktionsbündnis der CBG zur HV mitmachten, stiegen BAYER kurzerhand aufs Dach. Im wahrsten Sinn des Wortes. Schon frühmorgens entrollten sie vom Dach des HV-Gebäudes ein ca. 13 x 6 Meter großes Transparent. Auf knallgelbem Grund war dort zu lesen: „BAYER-Pestizide töten Bienen.“ Damit hatte die Umweltschutz-Organisation schon das AktionärInnen-Treffen von SYNGENTA geschmückt. Deshalb war der Gen-Gigant vorbereitet und bediente sich mit dem Banner „Wir machen deutlich mehr für Bienen, als ihr glaubt“ seinerseits bei der Protest-Kultur. Das allerdings konnte kaum dabei helfen, den Image-Schaden abzuwenden: GREENPEACE hatte das Bild zur HV produziert.

Und den Text zur HV produzierten die 14 Kritischen AktionärInnen im Saal, darunter sogar solche aus Österreich, Großbritannien und Frankreich. Selbst von den VertreterInnen der großen AktionärInnen-Gemeinschaften kamen hartnäckige Fragen zu den von der CBG und deren Gästen angesprochenen Themen. Die Jubelstimmung zum 150. Geburtstag – der CBG-Kommentar dazu: „150 Jahre BAYER – Umweltzerstörung, Ausbeutung, Kriegstreiberei“ – verflog trotz des Rekord-Umsatzes von über zehn Milliarden Euro rasch. Zu viel war an diesem Tag die Rede von schweren Gesundheitsschäden, von tödlichen Opfern der BAYER-Produkte, von weltweitem Bienensterben, von den Verbrechen zur Zeit des Hitler-Faschismus, von klimaschädigenden Emissionen, von Lohndumping, Arbeitshetze und Kinderarbeit.

Der Vorstandsvorsitzende Marijn Dekkers begegnete den erdrückenden Argumenten und Fakten der Gegen-RednerInnen stereotyp, ausweichend und verharmlosend. Selbst gegenüber den anwesenden Opfern, etwa den Geschädigten der Verhütungsmittel YASMIN und MIRENA, zeigte sich Dekkers kalt. So verwies er trotz der mehr als 20.000 Frauen, die allein durch YASMIN gesundheitlich geschädigt wurden oder sogar starben, zynisch auf die „positive Kosten-Nutzen-Bilanz“ des Kontrazeptivums. Kein Wort der Entschuldigung kam über die Lippen des Vorstandsvorsitzenden. Er verweigerte sogar Kompensationszahlungen. Und wo der Konzern wegen einer verbraucherschutz-freundlicheren Gesetzgebung doch in die Kasse greifen musste wie in den USA, da wollte Dekkers das nicht als „Entschädigung“ verstanden wissen: Der Konzern habe sich dort ohne Anerkennung jeglicher Schuld verglichen.

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN vertrat zusammen mit
dem DACHVERBAND DER KRITISCHEN AKTIONÄRINNEN UND AKTIONÄRE rund 30.000 Aktien im Börsenwert von etwa 2,4 Millionen Euro und beantragte die Kürzung der Dividende auf 10 Cent je Aktie. Die frei werdenden Gelder sollen verwendet werden:
- für Erhalt und Schaffung sicherer Arbeitsplätze und für die Zahlung sozial gerechter Löhne;
- für einen Fonds zum angemessenen Ausgleich von Schäden, die infolge der Geschäftstätigkeit an Mensch, Tier und Umwelt eingetreten sind;
- für den umfassenden ökologischen und sozialen Umbau des Konzerns ohne doppelte Standards
- und schließlich für die Zahlung von Wiedergutmachungen für die Verbrechen von BAYER und des von BAYER mitbetriebenen IG FARBEN-Zusammenschlusses an die Opfer bzw. deren Angehörige und Nachkommen.

Bei den Tagesordnungspunkten „Entlastung des Vorstands“ und „Entlastung des Aufsichtsrates“ stimmten bis zu 5,9 Millionen Aktien mit den KritikerInnen der CBG. Das waren immerhin 2,2 Prozent. Und selbst bei der Abstimmung über die Ausschüttung der Dividende in Höhe von 1,95 Euro folgten mehr als 450.000 Aktien dem Vorschlag der CBG und stimmten mit NEIN. Damit es keine Missverständnisse gibt: Auf der HV stimmten ca. 260 Millionen Aktien ab. Die GroßaktionärInnen, die so genannten Investoren, haben mit ihren Multimillionen Aktien wie stets für satte Mehrheiten für den Vorstand von weit über 90 Prozent gesorgt. Angesichts dieser Kräfteverhältnisse sind die Ergebnisse für die Konzern-KritikerInnen aber mehr als beachtlich. Davon abgesehen, bemessen sich ihre Erfolge nicht in Zahlen – Zahlen sind die Sache von BAYER. Maßstab für das Gelingen der Aktionen rund um die Hauptversammlungen ist es vielmehr, Themen Gehör zu verschaffen, die nicht in der Bilanz des Konzerns auftauchen. Und das hat die bunte Schar Ende April 2013 wieder einmal geschafft. „BAYER-Hauptversammlung und Proteste, das gehört zusammen wie Pech und Schwefel“, resümierte etwa der Kölner Stadtanzeiger.

Schamlose Profite
Eine BAYER-Aktie hat einen Wert von 2,55 Euro. Mit diesem Wert steht sie in der BAYER-Bilanz. Auf diesen Wert wird eine Dividende von 1,95 Euro ausgeschüttet. Das entspricht einer Rendite von sage und schreibe 76,5 Prozent. Um in der Öffentlichkeit diese Schamlosigkeit zu verschleiern, wird die Dividende auf den jeweils aktuellen Kurswert der BAYER-Aktie arm gerechnet. Der aktuelle Kurswert beträgt etwa 80 Euro. Damit entspricht die Dividende lediglich 2,4 Prozent.