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STICHWORT BAYER 01/2016

BAYER bringt Kunststoff-Sparte an die Börse

Ich bin dann mal weg

Im Eiltempo treibt der Leverkusener Multi die vom Kapital-Markt geforderte Abspaltung seiner Kunststoff-Sparte voran. Am 1. September entließ er die „Plaste & Elaste“-Abteilung in die wirtschaftliche und rechtliche Unabhängigkeit und verpasste ihr mit COVESTRO einen neuen Namen. Anfang Oktober erfolgte dann der Börsengang. Dieser verlief allerdings nicht reibungslos und gab dem Parkett-Frischling damit schon mal einen Vorgeschmack auf den beschwerlichen Weg, der ihm bevorsteht. Für BAYER indessen hat die Holding-Struktur mit der Trennung von dem ungeliebten Geschäftsbereich ihre Schuldigkeit getan. Der Konzern verordnet sich eine neue Struktur und verzahnt die beiden verbliebenen Bereiche „Agrar“ und „Pharma“ enger. Trotzdem bleibt ungewiss, wie lange der Global Player noch auf zwei Beinen stehen wird.

Von Jan Pehrke

Zum Amtsantritt von Marijn Dekkers im Jahr 2010 hatte Stichwort BAYER geschrieben: „Am 1. Oktober löst der Niederländer Marijn Dekkers Werner Wenning als Vorstandsvorsitzenden von BAYER ab. Der Kapitalmarkt erwartet von ihm einschneidende Veränderungen wie den Verkauf der Kunststoff-Sparte.“ Und diese Mission erfüllte der Holländer, bevor er wieder zu anderen Ufern aufbricht – auf eigenen Wunsch verlängerte Dekkers seinen 2016 auslaufenden Vertrag nicht. Mitte September 2014 gab der Leverkusener Multi die Trennung von seiner „Plaste & Elaste“-Abteilung bekannt. „Eine Frage der Investitionspolitik“ war das für Dekkers. „Wir müssen entscheiden, wofür wir bei BAYER künftig Geld ausgeben wollen“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Süddeutschen Zeitung: „Unsere drei Bereiche – Kunststoffe, Gesundheit, Agrarwirtschaft – erfordern jeweils hohe Investitionen und stehen hierbei in einem Wettbewerb miteinander. Da die Bereiche ‚Gesundheit’ und ‚Agrarwirtschaft’ höhere Renditen erwirtschaften, würden wir unsere Ressourcen vor allem dort konzentrieren.“
Jahrelang hatten Pensionsfonds und andere große Finanzinvestoren wie etwa BLACKROCK einen entsprechenden Schritt gefordert. Nun musste sich der Global Player deren Macht endgültig beugen und brachte damit die GewerkschaftsvertreterInnen gegen sich auf. Die Beschäftigten des Kunststoff-Bereichs hatten in der Vergangenheit immer wieder Opfer erbracht, um die angeblich schlechten Geschäftszahlen zu verbessern und auf diese Weise eine Loslösung zu verhindern. So hatten sie in den letzten Jahren die Vernichtung von über 2.000 Arbeitsplätzen, Werksschließungen, untertarifliche Bezahlung, Effizienz-Programme und die Streichung von Boni erduldet – und jetzt stellt sich heraus: Das alles war umsonst. Im Aufsichtsrat stemmten sich die GewerkschaftsvertreterInnen lange gegen den Plan der BAYER-Oberen. Sie mussten schlussendlich aber klein beigeben: „Die durch uns kritisierte Abkehr von der Drei-Säulen-Strategie ist durch die Arbeitnehmer-Vertreter im Aufsichtsrat, trotz intensivster Beratungen, nicht zu verhindern gewesen.“ Sonst hätte das Management keine finanziellen Mittel mehr bereitgestellt, womit der Plaste-Bereich eine äußerst kritische Entwicklung genommen hätte, hieß es. „Gemeinhin nennt man so etwas Erpressung“, kommentierten die KOLLEGINNEN UND KOLLEGEN FÜR DURCHSCHAUBARE BETRIEBSRATSARBEIT, eine alternative IG-BCE-Gewerkschaftsgruppe im Leverkusener BAYER-Werk.
In Windeseile machte sich der Konzern dann an die Umsetzung des Beschlusses, den vermeintlichen „Minderleister“ an die Börse zu bringen. Eine Kommission nahm die Entflechtung vor und fand Regelungen für die Pensionsverpflichtungen, Patente und Grundstücksnutzungen. Auch die Beschäftigten sortierte sie auseinander und legte fest, wie viele Arbeitskräfte von BAYER BUSINESS SERVICES und den anderen Service-Gesellschaften das neue Unternehmen benötigen würde. Die Wechselstimmung hielt sich unter den BAYER-WerkerInnen begreiflicherweise in Grenzen. Kaum einer wollte freiwillig zu dem eben noch als zu rendite-schwach geschmähten Kunststoff-Hersteller gehen. Darum startete der Konzern in der Belegschaftszeitung direkt eine Kampagne und präsentierte wechselwilliges Personal. „Ich sehe dem Wechsel mittlerweile sehr entspannt entgegen und weiß, dass ich auch bei MaterialScience die besten Entwicklungschancen habe“, erklärte da eine Ingenieurin. Eine Kollegin von ihr gab sich ebenfalls gelassen: „Für mich sind der Wechsel und die Loslösung eines Teilkonzerns nicht gleich ein kompletter Neuanfang – das ist sehr angenehm“, und ein Techniker bekräftigte: „Ich bin sicher, dass ich auch weiterhin für einen erstklassigen Arbeitgeber tätig sein werde.“
Um die Kontinuität zu betonen, hat das neue Unternehmen in seinem Firmen-Logo den BAYER-Kreis und die BAYER-Farben grün und blau übernommen. Als Namen wählten die ManagerInnen COVESTRO aus. Bei dem „CO“ handelt es sich dabei keineswegs um das chemische Zeichen für Kohlenmonoxid; es steht deshalb auch nicht etwa für die umstrittene Giftgas-Pipeline zwischen Dormagen und Krefeld als Erblast der neuen Gesellschaft, sondern für „Collaboration“. Das „VEST“ verweist auf „Investment“ und das „STRO“ auf „strong“. Der Brands-Entwickler Manfred Gotta fühlte sich bei dem Wort allerdings eher an eine Bezeichnung für einen italienischen Handkäse erinnert.
Im Sommer 2015 brach der COVESTRO-Chef Patrick Thomas dann mit zweien seiner Manager zu einer „Road show“ auf, um die BAYER-Abspaltung Pensionsfonds und anderen Finanzmarkt-Akteuren schmackhaft zu machen sowie deren Bereitschaft zu eruieren, in den Konzern zu investieren. Auf diese Weise wollte der Leverkusener Multi Aufschluss darüber gewinnen, ob er mit seiner Plastik-Sparte einen regulären Börsengang wagen könnte. Das käme nämlich einer Kapital-Erhöhung gleich und würde Geld in die Kassen spülen. Andernfalls müsste er – wie 2004 bei der Abspaltung des Chemie-Geschäfts geschehen – einen Spin-Off vornehmen und den BAYER-AktionärInnen die Papiere des ausgemusterten Firmenteils einfach schenken.
Also legten sich Thomas und seine Mannen mächtig ins Zeug, um COVESTRO als zukunftsträchtigen Konzern zu präsentieren, der auf Innovationen setzt, in wichtigen Bereichen wie etwa bei den Polyurethanen die Märkte dominiert und obendrein noch ein strenges Kosten-Management betreibt. „Wir wollen uns bei den Kosten mit den Besten messen“, erklärte der Finanz-Chef Frank Lutz und kündigte Einsparungen in einem Volumen von 420 Millionen Euro bis 2019 an. Den Anfang machte das Management bereits im Juni 2015. Es stoppte die Kunststoff-Produktion im brasilianischen Belford Roxo und vernichtete dadurch 320 Arbeitsplätze. Bestandschutz erhielten von Lutz nämlich nur die heimischen Niederlassungen: „Wir können Standort-Schließungen in Deutschland ausschließen.“ Auch auf eine Job-Garantie bis 2020, wie sie BAYER mit der IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE für die bundesdeutschen Kunststoff-Beschäftigten vereinbart hatte, warteten die ArbeiterInnen und Angestellten ausländischer Konzern-Gesellschaften vergeblich. Die belgischen KollegInnen mussten sich eine solche Zusicherung erst in zähen Auseinandersetzungen erstreiten, und die Belegschaften anderer ausländischer Niederlassungen gingen ganz leer aus. Pittsburgh beispielsweise speiste Marijn Dekkers mit dem Lippenbekenntnis ab, die Stadt sei „ein wichtiger Standort für BAYER MATERIAL SCIENCE“ und es gäbe keinen Grund anzunehmen, dass die Produktionsstätte ihre Geschäftstätigkeit nicht in dem bisherigen Umfang fortsetzen wird. Da dürfte auf die Belegschaftsangehörigen in den USA und anderswo also noch so einiges zukommen, auch wenn Lutz vorgibt, die Absicht zu haben, das ehrgeizige Spar-Ziel vornehmlich durch eine bessere Auslastung der Anlagen zu erreichen.
Und noch ein anderes Lockmittel hielt COVESTRO für die Anleger bereit. Die Gesellschaft stellte hohe Dividenden-Zahlungen in Aussicht. 30 bis 50 Prozent des Gewinnes will sie den AktionärInnen in die Tasche stecken und zur Premiere sogar einmalig 100 bis 150 Millionen Euro ausschütten. Zudem beeindruckte der Kunststoff-Konzern die Investoren mit guten Zahlen. „BAYER-Chef Marijn Dekker kann sein Glück kaum fassen: Mit einem Rekord-Quartal geht er auf die Zielgeraden zur Abspaltung der Kunststoff-Tochter BAYER MATERIALSCIENCE. Im ersten Quartal stieg der Gewinn des Konzerns um sieben Prozent auf 2,2 Milliarden Euro“, vermeldete die Rheinische Post. Das beste Vierteljahres-Ergebnis seit 2006 erwirtschaftete die Sparte. Um Glück handelte es sich dabei jedoch keineswegs. Mit der Standort-Schließung in Brasilien und anderen Manövern hat der Leverkusener Multi akribisch darauf hingearbeitet, zum feierlichen Anlass eine ordentliche Bilanz vorzulegen. Auch seine Foto-Sparte AGFA hatte er einst mit solchen Maßnahmen für die Börse fitgespritzt, was allerdings nicht lange vorhielt und am schlechten Allgemeinzustand der Gesellschaft kaum etwas zu ändern vermochte.
Eigentlich hätten die ausgewiesenen Profite das ganze Projekt in Frage stellen müssen, denn es waren ja gerade die in BAYERs Augen zu schwachen Erträge, die für die Trennung sprachen, aber um solche Widersprüchlichkeiten scherte sich keiner mehr groß. Stattdessen startete das ungeliebte Kind am 1. September 2015 mit großem Tamtam offiziell in die Selbstständigkeit. Zu den 4.000 Gästen gehörte auch der nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Garrelt Duin. Laut COVESTRO überbrachte er Grüße der Landesregierung. Mit den Worten „COVESTRO ist bestens aufgestellt, um langfristig erfolgreich zu sein – aufgrund seiner Herkunft, seiner neuen Eigenständigkeit und Flexibilität und vor allem aufgrund seiner erfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Durch die wettbewerbsfähige Position von COVESTRO auf dem Weltmarkt wird Nordrhein-Westfalen als führender Chemie-Standort gestärkt“ zitierte das Unternehmen den Sozialdemokraten.
Auch die AktionärInnen des Konzerns feierten mit – und verdarben dem Leverkusener Multi dabei die Party. Sie nutzen den Festtag nämlich, um sich von ihren BAYER-Papieren zu trennen. Die SpekulantInnen werteten die vollzogene Abspaltung als einen vorläufigen Höhepunkt in der Entwicklung des Unternehmens und erwarteten in absehbarer Zeit kein weiteres Kurs-Feuerwerk. „Da machen einige Händler offenbar Kasse“, lautete der lapidare Kommentar eines Händlers. Zum Handelsschluss hatte die Aktie deshalb vier Prozent an Wert verloren – so viel wie kein anderer Wert an diesem 1. September.
Für BAYER markierte dieses Datum jedoch nur eine Etappe auf dem Weg zur Abspaltung der Kunststoff-Sparte. Der Konzern konnte es gar nicht abwarten, weitere Schritte einzuleiten und COVESTRO an die Börse zu bringen. Hatte der Pharma-Riese dafür ursprünglich erst Mitte 2016 als geeigneten Zeitpunkt ins Auge gefasst, so kündigte er nun schon Anfang Oktober als Termin an und nannte als Grund die „robuste Nachfrage“ nach den Papieren. Anteile im Wert von 2,5 Milliarden Euro hoffte der Global Player zu platzieren – und in Frankfurt damit für die gewichtigste Neu-Emission seit dem Jahr 2000 zu sorgen, als die DEUTSCHE POST gleich in den DAX vorstieß.

Mit diesem Geld sollte der Börsen-Novize einen Teil der Schulden ablösen, die das Mutter-Unternehmen auf ihn übertragen hatte. Insgesamt sechseinhalb Milliarden Euro Verbindlichkeiten bekam COVESTRO mit auf den Weg, wobei BAYER da nicht übermäßig „großherzig“ war, ein allzu dickes Minus hätten die Investoren nämlich nicht geschluckt.
Eine Preisspanne von 26,50 bis 35,50 setzte der Multi für das Papier fest. Allerdings mochte zu diesen Konditionen kaum jemand zugreifen; die Vorbestellungen hielten sich in engen Grenzen. Dann flogen auch noch die Abgas-Manipulationen von VW auf und trafen beunruhigende Meldungen über die Konjunktur-Aussichten in China ein, was in Frankfurt alle Werte auf Talfahrt schickte. Dem Leverkusener Multi blieb nichts anderes übrig, als eine Krisen-Sitzung einzuberufen. „Die Nacht über berieten die Investment-Banker die Lage, gestern Morgen zogen die Vorstände die Notbremse: BAYER und COVESTRO verschoben den Börsengang und senkten die Preisspanne“, berichtete die Rheinische Post am 2.10.15. Das „eingetrübte und volatile Kapitalmarkt-Umfeld“ führte der Konzern selber als Begründung an. Für das Fachblatt Der Platow Brief ließ das erahnen, „wie gnadenlos die Investoren mit den Konsortial-Banken und den Alt-Aktionären hinter den Kulissen pokern“.
Für 21,50 bis 24,50 Euro war die COVESTRO-Aktie nun schon zu haben. Von diesem niedrigen Niveau aus sollte denn am ersten Ausgabe-Tag noch Luft nach oben sein, so die Einschätzung, zumal die großen Fondsgesellschaften mit ihren festen Budgets zu diesem Preis noch zukaufen müssen. Einen Kursverlust gleich zum Start – das wollte BAYER unter allen Umständen vermeiden. Allerdings sah sich das Unternehmen dafür gezwungen, die Kalkulation umzuschmeißen. Die 2,5 Milliarden Euro Einnahmen konnte es jetzt vergessen und den größten Börsengang seit 2000 ebenfalls. Deshalb versicherte der Global Player umgehend, COVESTRO den Fehl-Betrag von einer Milliarde Euro zusätzlich zur Verfügung zu stellen, um den Schuldenstand der Gesellschaft bei vier Milliarden Euro – und damit die Investoren bei der Stange – zu halten.
Für einen zusätzlichen Kaufanreiz wollte der Leverkusener Multi mit einer 1-seitigen Anzeige sorgen, die in den großen überregionalen Tageszeitungen erschien. Darin pries sich COVESTRO selbst als eine Art GREENPEACE in Kapitalgesellschaftsform, konnte sich damit aber nicht recht verständlich machen. Der Satz „Deshalb haben wir die Vision einer bunteren Welt – und einen Optimismus, der auf mutigen Innovationen und einem standhaften Glauben in die Kraft der Nachhaltigkeit“ warf wegen seines offenen Endes so einige Fragen zum Öko-Trip des Kunststoff-Herstellers auf. Offenbar sperrte sich die Sprache gegen die orwellschen Verdrehungen, mit denen der Konzern seine Dreckschleudern auf grün wenden wollte. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN protestierte scharf gegen diese Propaganda-Aktion. „Die Produktion bei COVESTRO basiert auf klassischer Chlor-Chemie: Mit hochgefährlichen Chemikalien und unter hohem Energie-Einsatz werden biologisch nicht abbaubare Produkte hergestellt. Doch anstatt den Umbau auf nachhaltige Produktionsmethoden zu forcieren, betreiben BAYER und COVESTRO Greenwashing der übelsten Sorte“, hieß es in der Presse-Erklärung.
Roadshow, Kostensenkungsprogramm, großflächige Werbung und ein Schnäppchen-Preis – mit dieser Kraftanstrengung gelang es COVESTRO, genügend Kauf-Interesse zu wecken und eine Pleite bei der Parkett-Premiere zu verhindern. Die Aktie lag zum Handelsschluss bei 26,90 Euro, und die Presse vermeldete „COVESTRO gelingt der Börsenstart“. Auch an den kommenden Tagen brach das Papier nicht ein. Der Plan B konnte deshalb in der Schublade bleiben. Um auf Nummer sicher zu gehen, hatte der Leverkusener Multi mit der den Börsengang begleitenden DEUTSCHEN BANK nämlich „Stabilisierungsmaßnahmen“ verabredet. Im Fall des Falles sollte BAYER GLOBAL INVESTMENTS in größerem Stil COVESTRO-Anteile bei der Bank ordern und so Kurspflege betreiben. Aber die Finanzgesellschaft des Konzerns mit Sitz im Steuer-Paradies Holland (siehe SWB 4/15) brauchte sich schlussendlich nicht zu bemühen. „Im Zusammenhang mit dem öffentlichen Angebot von Aktien der COVESTRO AG gibt die DEUTSCHE BANK in ihrer Eigenschaft als Stabilisierungsmanager bekannt, dass der Stabilisierungszeitraum vorzeitig am 16. Oktober 2015 endete und von ihr keine Stabilisierungsmaßnahmen durchgeführt wurden“, teilte das Geldhaus in einer Kapitalmarkt-Information mit.
Einstweilen besitzt der Leverkusener Multi noch 69 Prozent der COVESTRO-Papiere und darf sich auch vor dem 7. April 2016 nicht von ihnen trennen. So lange gilt nämlich die im Börsen-Prospekt zugesicherte Haltefrist, mit welcher BAYER den AnlegerInnen garantiert, den Finanzmarkt nicht mit einem die Preise verderbenden Aktien-Überangebot zu konfrontieren. Nach dem Stichtag steht ein Ausverkauf ebenfalls nicht an. Der Pharma-Riese will die Loslösung von seiner Kunststoff-Sparte peu à peu vollziehen und hat als Deadline das Jahr 2020 im Auge. Die neue AG bleibt bis auf Weiteres sogar eine 100-prozentige Konzern-Tochter. Einstweilen betont COVESTRO-Boss Patrick Thomas deshalb noch die Verbundenheit mit der Mutter-Gesellschaft: „Wir werden für eine sehr lange Zeit sehr eng zusammenarbeiten.“
Wie schnell der Global Player seine Anteile abstößt, wird nicht zuletzt von der Kurs-Entwicklung abhängen. Und da sind die Aussichten nicht so rosig. In der Produkt-Palette von COVESTRO finden sich nämlich entgegen den Behauptungen der Werbe-Abteilung kaum innovative Werkstoffe. Das Angebot besteht zu 80 Prozent aus industrieller Massenware, welche die Unternehmen zur Zeit aufgrund der weltweiten Überproduktion nur noch rabattiert losschlagen können. So verzeichnete die frisch gebackene Aktien-Gesellschaft im 3. Quartal 2015 wegen der Preis-Einbrüche einen Umsatz-Rückgang um 1,4 Prozent auf drei Milliarden Euro. Zudem beunruhigen die chinesischen Wirtschaftsdaten die Hersteller von Plaste & Elaste. Aus diesem Grund zeigte sich BAYER-Chef Marijn Dekkers Ende Oktober 2015 heilfroh über den Split. Während die Lage in dem asiatischen Land bei BAYER MATERIAL SCIENCE immer ein Thema gewesen sei, so der Große Vorsitzende, spiele sie für die verbliebenen Geschäfte nicht mehr so eine bedeutende Rolle, der Konzern sei jetzt „weniger abhängig von konjunkturellen Schwankungen“. Überdies fehlt vielen Investoren bei COVESTRO die Zukunftsperspektive. Der Plastik-Produzent hat sich der Börse zwar als „Wachstumswert“ präsentiert, vermag aber kaum Investitionen vorzuweisen. Darum musste Finanz-Vorstand Frank Lutz diesen Begriff der Börsen-Zeitung gegenüber etwas unkonventionell interpretieren: „Wir haben noch viele Kapazitäten, die ungenutzt sind. Da werden wir hineinwachsen.“
BAYER selber geht nach der Trennung von BAYER MATERIAL SCIENCE nicht einfach wieder zur Tagesordnung über. Der Konzern organisiert sich um. Die Holding-Struktur hat mit der Abspaltung der Kunststoff-Sparte ihre Schuldigkeit getan. Mit ihr hatte der Leverkusener Multi den Abschied von dem Vier-Säulen-Modell vorbereitet und auf diese Weise im Vorfeld des – inzwischen wieder rückabgewickelten – US-Börsengangs dem Druck der Finanzmärkte nachgegeben, die den Konzern mit den Geschäftsfeldern „Chemie“, „Kunststoffe“, „Pharma“ und „Landwirtschaft“ als „Gemischtwarenladen“ betrachteten und stattdessen eine „Konzentration auf das Kerngeschäft“ forderten. Und so machte der Leverkusener Multi die vier Bereiche erst einmal zu selbstständig operierenden Einheiten. Nur ein verkleinerter Vorstand wachte als Holding noch über sie und kümmerte sich bloß noch um die Finanzen und die längerfristige Unternehmensstrategie. Jetzt werde der Konzern „Werttreiber und Wertvernichter noch leichter identifizieren können“, frohlockte der damalige Finanz-Vorstand, spätere Vorstandsvorsitzende und heutige Aufsichtsratsvorsitzende Werner Wenning damals und ergänzte: „BAYER wird in der Lage sein, schneller die Konsequenzen daraus zu ziehen.“ Und das tat das Unternehmen. Ende 2003 stellte es die Chemie-Sparte zur Disposition und läutete damit das Ende des Misch-Konzerns ein, welches das Abscheiden der Kunststoff-Abteilung schließlich besiegelte.
Nun führt der Global Player die Verantwortung für die beiden noch verbliebenen Unternehmensteile „Pharma“ und „Landwirtschaft“ wieder im Vorstand zusammen und erweitert ihn aus diesem Grund. Liam Condon repräsentiert in dem Gremium ab Januar 2016 die Agrar-Geschäfte, Dieter Weinand die Sparte mit den verschreibungspflichtigen Arzneien und Erica Mann diejenige mit den freiverkäuflichen Pharma-Produkten. „Wir sind überzeugt davon, dass die stärkere Verzahnung von strategischen und operativen Aufgaben BAYER voranbringen wird“, bekundet Werner Wenning und Marijn Dekkers pflichtet ihm bei. Die neue Struktur wird unsere Strategie als führendes Life-Science-Unternehmen unterstützen und uns gegenüber dem Wettbewerb noch schlagkräftiger machen“, so der Vorstandsvorsitzende.
„Life-Science“ – unter diesem Label planen Dekkers & Co., die beiden noch verbliebenen Einheiten enger miteinander zu verknüpfen. „In allen Lebewesen, so unterschiedlich sie uns erscheinen mögen, folgen die molekularen Mechanismen gemeinsamen Regeln. Diese Gemeinsamkeiten wollen wir unter einem Dach zu unserem Vorteil nutzen“, erläutert der BAYER-Chef. Als praktisches Beispiel nennt der Konzern dabei die Bergkamener Niederlassung. Sie stellte bisher nur pharmazeutische Produkte her, züchtet jetzt aber auch den Bakterienstamm „Bacillus firmus“ heran, den Grundstoff für BAYERs Bio-Pestizid VOTIVO.
Die für den Anlagebau zuständige Abteilung BAYER TECHNOLOGY SERVICES (BTS) rückt ebenfalls wieder näher an den Konzern heran. Sie verliert mit ihrem Namen auch ihre rechtliche Eigenständigkeit und firmiert fortan einfach unter „Engineering & Technology“. 400 Beschäftigte gab die Sparte an COVESTRO ab, der Umfang der Aufgaben reduziert sich jedoch kaum. Trotzdem kommt es in keinem nennenswerten Ausmaß zu Neu-Einstellungen. Stattdessen will der Global Player mehr mit Partnern zusammenarbeiten: „Künftig wird es bei BAYER für externe Dienstleister deutlich mehr Chancen geben.“
Die IT-Sparte BAYER BUSINESS SERVICES (BBS) bleibt indes weiter außen vor, obwohl sie ebenso wenig wie BTS die mit der Eigenständigkeit verbundene Hoffnung hat erfüllen können, in größerem Volumen Aufträge von außen einzuholen. Immerhin zahlt der Leverkusener Multi der BBS-Belegschaft, die durch das 2010 von Marijn Dekkers verantwortete Sparprogramm arg geschrumpft ist, jetzt wieder den Chemie-Tarif. Auch der Status des Chemie„park“-Betreibers CURRENTA, an dem BAYER seit der Trennung vom Chemie-Geschäft noch 60 Prozent der Anteile hält, ändert sich nicht. Das deutet nicht gerade auf eine gesicherte Zukunft der beiden Gesellschaften im Konzern-Verbund hin.
Jobs will die AG im Zuge des Umbaus nicht vernichten. Sie beabsichtigt, die Zahl der Stellen in den nächsten Jahren auf dem jetzigen Niveau zu halten. „Das ist eine Neuorganisation – und keine Restrukturierung. Deshalb besteht kein Bedarf für Abfindungsprogramme“, betont der Vorstandsvorsitzende. Einen Abbau schließt das trotzdem nicht aus, worauf die BELEGSCHAFTSLISTE, eine alternative IG-BCE-Gewerkschaftsgruppe im Wuppertaler BAYER-Werk, aufmerksam macht: „Wenn die Summe aller Arbeitsplätze in Deutschland wie versprochen stabil bleiben soll, können z. B. für alle Neueinstellungen in gleicher Zahl an anderer Stelle Plätze wegfallen.“
Die Faz begrüßt die Suspensierung der Holding-Form. „Die BAYER-Spitze rückt jetzt enger an den Markt. Der Börse gefällt das, wie die weitere Erholung der BAYER-Aktie am Montag gezeigt hat“, hält die Zeitung am 22.9.15 fest. Das Handelsblatt ist hingegen weniger überzeugt von der Strategie des Unternehmens, „auf das fast schon vergessene ‚Life-Science-Konzept’“ zu setzen. Die Wirtschaftszeitung warnt: „Das ‚Life-Science-Konzept’ hat seine Tücken. Die Leverkusener folgen damit einem Sonderweg, den alle großen Konkurrenten mittlerweile wieder verlassen haben. Pflanzenschutz und Pharma sind hinsichtlich der Marktbedingungen und Kunden zu weit voneinander entfernt, als dass sie gemeinsamen Gesetzen folgten. Alle großen Pharma-Hersteller setzen heute auf das ‚Pure Play’. Dekkers muss die gemeinsame Klammer mit Leben füllen, sonst wird BAYERs Sonderweg vom Finanzmarkt schnell in Frage gestellt.“
So sieht also nicht nur BAYERs ehemalige Kunststoff-Tochter unruhigen Zeiten entgegen, sondern auch die Konzern-Mutter selber.