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Bienensterben

Süddeutsche Zeitung, 26.11.2003

Verstummtes Summen

Französische Forscher: Insektizid ist Grund für Bienensterben

Von Sven Preger

Sie wollen den Grund für das große Sterben finden: Imker, Behörden und vielleicht sogar die Pharmaindustrie. Denn den vergangenen Winter hat etwa ein Drittel der eine Million Bienenvölker in Deutschland nicht überlebt - doppelt so viele wie in den Jahren zuvor. War es die Varroamilbe, die Bienen befällt, oder doch das Pflanzenschutzmittel Gaucho, mit dem Bauern vermehrt ihr Saatgut behandeln? Eine Studie des staatlichen Wissenschaftlich-technischen Komitees in Frankreich hat den Streit nun neu entfacht: Die Behandlung der Saat mit dem Insektizid schwäche die Bienen und trage so zum großen Sterben bei.

Die Wissenschaftler hatten zwei Jahre lang im Auftrag des französischen Landwirtschaftsministeriums alle Studien neu ausgewertet, die es zum Gaucho-Wirkstoff Imidacloprid gibt: 483 Analysen, Veröffentlichungen und Dokumente. "Fast alle haben wir aber als nicht relevant eingestuft", sagt Jean-Marc Bonmatin vom Nationalen Zentrum für wissenschaftliche Forschung (CNRS) in Paris. "Viele Studien sind vom Gaucho-Hersteller Bayer durchgeführt oder in Auftrag gegeben worden und deshalb nicht objektiv." Verwertbare Daten liefern dem promovierten Chemiker zufolge nur rund zehn Untersuchungen, die Hälfte davon hat er selbst durchgeführt.

Der angegriffene Konzern weist jeden Vorwurf von sich. In einer Pressemitteilung kritisiert Bayer CropScience die Auswertung der französischen Forscher. "Befunde aus zahlreichen praxisnahen Versuchen blieben völlig unberücksichtigt", schreibt die Firma. Stattdessen hätten die Forscher nur Laborexperimente ausgewertet. Es sei daher nicht zulässig, die Gefahr durch Imidacloprid abschließend zu bewerten. Anfang des Jahres hat Bayer selbst noch einmal eine große Studie mit seinen Insektiziden in vier französischen Regionen begonnen. Weltweit setzt das Unternehmen jährlich rund 600 Millionen Euro mit dem Stoff um, der unter anderem in den Pflanzenschutzmitteln Gaucho und Chinook wirkt.

Auch der Präsident des Deutschen Berufsimkerbundes, Ulrich Hofmann, ist skeptisch: "Wir schließen eine Gefährdung durch Imidacloprid nicht aus, können aber nach wie vor keine beweisen." Schon im Dezember 1993 wurde das Pflanzenschutzmittel Gaucho von der Biologischen Bundesanstalt in Deutschland zugelassen. Mittlerweile gibt es insgesamt 21 verschiedene Insektizide mit dem Wirkstoff Imidacloprid in Deutschland, die vor allem bei Raps und Mais eingesetzt werden. Das Nervengift soll die auskeimende Saat während der ersten Wachstumsphasen vor Fressfeinden schützen. Deshalb erhalten die Saatkörner vor dem Ausbringen einen Überzug mit dem Pestizid. Das Gift bleibt allerdings in der Pflanze erhalten, es findet sich sogar noch in der Blüte.

Orientierungslos im Maisfeld
Ob das die Bienen stört, ist umstritten. "Das Gift ist nicht allein Schuld an der Entwicklung, aber zu einem großen Teil", folgert der Münchner Imker Fridolin Brandt aus seinen Beobachtungen. Mit Beginn der Maisblüte im August 2002 hätten sich seine Bienen immer weniger orientieren können, sagt Brandt. "Sie fanden nicht mehr nach Hause und starben." Und viele Tiere, die den Stock erreichten, waren so geschwächt, dass sie im folgenden Winter eingingen. Dagegen glauben viele Fachleute nicht daran, dass das Pflanzenschutzmittel die Bienen beeinträchtigt. "In keinem einzigen Testversuch mit Imidacloprid ist auch nur die Andeutung von Schäden für die Bienen erkennbar gewesen", erläutert der Leiter der Untersuchungsstelle für Bienenvergiftungen am Biologischen Bundesamt, Dietrich Brasse. Er glaubt vielmehr, dass die Varroamilbe den Insekten zusetzt.

Womöglich wirken beide Faktoren zusammen: Nach Ansicht von Naturschützern könnte Gaucho die Anfälligkeit der Bienen für die Varroamilbe erhöhen, indem es das Abwehrsystem der Bienen schwächt. Denn der Parasit setzt sich auf dem Körper der Biene fest und saugt sie nach und nach aus.

Die Argumente können alle Parteien in Kürze austauschen. Für Anfang 2004 plant das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittel-
sicherheit eine Konferenz zum Bienensterben. Denn die Behörde, die seit vergangenem Jahr für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln zuständig ist, will die möglichen Gefahren nicht ignorieren. Wenn sich die Experten zusammensetzen, ist der Einsatz von Imidacloprid bei Sonnenblumen in Frankreich schon seit fast fünf Jahren verboten.

Neues Deutschland, 24.11.03

Gaucho - ein Risiko

Studie: Mitschuld des Bayer-Pestizids für Bienensterben

Nun ist es wohl amtlich. Das im vergangenen Jahr mit der Prüfung der Wirkung des Pestizids Gaucho betraute Comité Scientifique et Technique (CST) des französischen Landwirtschaftsministerium kommt in seinem jetzt vorgelegten Untersuchungsbericht zu dem Schluss, dass das Gift für den Tod hunderttausender Bienenvölker in Frankreich mitverantwortlich ist. Umwelt- und Imkerverbände fordern deshalb ein Verbot des Agrogifts.

In der Zusammenfassung des Papiers heißt es: "In Bezug auf Bienensterblichkeit und Orientierungsstörungen von Bienen stimmen die Ergebnisse der Studie mit den Beobachtungen zahlreicher Imker in Regionen intensiver Landwirtschaft (Mais- und Sonnenblumenanbau) überein. Die Saatgutbehandlung mit Gaucho stellt ein signifikantes Risiko für Bienen in verschiedenen Altersstufen dar." Nach Angaben der Umweltgruppe "Coordination gegen Bayer-Gefahren" wurde die 108-seitige Studie im Auftrag des Ministeriums von den Universitäten Caen und Metz sowie vom Institut Pasteur erstellt.

Bei Sonnenblumen wurde der Einsatz von Gaucho in Frankreich schon vor vier Jahren wegen des hohen Risikos für Bienen verboten. Das Bienensterben ging daraufhin jedoch kaum zurück - Imker machen hierfür den großflächigen Einsatz des Agrogifts im Maisanbau verantwortlich. Der Abschlussbericht des CST stützt diese These: "Was die Behandlung von Mais-Saat mit Gaucho betrifft, so sind die Ergebnisse ebenso Besorgnis erregend wie bei Sonnenblumen. Die Aufnahme von belasteten Pollen kann zu einer erhöhten Sterblichkeit von Pflegebienen führen, wodurch das anhaltende Bienensterben auch nach dem Verbot der Anwendung auf Sonnenblumen erklärt werden kann."

Das Pestizid Gaucho (Wirkstoff Imidacloprid) wird vom deutschen Bayer-Konzern hergestellt. Mit einem Umsatz von über 500 Millionen Euro jährlich ist der Wirkstoff die Nummer 1 im Agro-Sortiment des Konzerns. In Deutschland wird es unter den Markennamen Gaucho und Chinook vor allem in der Raps-, Zuckerrüben- und Maisproduktion eingesetzt. Mit über einer Million Hektar Anbaufläche ist die Behandlung von Raps für die Bienen besonders problematisch. Kritiker vermuten, dass die hohen Verkaufszahlen der Grund sind, weswegen sich das Unternehmen trotz der gravierenden Bienenschädlichkeit mit Händen und Füßen gegen das drohende Anwendungsverbot wehrt.

Die von den Bieneninstituten in Deutschland vorgebrachte These, der Befall mit Varroa-Milben sei für das Bienensterben verantwortlich, bezeichnet Fridolin Brandt von der Coordination gegen BAYER- Gefahren als vorgeschoben: "Wir haben seit 1977 mit Varroa-Milben zu tun, jahrzehntelang waren diese keine Gefahr. Erst der großflächige Einsatz von Pestiziden und die damit einhergehende Schwächung der Bienen führt zu den beobachteten Bienensterben." Brandt ist seit 30 Jahren hauptberuflicher Imker.

Sowohl der französischen Imkerverbands Union National d´Apiculteurs (UNAF) als auch der Deutsche Berufsimkerbund (DIBB) forderte nach der Vorlage des Berichts des CST ein vollständiges Gaucho-Verbot. (ND)

Der Untersuchungsbericht des Comité Scientifique et Technique liegt vor bei Imkerei Fridolin Brandt Tel.: (089) 8401530, E-Mail : fridolin@imkereibrandt.de , Coordination gegen BAYER-Gefahren, Tel: (0211) 333911, Mail: CBGnetwork@aol.com