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Indien

junge Welt, 04.10.2004

»BAYER vergiftet Nahrung«

Greenpeace kritisiert Feldversuche mit genmanipuliertem Gemüse in Indien. Aktivisten ketten sich an Firmenzentrale in Bombay fest. Kinderarbeit bei Zulieferern des Unternehmens angeprangert

Indische Umweltschützer kritisieren Feldversuche des deutschen BAYER-Konzerns mit genmanipulierten Gemüsesorten. Aktivisten von Greenpeace ketteten sich in der Nacht zum vergangenen Freitag an die Gitter der indischen BAYER-Zentrale in Bombay und entrollten Transparente mit der Aufschrift »BAYER vergiftet unsere Nahrung«. Die indische Regierung hatte kürzlich eingeräumt, daß die BAYER-Tochter ProAgro die umstrittene »Starlink«-Technologie an verschiedenen Kohl- und Blumenkohlsorten getestet hatte.

Starlink stand vor vier Jahren im Mittelpunkt des bislang größten Skandals der sogenannten grünen Gentechnik: Die Firma Aventis mußte in den USA Schäden in dreistelliger Millionenhöhe begleichen, nachdem genmanipulierter Mais in Nahrungsmitteln gefunden worden war. Das in Starlink auftretende Eiweißmolekül Cry9C ist im Gegensatz zu anderen Eiweißsorten hitzebeständig und durch Magensäure kaum zersetzbar - dies gilt als wichtiger Hinweis auf allergene Risiken. Starlink wurde daher von den amerikanischen Behörden nur als Tierfutter zugelassen. Trotzdem fand sich genmanipulierter Mais in Chips und in anderen Lebensmitteln. Aventis war gezwungen, große Teile der Maisernte aufzukaufen und die Lebensmittelhersteller zu entschädigen - der Schaden betrug weit über 100 Millionen Dollar. Aventis CropScience wurde in Folge des Skandals vom BAYER-Konzern übernommen, der hierdurch zum weltweit zweitgrößten Anbieter von Gensaatgut aufstieg.

Divya Raghunandan, Sprecherin von Greenpeace Indien, erklärte: »In Anbetracht der großen Gesundheitsrisiken des Cry9C-Gens sorgen wir uns um mögliche Auswirkungen für Verbraucher und Landwirte. Wir fordern BAYER auf, alle Versuche mit dieser Genveränderung einzustellen und alle bisherigen Forschungsergebnisse offenzulegen.«

BAYER steht in Indien auch wegen einer Reihe weiterer Skandale in der Kritik: So vertreibt der Konzern hochgefährliche Pestizide wie Monocrotophos, die für eine große Zahl tödlicher Vergiftungen verantwortlich sind und die in Europa seit langem verboten sind. Umweltverbände aus Indien und Europa sprachen sich zudem kürzlich gegen eine Zulassung von genmanipuliertem Reis aus, der ebenfalls bei BAYER im Angebot ist und dessen Einsatz lokal angepaßte Sorten verdrängen würde (siehe jW vom 27.8.2004).

Jan Pehrke von der Coordination gegen BAYER-Gefahren kritisiert zudem die Geschäftspolitik von BAYER in Indien: »Im vergangenen Jahr mußten Sprecher der BAYER-Tochter ProAgro einräumen, daß bei Zulieferern des Unternehmens im großen Maße Kinderarbeit eingesetzt wird. Und nun wird auch noch bekannt, daß ein risikoreiches Gen in Lebensmittel implantiert wurde.« Pehrke fordert BAYER auf, alle gentechnischen Freisetzungsversuche in Indien einzustellen und Pestizide der Gefahrenklasse I vom Markt zu nehmen. In die gleiche Kerbe schlägt die Greenpeace-Sprecherin: »BAYER ist bekannt für doppelte Standards: Hochgefährliche Pestizide, die in Deutschland längst vom Markt genommen wurden, werden in Indien bedenkenlos weiter verkauft. Und jetzt sollen Inder erneut von BAYER vergiftet werden - durch ein Gen, das in den USA keine Zulassung für Lebensmittel erhielt.«