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Neues Deutschland

Neues Deutschland, 17. Juli 2013

Interview

Bayer gar noch gratulieren?

150 Jahre Bayer: Gestern wurde kräftig gefeiert. Und heute manche Aspirin-Tablette aus Leverkusen geschluckt. Haben Sie mitgepichelt oder blieben Sie auch an diesem Freudentag Konzernkritiker?
Die Feier hat dazu beigetragen, dass mir die geballte Faust aus der Tasche gerutscht ist. Selbst die Bundeskanzlerin reiste an, um dem Konzern ihre Aufwartung zu machen.

Frau Merkel würdigte Bayer als »wichtiges Standbein der deutschen Industrie« und sprach von einer »sehr beeindruckenden Geschichte«.
Die Politik ist zum Handlanger der Konzerne geworden und tut, was die Manager wünschen. Auch Bayer hat beispielsweise eine Steuerquote, die mit dem normalen Steuern, die ein Arbeiter zahlt, überhaupt nichts mehr zu tun hat.

Auch die Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen (SPD) und 1100 weitere Gäste waren beim Festakt in der KölnMesse dabei. Wurden auch Sie eingeladen?
Wir werden grundsätzlich von Bayer nicht eingeladen. Schon in den Siebziger Jahren, als wir die Coordination gegen Bayer Gefahren gründeten, traf Bayer diese grundsätzliche Entscheidung, weil der Konzern in öffentlichen Auseinandersetzungen mit uns immer den Kürzeren zog.

1863 entstand Bayer als kleine Farbenfabrik, nun ist es ein weltweit agierender Konzern mit knapp 40 Milliarden Euro Umsatz. Was sind die Konstanten in der Firmengeschichte?
Der Widerstand. Schon bei Gründung des Unternehmens in Wuppertal gingen Bürger auf die Barrikaden, weil Bayer die Umwelt verseuchte. Dieser Widerstand zieht sich durch die Konzern-Geschichte wie ein roter Faden. Zur Zeit wehren sich über 100.000 Bürger gegen eine hochgefährliche Kohlenmonoxid-Pipeline. Einzigartig sind die 24.000 rechtlichen Einwendungen gegen die Todes-Pipeline, die quer durch NRW führen soll. Ende November wird darüber verhandelt – sie mussten die Essener Gruga-Halle anmieten! Auch in Brasilien, Japan, den USA und vielen anderen Ländern formiert sich Widerstand. Selbst in China musste Bayer neulich erhebliche Strafen zahlen, auch wenn die nicht ganz an die Milliardensummen heranreichen, die Bayer weltweit im Zuge der »Bluter-Katastrophe« verlor. Bayer hatte in Achtziger Jahren wissentlich und willentlich mit dem HI-Virus verseuchte Blutkonserven nach Asien exportiert.

Falls Sie dennoch gratulieren möchten: Was wünschen Sie Bayer für die nächsten 150 Jahre?
Eine kämpferischere Belegschaft, eine kämpferischere Bevölkerung und eine demokratischen Kontrolle. Das ist dringend erforderlich, denn Konzerne wie Bayer ruinieren nicht nur die Arbeitskraft des Menschen und sein Wohlergehen, sondern auch die Umwelt, letztlich den Planeten.

Auch die Coordination gegen Bayer-Gefahren begeht in diesem Jahr einen halbrunden Geburtstag: Seit 35 Jahren existiert die erste kritische Aktionärs-Gruppe Deutschlands. Vielleicht aber nicht mehr lange.
Bedingt durch die soziale Krise, sank das Aufkommen an Spenden und Mitgliedsbeiträgen. Wir versuchen seit zwei Jahren, wieder den Stand von 1990 zu erreichen. 70 Prozent des Weges sind wir gegangen. Die letzten 30 Prozent sind hart – wir brauchen schlicht mehr Spenden und Mitglieder. Wir sind aber hoffnungsfroh, Bayer auch weiterhin auf die Füße treten zu können.

Axel Köhler-Schnura ist Vorstand der Coordination gegen BAYER-Gefahren