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WDR 5

WDR 5, Leonardo, 23. Februar 2004

Der gläserne Schornstein - Umweltschutz per Mausklick

In Europa macht es die Europäische Kommission den Bürgern einfach, sich zu informieren, wieviel Schadstoffe ein Betrieb aus seinen Schornsteinen bläst oder in die Gewässer leitet. Die neue Informationsquelle - das Europäische Schadstoffemissionsregister - hat die Umweltkommissarin Margot Wallström in Kopenhagen bei der Europäischen Umweltagentur vorgestellt. Hier lässt sich zum Beispiel herausfinden, mit wieviel von 50 Schadstoffen - von A wie Ammoniak bis Z wie Zinkverbindungen - eine Chemiefabrik in Spanien, England oder Deutschland Luft und Wasser verschmutzt. ... Die Webseite dieses European Pollutant Emission Register lautet: http://www.eper.cec.eu.int

Sprecher:
Die Umwelt ist in den letzten Jahren sauberer geworden. Doch noch immer gelangen über Schornsteine und Abwasserrohre Tausende von Tonnen zum Teil giftiger Chemikalien in die Umwelt. Und mit wieviel Schadstoffen nun ein Industriebetrieb Luft und Wasser verschmutzt, das zeigt das Europäische Schadstoffemissionsregister im Internet. Philipp Mimkes vom Umweltverband 'Coordination gegen Bayer-Gefahren' testet die neue Datenbank:

O-Ton Mimkes:
Auf dem Bildschirm haben wir uns gerade auf die Anlage von Bayer geklickt. Die Emissionen in Luft und Wasser sind aufgespalten in jeweils 20, 25 Stoffe beziehungsweise Stoffgruppen. Das ist natürlich eine interessante Information. Die Gesamtmenge der Salze oder Chlororganika im Abwasser ist im Prinzip schon vorher veröffentlicht worden, aber nicht so zusammengefasst und leicht einsehbar.

Sprecher:
Diese neue Datenbank soll es Bürgern und Umweltverbänden einfacher machen, die Dreckschleudern unter den Industriebetrieben zu benennen und an den Pranger zu stellen. Dass Umweltschutz durch engagierte und gut informierte Bürger funktionieren kann, zeigen Erfahrungen in den USA, in England und Wales: So gibt die englisch-walisische Umweltbehörde jährlich bekannt, mit wieviel von 150 Giften die 1.500 größten Betriebe Mensch und Natur belasten. Der Umweltverband Friends of the Earth hat diesen Zahlenwust von freigesetzten Kilogrammen und Tonnen bereits 1997 verständlich aufbereitet. Projektleiter Mike Childs:

O-Ton Childs:
Wir glauben, Anwohner von Fabriken haben das Recht zu wissen, mit welchen Giften ihre Gesundheit belastet wird. Und um es ihnen einfach zu machen, die Emissionsdaten einem Betrieb zuzuordnen, haben wir die offiziellen Daten im Internet mit einem geographischen Informationssystem verknüpft. Jetzt kann der 'informierte Bürger' auf 'seinen' Industriebetrieb vor Ort Druck ausüben, damit er weniger durch Gifte belastet wird.

Sprecher:
Und dieser Umweltschutz durch den informierten Bürger zeigt Erfolge - denn welcher Industriebetrieb steht schon gerne als Umweltverschmutzer öffentlich da. Mike Childs:

Tausende Menschen klicken jeden Monat unsere Homepage an. Und wir wissen von Firmenvertretern, dass Anwohner immer häufiger fragen: 'Was tut Ihr gegen die Verschmutzung?'

Dieses Erfolgsrezept soll sich, so hofft die Europäische Kommission, in ganz Europa wiederholen.
Das europäische Schadstoffemissionsregister hat aber Schwächen: So soll die Datenbank nur alle drei Jahre aktualisiert werden. Und sie erfasst nur wenige Stoffe. Doch die aktuelle Datenbank ist für die Kommission noch nicht der Weisheit letzter Schluss, erklärt Bernd Mehlhorn von der Europäischen Kommission:

O-Ton Mehlhorn:
Es sind insgesamt 50 Stoffe oder Stoffgruppen, die wir damit erfassen. Und wir werden dieses Europäische Schadstoffemissionsregister peu à peu weiter ausbauen, um eine möglichst umfassende Erfassung aller Emissionen zu bekommen.

Sprecher:
Das freut Umweltschützer. Sie fordern aber zusätzlich, dass die Datenbank mehr ins Detail gehen muss. Der Grund. Die Zahlenangaben beziehen sich meist auf die Emissionen von einem ganzen Betrieb. Und das mache es schwer, meint Philipp Mimkes von der 'Coordination gegen Bayer-Gefahren', die Produktionsprozesse verschiedener Firmen miteinander zu vergleichen:

O-Ton Mimkes:
Man kann natürlich schlecht ein Werk wie Bayer Leverkusen mit 20.000 Mitarbeitern und hunderten von Produktionsanlagen vergleichen mit einem Werk von ICI in England, in dem etwas ganz anderes produziert wird. Höchstens kann man grobe Frachten wie Chlororganika oder Schwermetalle gegenüber stellen. Aber im Prinzip sind dafür die Werte noch nicht detailliert genug aufgeschlüsselt.

Sprecher:
Was fehlt, sind etwa genaue Angaben darüber, welche Produktionsanlage welche Schadstoffe freisetzt und welches Kraftwerk wieviel des Treibhausgases Kohlendioxid in die Luft pustet.
Trotz dieser Kritik glauben Umweltschützer wie Mimkes, dass das neue Schadstoffemissionsregister insbesondere für Deutschland eine längst fällige Abkehr von der bisherigen Politik ist. Denn die deutsche Umweltpolitik hat immer auf den bevormundenden Staat gesetzt, viel weniger auf den mündigen Bürger.