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Hauptversammlung 2015

Hormonimplantate und zweierlei Maß auf dem globalen Verhütungsmarkt

Rede von Susanne Schultz, Gen-ethisches Netzwerk e.V. Berlin, in Kooperation mit glokal e.V., BUKO Pharma-Kampagne und Fachgebiet Entwicklungspolitik und Postkoloniale Studien Universität Kassel auf der Aktionärshauptversammlung von Bayer am 27.5.2015

Mein Name ist Susanne Schultz. Anlass meiner Rede und der Fragen, die ich ihnen gleich stellen werde, ist die weltweite Verbreitung des Verhütungs-Hormonimplantats Jadelle durch Bayer Health Care. Ich spreche hier für das Gen-ethische Netzwerk in Berlin. Wir arbeiten als NGO unter anderem zu Reproduktionsmedizin und Frauengesundheit. Auch spreche ich hier als Wissenschaftlerin der Goethe-Universität in Frankfurt. Dort arbeite ich zu Bevölkerungspolitik in Deutschland und international. Gemeinsam mit anderen Organisationen bin ich hier in Köln, um mehr über die aktuelle globale Vermarktung von Jadelle durch Bayer Healthcare zu erfahren und dagegen zu protestieren.

Vorweg möchte ich klarstellen, dass wir dafür eintreten, dass Frauen und Männer weltweit Zugang zu Verhütungsmitteln bekommen. Dies sollte aber Teil einer Basisgesundheitsversorgung sein, die an lokale Bedürfnisse angepasst ist. Ebenso wichtig ist: Vorrang sollten die Gesundheit und die Handlungsspielräume der NutzerInnen haben.

Wir beobachten aber gerade, dass in der Entwicklungspolitik Gesundheitsbelange zunehmend unter bevölkerungspolitische Ziele untergeordnet werden. Vorrang ist hier, weltweit Geburtenraten zu senken – und zwar ganz besonders in afrikanischen Ländern. Uns empört, dass Bayer Healthcare diese bevölkerungspolitischen Ziele für eine Offensive in der weltweiten Vermarktung des Hormonimplantats nutzt.

Bei Jadelle handelt es sich um ein extrem langfristig, nämlich 5 Jahre, wirksames Implantat, und zwar um Silikonstäbchen, die in den Oberarm eingenäht werden. Jadelle wird auch Norplant II genannt. Das fast identische Vorgängerprodukt Norplant I hat in den 1990er Jahren weltweit für Proteste und Klagewellen gesorgt. Einziger Unterschied: Heute werden nur noch zwei und nicht mehr sechs Silikonstäbchen in den Oberarm eingenäht. Damals wie heute verbreiten diese Stäbchen aber dieselbe Dosis des Hormons Levonorgestrel im Körper. Zu den häufigen Nebenwirkungen komme ich noch. In den 90er Jahren protestierten Frauenorganisationen weltweit gegen Norplant I– von Brasilien bis Bangladesh. In den USA erreichten 36.000 Klägerinnen, dass die damalige Lizenzinhaberin, nämlich Wyeth-Ayerst, etwa 50 Millionen Dollar Entschädigungen zahlte und die Vermarktung einstellte.

Unsere ersten Fragen deshalb: Auch in Deutschland ist Jadelle unseres Wissens nach derzeit nicht zugelassen. Wenn sich dies inzwischen geändert haben sollte, bitten wir um Informationen. Auch wollen wir wissen, ob Sie planen und wenn ja wann, die Zulassung von Jadelle in Deutschland zu beantragen. Eine weitere Frage: Gibt es derzeit juristische Klagen gegen Jadelle? Und wenn ja, in welchem Land und mit welchem Inhalt?

Fakt ist, dass diese Hormonimplantate nicht für die reichen Industrienationen konzipiert wurden. Jadelle wurde vom bevölkerungspolitischen Think Tank Population Council dafür entwickelt, Frauen in Ländern des Globalen Südens möglichst langfristig unfruchtbar zu machen. Das Population Council selbst gibt zu, dass Jadelle-Nutzerinnen mit vielen Nebenwirkungen zu rechnen haben: Es kommt häufig oder sehr häufig zu: ausbleibenden oder zunehmenden Blutungen, Migräne, Depressionen, Gewichtszu- oder abnahme, Haarausfall oder zu starkem Haarwuchs und vieles mehr. Auch das Herausoperieren ist trotz weniger Stäbchen weiterhin ein Problem. Es kommt zu Vernarbungen oder die Stäbchen wandern – und der operative Akt verkompliziert sich. Einen „Alptraum für die Gesundheit der Nutzerinnen“ nannte dies ein Bericht der neuseeländischen Zeitung New Zealand Herald im Jahre 2013.

Wir halten es für absurd, dass Jadelle nun gerade in den ländlichen Regionen Afrikas verbreitet wird, in denen es keine oder kaum medizinische Versorgung gibt. Das heißt, die Nutzerinnen können sich nicht angemessen über die häufigen Nebenwirkungen beraten lassen und können sich die Stäbchen auch nicht jederzeit wieder aus dem Arm herausoperieren lassen. Dies geschieht im Rahmen des so genannten „Jadelle Access Programm“. Dieses Programm wurde 2012 von Bayer Healthcare, der Melinda und Bill Gates Stiftung und verschiedenen Regierungen ins Leben gerufen. Angekündigt ist, dass bis 2018

Unsere Fragen: Mit welcher Summe garantiert die Bill und Melinda Gates Stiftung für Ausfallkosten, wenn nicht alle 27 Millionen Implantate bis 2018 verkauft werden?

Wie viele Jadelle-Implantate wurden schon im Rahmen des „Jadelle Access Program“ vermarktet – und in welche Länder? Und: Wie viele Jadelle-Implantate wurden außerhalb dieses Programms insgesamt seit 2012 verkauft – und in welche Länder?

Weiterhin: Haben Sie selbst klinische Studien unternommen oder haben Sie Kenntnis von Studien zu den Nebenwirkungen von Jadelle, welche die spezifischen Gesundheitslage von Frauen in ländlichen Regionen Afrikas berücksichtigen?

Abschließend habe ich noch eine Frage zu Ihrer Werbestrategie:
Wie ist folgende öffentlich von Bayer Healthcare weit verbreitete Botschaft zu verstehen? Bei vollständiger Durchführung könne die Initiative „die Säuglingssterblichkeit um rund 280.000 Fälle und die Müttersterblichkeit um fast 30.000 Fälle senken“. Uns erscheint dies etwas absurd: Logisch ist, dass Frauen, die nicht schwanger werden, auch nicht an einer Geburt sterben können – und Kinder die nicht geboren wurden, auch nicht an Säuglingssterblichkeit. Oder wie ist diese absurde Botschaft sonst zu verstehen?

Danke für Ihre Aufmerksamkeit und wir warten auf Antworten!