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DIE ZEIT

//Die ZEIT beleuchtet in ihrem lesenswerten Dossier den wachsenden Einfluss von Konzern-Interessen auf Wissenschaft und Universitäten. Ausführlich wird darin die Kampagne der Coordination gegen BAYER-Gefahren zur Geheimkooperation der Uniklinik Köln mit der Bayer HealthCare AG dokumentiert.//

DIE ZEIT vom 1. August 2013, Dossier S. 13 - 15

Die gekaufte Wissenschaft

Unternehmen bestellen Studien, engagieren Professoren und finanzieren ganze Institute, die in ihrem Sinne forschen. An den Universitäten ist die Wirtschaft zu einer verborgenen Macht herangewachsen

VON KERSTIN KOHLENBERG UND YASSIN MUSHARBASH

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Fragwürdige Studien und Forscher, die sich an den Bedürfnissen des Marktes ausrichten, haben die Macht, den ganzen Wissenschaftsbetrieb in Misskredit zu bringen. Auf diese Gefahr versucht Philipp Mimkes die Universität Köln hinzuweisen, seit Jahren schon. Im März 2008 gab die Uni Köln eine Kooperation mit dem Chemiekonzern Bayer bekannt. Für gemeinsame klinische Studien in der Herz- und der Krebsforschung überweist der Konzern seitdem jährlich eine sechsstellige Summe an die Universität, der damalige nordrhein-westfälische Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) sprach von einer Partnerschaft, die »beide Seiten stärkt«.

Philipp Mimkes, 46, ist Physiker und arbeitet hauptberuflich für den Verein »Coordination gegen Bayer-Gefahren«. Er wollte von der Uni Köln wissen, welche Regelung es für die Veröffentlichung von Testergebnissen gibt. Hat Bayer die Macht, negative Ergebnisse zu unterdrücken? Damit würde der Konzern zwar keine Studie fälschen, wohl aber durch Weglassen das öffentliche Wissen über die Wirkungen eines Medikaments verfälschen.

Mimkes stellte die Machtfrage: Wer bestimmt über die Ergebnisse der Forschung? Die Forschung oder die Wirtschaft? Die Universität schwieg. Mimkes veröffentlichte ein Protestschreiben, der Deutsche Hochschulverband forderte die Kölner Universität auf, Einblick in den Vertrag zu geben, auch der nordrheinwestfälische Landesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit empfahl, die Vereinbarung offenzulegen. Die Universität schwieg weiter. Es war, als habe sie die Machtfrage für sich längst beantwortet.

Mimkes zog vor Gericht. »Eine aus Steuergeldern finanzierte Institution muss öffentlicher Kontrolle unterliegen«, sagt er, »zumal in einem so sensiblen Bereich wie der Pharmaforschung.« Im Dezember 2012 schlug sich das Verwaltungsgericht Köln jedoch auf die Seite der Universität. Die Wissenschaft sei frei, auch in der Frage, mit wem sie kooperiere, daher unterliege sie in diesem Fall nicht der Pflicht zur Offenlegung des Vertrags.

Mimkes hat Berufung gegen das Urteil eingelegt. Die Entscheidung steht noch aus. Folgt man der Argumentation des Kölner Gerichts, genießt die Wissenschaft also die Freiheit, sich selbst ihrer Unabhängigkeit zu berauben. Die Frage ist nur: Wer schützt dann noch die Gesellschaft vor den Ergebnissen dieser neuen Art von Wissenschaft?

Vor wenigen Wochen verlangte die Piratenpartei von der nordrhein-westfälischen Landesregierung Auskunft darüber, wie diese die Wissenschaftsfreiheit bei Kooperationen mit der Wirtschaft sicherstellt. Die Landesregierung verwies lapidar auf das Hochschulgesetz, das die Selbstverwaltung der Hochschulen garantiert. Außerdem wollten die Piraten wissen, welche Kooperationen zwischen Hochschulen und Unternehmen seit 2006 geschlossen wurden, deren Vertragsinhalte nicht öffentlich zugänglich sind. Darauf antwortete die Regierung: »Es besteht keine Pflicht der Hochschulen, das Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen über Kooperationsbedingungen zu informieren.«

Kooperation, das ist eines dieser Wörter aus Sonntagsreden. Es klingt nach Gemeinsamkeit und Anstrengung, nach Partnerschaft. Es verdeckt die Tatsache, dass der eine Partner mächtiger ist als der andere. Nämlich derjenige, der das Geld hat.
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