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STICHWORT BAYER 03/2015

BAYERs Ultra-Gifte

Eine lange Geschichte

1995 kündigte der Leverkusener Multi an, bis zur Jahrtausendwende alle besonders gefährlichen Pestizide vom Markt zu nehmen. Doch 20 Jahre später bietet BAYER in bestimmten Ländern weiterhin Agro-Chemikalien der Gefahrenklasse I für landwirtschaftliche Anwendungen an. Und in Haushaltsinsektiziden und anderen Produkten finden sich viele der Ultragifte ebenfalls noch.

Von Jan Pehrke

„Mit einem Drei-Punkte-Programm haben wir uns hinsichtlich Forschung, Entwicklung und Vertrieb der Pflanzenschutz-Produkte klare Ziele für die kommenden fünf Jahre gesetzt. So werden wir die eingesetzte Produktmenge je Anwendung weiter reduzieren und Produkte der WHO-Toxizitätsklasse I schrittweise durch Präparate mit geringerer Giftigkeit ersetzen“, kündigte der Leverkusener Multi 1995 in seinem Geschäftsbericht an. Doch zahlreiche extrem gefährliche Agrochemikalien überstanden die Jahrtausendwende unbeschadet. Andere konnten zumindest in Ländern der „Dritten Welt“ überwintern. Dort trugen die Pestizide dann mit dazu bei, dass die in diesen Staaten sowieso schon überproportional hohe Vergiftungsrate nicht absank.
Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) kritisierte das Brechen der Zusage auf den Hauptversammlungen des Konzerns immer wieder. Der Vorstand jedoch lavierte herum: Es sei eben „ein langwieriger Prozess“, da gebe es „keine Schwarz/Weiß-Lösungen“. Und einer der Nachhaltigkeitsberichte des Unternehmens verwies als Entschuldigung auf „Einsatzbereiche, in denen noch keine geeigneten Alternativen verfügbar sind“.
In Indien gab es für Substanzen wie Triazophos (Produktname: HOSTATHION), Methamidophos (TAMARON) und Parathion Methyl (FOLIDOL), die wegen ihrer akuten Toxizität zur Gefahrenklasse I gehören, noch 2006 solche „Einsatzbereiche“. Auch die BASF und SYNGENTA hatten dort noch Pestizide dieser Kategorie im Programm. Erst als das CENTRE FOR SUSTAINABLE AGRICULTURE, das PESTICIDE ACTION NETWORK ASIA AND THE PACIFIC, der WWF und die CBG diese gesundheitsgefährdende Geschäftspolitik der Agro-Mogule in einem Protestbrief skandalisierten, reagierte der Leverkusener Multi – zumindest virtuell. Er nahm die Produktliste vom Netz; die Seite befand sich nun „under construction“. Real sollte es jedoch viel länger dauern, bis etwas geschah.
Ähnlich verhielt es sich in Chile. Aus freien Stücken tat BAYER gar nichts. Es musste erst Druck erfolgen, und der erfolgte von 2005 an. In diesem Jahr waren 19 ChilenInnen an einer Überdosis Agrochemikalien gestorben. Insgesamt registrierten die Behörden 785 Vergiftungen, mit 97 Fällen gingen dabei die meisten auf BAYERs TAMARON zurück. Das bewog eine Gruppe von Abgeordneten 2007 dazu, einen Antrag ins Parlament einzubringen, alle Klasse-I-Pestizide zu verbieten. Das „Boletín Nº 4877-01“ erhielt zwar schlussendlich keine Mehrheit, aber der Global Player sah dann doch Handlungsbedarf und rangierte in der Folge einige Chemikalien aus.
Verkäufe von Ultragiften wie Fenamiphos (NEMACUR) und Ethophos (MOCAP) an die Konkurrenz, EU-Verbote sowie weitere Initiativen des Pestizid Aktions-Netzwerks (PAN), der Coordination und anderer Gruppen taten ein Übriges, um den Giftschrank zu lichten. Im Nachhaltigkeitsbericht von 2011 annoncierte die Aktien-Gesellschaft, ab Ende 2012 zumindest bei den Insektiziden für die landwirtschaftliche Nutzung und den Saatgut-Behandlungsmitteln ohne die ultraharten chemischen Keulen auskommen zu wollen. Und im Sommer 2013 verkündete sie dann, im Agrar-Segment keine Pestizide der höchsten Gefahrenklasse mehr zu führen.
Abermals jedoch hielt diese Aussage einer Überprüfung nicht stand. In Brasilien bietet der Global Player bis heute HOSTATHION an, obwohl er bei den Behörden angeblich schon 2013 ein Löschen der Registrierung beantragt hat. Bis zum April 2015 vertrieb der Konzern dieses Mittel auch in Indien noch. Zudem verkauft das Unternehmen in zahlreichen Ländern noch Insektizide, die Beta-Cyfluthrin enthalten wie z. B. BULLDOCK. Dabei verweist es jedoch auf eine veränderte, den Wirkstoff in geringerer Konzentration enthaltende Formulierung. Dies mindert zwar tatsächlich die akute Giftigkeit, ändert jedoch weder an den Langzeit-Effekten etwas noch schützt es die Gesundheit von Landwirtinnen besser, die dem Mittel permanent ausgesetzt sind.
Darüber hinaus offeriert BAYER in Brasilien immer noch das Antipilz-Pestizid BAYSISTON, das neben Triadimenol auch den Klasse-I-Wirkstoff Disulfuton enthält, obwohl es spätestens seit 1999 keinen Zweifel an dessem Gefährdungspotenzial mehr geben kann. In diesem Jahr vergiftete das Mittel 30 Kaffeebauern und -bäuerinnen, 12 davon tödlich. Marly Avidel Vilete beschrieb damals, wie qualvoll ihr Mann Joao Jose verendete: „Ich fand ihn liegend auf dem Feld. Er hatte keine Kraft zu gehen und glühte, er hatte Kopfschmerzen und er erbrach sich viel, er hatte Schmerzen in der Brust, keine Stimme und hielt sich den Bauch mit geschlossenen Augen, und am Ende verlor er gänzlich das Gleichgewicht. Er starb am selben Tag an Atemlähmung.“ Die Todesfälle führten sogar zu staatsanwaltlichen Ermittlungen, aber politischer Druck ließ diese im Sande verlaufen.
Die dem BAYSISTON-Inhaltsstoff Disulfuton in seiner Giftigkeit kaum nachstehende Substanz Methiocarb darf EU-weit in Antischneckenmitteln noch bis Sommer diesen Jahres wirken; gegen seine Verwendung in Haushaltsinsektiziden wie LIZETAN oder dem SPINNMILBEN-SPRAY PLUS hat Brüssel hingegen nichts unternommen. Und außerhalb der Europäischen Union unterliegt der Wirkstoff, den BAYER in der vorliegenden Dosierung als nur „moderat gefährlich“ bezeichnet, keiner Beschränkung. Methomyl, das unter anderem als Mittel gegen Fliegen zum Einsatz kommt, kann der Konzern außerhalb der EU-Grenzen ebenfalls weiter vermarkten, in den USA allerdings nur mit Einschränkungen. Auch der Veterinär-Bereich steht den Supergiften weiterhin offen – in den Ställen der MassentierhalterInnen halten sich als Substanzen gegen Fliegen und andere Insekten Dichlorvos, Beta-Cyfluthrin und Coumaphos bereit.
Der Leverkusener Multi besitzt sogar die Kühnheit, ImkerInnen dieses Klasse-I-Pestizid als Mittel gegen das Bienensterben anzubieten, an dem nach Meinung der Fachwelt gerade Agrochemikalien einen gehörigen Anteil haben. BAYER aber hat die Varroa-Milbe als Hauptschuldigen ausgemacht; und so vertreibt der zum Gärtner gemachte Bock Coumaphos-haltige Streifen, welche die Bienen an den Eingangslöchern des Bienenstocks mit dem Wirkstoff gegen die Milbe imprägnieren.
20 Jahre nach dem Versprechen, bis 2000 alle Pestizide der Gefahrenklasse I vom Markt zu nehmen, fällt die Bilanz also negativ aus. Immer noch bietet der Konzern solche chemische Keulen an, vereinzelt für den Großeinsatz auf den Äckern und ziemlich häufig für Anwendungen im Heim-, Garten- oder Veterinär-Bereich.
Der Leverkusener Multi rechtfertigt dies auf zweierlei Weise.
Zum einen will er seine einstige Zusage nur auf Produkte, nicht aber auf Wirkstoffe gemünzt verstanden wissen. In einem „Ausstiegsgespräch“, das VertreterInnen von PESTIZID-AKTIONS-NETZWERK (PAN) und von anderen Initiativen 2013 mit Abgesandten von BAYER, BASF und SYNGENTA führten, mochten die Unternehmensemissäre eine „auf der Substanz-Klassierung basierende Einstufung von Pestiziden“ als hochgefährlich nicht akzeptieren. Zur Begründung verwiesen sie dabei auf die Bandbreite von unterschiedlich gesundheitsgefährdenden Mixturen. Auch sahen sie mit der Substanz-Klassierung das Risiko verbunden, für Generika auf Basis der jeweiligen Chemikalie in Haftung genommen zu werden. Und überhaupt sei ein Sicherheitsmanagement vor Ort mit gezielten Beratungen sinnvoller als ein genereller Wirkstoff-Bann, meinten die Manager. Zum anderen macht es für sie einen großen Unterschied, ob ein bestimmter Inhaltsstoff in einem Pestizid auf Äckern und Plantagen oder „bloß“ als Biozid im Haus-, Garten- oder Veterinär-Bereich sein Unwesen treibt. Für solche Mittel gelten nämlich in der EU – aber auch nur dort – andere gesetzliche Bestimmungen, und deshalb spricht aus ihrer Sicht nichts gegen einen Verbleib im Sortiment.
Damit nicht genug, haben es die Bestände BAYERs auch jenseits der Klasse-I-Pestizide in sich. PAN führte 2012 eine Inventur beim Agro-Riesen durch und machte 64 hochgefährliche Pestizide aus. Diese Produkte können Mensch, Tier und Umwelt massiv schädigen. So sind sie imstande, Krebs auszulösen, das Hormonsystem zu beeinträchtigen, die Arbeit der Nieren zu stören und Fehlgeburten oder Geburtsschäden zu verursachen. Besonders perfide: Der Leverkusener Multi vermarktet viele dieser besonders aggressiven Substanzen wie z. B. Fipronil nur in Ländern der sogenannten Dritten Welt. Aber die Kritik, mit dem Verkauf dieser in Deutschland oftmals gar nicht mehr zugelassenen Mittel eine Politik der doppelten Standards zu betreiben, lässt der Global Player an sich abprallen. „Den Vorwurf, BAYER CROPSCIENCE verfahre bei der Produktion und Vermarktung von Produkten nach unterschiedlichen Standards, weist das Unternehmen zurück. Aufgrund der unterschiedlichen Klimazonen, Vegetation und Bodenverhältnisse wird für Produkte, die beispielsweise speziell für den Einsatz im asiatischen Raum entwickelt wurden, nicht die Zulassung in Europa beantragt“, antwortete eine Konzern-Sprecherin im Februar 2015 einer französischen Journalistin. Außerdem gebe es in tropischen Ländern eine Vielzahl von Krankheiten und Schädlingen, die nur dort vorkämen, so die Öffentlichkeitsarbeiterin.
So können die Pestizide dann weiterhin ihre verheerende Wirkung entfalten. Nach Schätzungen der Weltbank sterben jährlich rund 350.000 Menschen an Pestizid-Vergiftungen – vor allem in den Armutsregionen. Die absolute Zahl der Vergiftungsfälle liegt der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge bei zwei Millionen per anno. Dies hat nicht nur immenses Leid zur Folge, sondern belastet auch die Gesundheitssysteme. Das UN-Umweltprogramm UNEP rechnet allein für Afrika im Zeitraum von 2015 bis 2020 mit Behandlungskosten von 90 Milliarden Dollar. Die Kampagnen für einen Verkaufsstopp der Ultragifte müssen also weitergehen!