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Pestizidversuche

Spiegel Online, 23. Februar 2004

UMSTRITTENE TESTS

US-Mediziner befürworten Menschenversuche mit Giften

Eine amerikanische Gutachterkommission erlaubt unter gewissen Bedingungen, die Wirkung von Giften direkt an Menschen zu testen. Mit den Versuchen wollen Chemiekonzerne wie Bayer beweisen, dass Pestizide weniger gefährlich sind als bisher angenommen.

Zweifel an der Brisanz des Themas gab es keine: "Menschenversuche mit Pestiziden, Schadstoffen aus der Luft und anderen Giften sind sehr umstritten", betonte James F. Childress, Ethik-Professor an der University of Virginia, bei der Vorstellung des Gutachtens. Dennoch sprach sich die von ihm geleitete Kommission der Wissenschaftlervereinigung National Acadamy für Giftversuche an Menschen aus, sofern gewisse Auflagen erfüllt sind.

Childress erklärte, die amerikanische Umweltbehörde EPA müsse entsprechende Versuche genauestens unter ethischen und wissenschaftliche Gesichtspunkten prüfen. Die EPA solle ein Gremium bilden, dass sämtliche Studien evaluiere, bei denen Menschen gezielt giftige Substanzen verabreicht würden.

Die Umweltbehörde hatte die National Acadamy damit beauftragt, ein Gutachten über Giftversuche an Menschen zu erstellen. Auslöser war ein Streit über zulässige Pestizid-Konzentrationen in Lebensmitteln. 1996 hatte der US-Kongress den "Food Quality and Protection Act" verabschiedet, der die Sicherheitsvorschriften für Pestizide verschärfte. Hersteller von Pflanzenschutzmitteln wie Bayer oder BASF beklagten daraufhin, die neuen Grenzwerte seien nicht wissenschaftlich fundiert.

Um ihr Anliegen zu untermauern, starteten einige Firmen klinische Tests mit Pestiziden und übermittelten die Ergebnisse der EPA. Insgesamt 19 nicht bestellte Studien sammeln sich mittlerweile auf den Schreibtischen der US-Umweltbehörde. Die bekannteste betrifft das Pestizid Azinphos Methyl und wurde im Auftrag der Bayer AG im Jahr 1998 in Schottland durchführt. Damals schluckten acht Männer Pestizid-Tabletten - als Entschädigung gab es rund 1000 Euro pro Teilnehmer (...).

In der Clinton-Ära verpflichtete sich die EPA, keinerlei Gift-Studien an Menschen in ihre Entscheidungen zu Grenzwerten einfließen zu lassen. Doch das könnte sich nun bald ändern.

Besonders erbost sind die Umweltaktivisten der NRDC über den Bayer-Konzern: "Bayer-Wissenschaftler waren dabei, als Menschenversuche in den Konzentrationslagern durchgeführt wurden", heißt es in einer Erklärung. Ironischerweise werde die EPA ihre Prinzipien auf Druck des deutschen Herstellers ändern, dessen Pestizid Azinphos Methyl aus Nervengasen stamme, die während der Naziherrschaft von der IG Farben entwickelt wurden. Der nach dem zweiten Weltkrieg zerschlagene IG-Farben-Konzern war in den zwanziger Jahren von der Bayer AG mitgegründet worden.

Philipp Mimkes von der Coordination gegen Bayer-Gefahren hält Pestizid-Tests für zynisch: "Es sind stets materiell benachteiligte Menschen, die ihre Gesundheit bei solchen Tests aufs Spiel setzen." Die Umweltorganisation Friends of the Earth befürchtet eine Zunahme solcher Tests und fordert, die Gesundheit der bisher an Tests beteiligten Personen lebenslang zu überwachen. Richard Dixon, Forschungsleiter von Friends of the Earth: "Es ist nicht akzeptabel, dass ein Chemie- Gigant wie Bayer hochgefährliche Pestizide an Menschen ausprobiert. Schlimmer noch aber ist der Versuch des Konzerns, die internationale Ächtung solcher Tests auszuhebeln."

Richard Wiles von der amerikanischen Umweltinitiative "Environmental Working Group" forderte die US-Umweltbehörde auf, am Moratorium zu Tests an Menschen festzuhalten. "Wenn die EPA solche Studien akzeptiert, dann rechnen wir damit, dass Firmen alle nicht eindeutig formulierten Vorschriften zu ihren Gunsten auslegen, um ihre unethischen Tests weiterzuführen." Diese Versuche trügen dazu bei, dass gefährliche Chemikalien in Lebensmitteln und Trinkwasser erhalten blieben.

"Übliches Verfahren"
Pestizide können nach Angaben der Umweltbehörde EPA unter anderem Nervenzellen schädigen, Krebs auslösen und Fehlbildungen bei Säuglingen verursachen. Die Schädigung hängt von der Konzentration und der Dauer der Belastung ab.

Die gesetzlichen Grenzwerte für Pestizid-Konzentrationen in Lebensmitteln werden in der Regel in Tierversuchen bestimmt. Zur Berücksichtigung der Unterschiede zwischen Mensch und Tier arbeitet die EPA dann mit Sicherheitsfaktoren. Üblicherweise dürfen Menschen nur einem Zehntel des Wertes ausgesetzt werden, der sich im Tierversuch als schädigend erwiesen hat. Für Kinder gelten nach Beschluss der Umweltbehörde EPA noch deutlich geringere Sicherheitsfaktoren. Die Grenzwerte der EPA betreffen nicht die USA allein, sie werden von vielen andere Länder übernommen.

Bei Bayer hält man Versuche am Menschen im Einzelfall für unumgänglich. Norbert Lemken, Sprecher der Bayer CropScience AG, sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, die Tests seien notwendig, um Verbraucher, Landwirte und die Umwelt zu schützen. "Manchmal reichen andere Studien und Tierversuche nicht aus."

In einzelnen US-Bundesstaaten seien Menschenversuche außerdem erforderlich, um die Zulassung für ein Pflanzenschutzmittel zu bekommen. "In den USA war es lange ein übliches Verfahren, Studien an Frewilligen durchzuführen", betonte Lemken. Den Druck der Chemiekonzerne auf die Umweltbehörde EPA erklärt Lemken so: "Die Hersteller wollten endlich eine klare Regelung für die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln."

Von Holger Dambeck