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STICHWORT BAYER 04/2014

BAYER trennt sich von Kunststoff-Sparte

Der Ausverkauf

Mitte September 2014 hat der Leverkusener Multi angekündigt, sich von seiner Kunststoff-Sparte trennen zu wollen und damit dem Druck der Finanzmärkte stattgegeben.

Von Jan Pehrke

Immer wieder hatten Finanzinvestoren in den letzten Jahren von BAYER den Verkauf der Kunststoff-Sparte gefordert. Bisher hatte sich der Multi dem Druck nicht gebeugt. Noch im Juli hatte der Vorstandsvorsitzende Marijn Dekkers in einem Interview betont: „Das Beste ist, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.“ Aber jetzt hat der Konzern den Traditionsbruch doch vollzogen. Er kündigte an, BAYER MATERIAL SCIENCE (BMS) als selbstständige Einheit an die Börse zu bringen. Damit sind alle Opfer umsonst, die der Global Player den Beschäftigten in der Vergangenheit abverlangt hatte, um die angeblich schlechten Geschäftszahlen zu verbessern und die Sparte im Unternehmen zu halten. So hatte er über 2.000 Arbeitsplätze bei BMS vernichtet, Werke geschlossen, unter Tarif entlohnt, Effizienz-Programme gestartet und Bonus-Zahlungen gestrichen. Und nun droht das, was bereits bei anderen Ausgliederungen zu beobachten war: weitere Job-Streichungen, Lohnkürzungen und andere Rationalisierungsmaßnahmen. Entsprechend frustriert äußern sich die GewerkschaftsvertreterInnen: „Die durch uns kritisierte Abkehr von der Drei-Säulen-Strategie ist durch die Arbeitnehmer-Vertreter im Aufsichtsrat, trotz intensivster Beratungen, nicht zu verhindern gewesen.“ Sonst hätte das Management keine finanziellen Mittel mehr bereitgestellt, womit der Bereich eine äußerst kritische Entwicklung genommen hätte, erläutern die Delegierten. Ein klarer Fall von Erpressung also. Peter Hausmann von der IG BCE bringt die Sorgen Belegschaft auf den Punkt: „Es besteht die Gefahr, dass es künftig ausschließlich um Gewinn-Margen gehen wird.“

Aber die Entscheidung hat nicht nur soziale Folgen. Philipp Mimkes vom Vorstand der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) befürchtet auch Konsequenzen für die Anlagensicherheit: „Die künftigen Besitzer werden versucht sein, die Kosten für Wartung, Personal und Feuerwehr weiter abzusenken. Dies führt automatisch zu höheren Störfallrisiken. BAYER muss sicherstellen, dass die Betriebssicherheit durch den Verkauf nicht verringert wird.“

Nach Ansicht der CBG ist es auch denkbar, dass die Sparte in den nächsten Jahren parzelliert und in Teilen weiterverkauft wird – so wie bei der BAYER-Ausgliederung LANXESS geschehen. Im Fall eines größeren Störfalls hätte dies Konsequenzen für AnwohnerInnen und Belegschaft, da kleinere Unternehmen in geringerem Umfang haften.

Unter dem Dach der BMS befinden sich zahlreiche hochgefährliche Anlagen, zum Beispiel die Produktion von Polyurethan, bei der große Mengen toxischer Stoffe wie Chlor, Ammoniak, Kohlenmonoxid sowie das ehemalige Kampfgas Phosgen eingesetzt werden. Seit Jahrzehnten in der Kritik steht auch der hormonaktive Kunststoff Bisphenol A, der trotz Warnungen von ToxikologInnen in Lebensmittelverpackungen, Trinkflaschen, Kassenbons und Zahnfüllungen zum Einsatz kommt.

Konsequenzen hat der Schritt auch für die umstrittene CO-Pipeline zwischen Dormagen und Krefeld, die gegenwärtig wegen Gerichtsbeschlüssen auf Eis liegt. Sollte die Pipeline jemals in Betrieb gehen, so wäre völlig unklar, von wem sie in zehn oder zwanzig Jahren betrieben wird. Auch das Sicherheitsniveau und die maximale Haftung stünden in den Sternen.

Das alles aber kümmert weder die Chef-Etage noch die Finanzmärkte. Am Tag der Bekanntgabe der Entscheidung erklomm die BAYER-Aktie ein Allzeit-Hoch.