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Junge Welt

»Es gibt einen Innovationsstau im Agrarbusiness«

Bayer will Monsanto übernehmen: Das birgt Gefahren für Landwirte, Verbraucher und Umwelt. Gespräch mit Jan Pehrke

Interview: Ralf Wurzbacher

Jan Pehrke ist Vorstandsmitglied beim konzernkritischen Bündnis »Coordination gegen Bayer-Gefahren«
www. CBGnetwork.de

Wie Deutschlands führender Chemiekonzern Bayer am Montag mitgeteilt hat, wollen die Leverkusener 62 Milliarden Dollar (rund 55 Milliarden Euro) für eine Übernahme des US-Agrarriesen Monsanto hinblättern. Das Angebot unterstreicht, wie ernst es Bayer mit den in der vergangenen Woche bekanntgewordenen Fusionsplänen ist. Wie denken Sie über das Vorhaben?

Wir verfolgen das mit größter Sorge. Sollte die Transaktion über die Bühne gehen, dann entstünde der mit Abstand größte Agrarmulti der Welt – mit schlimmen Folgen für die Landwirte, die Natur, die Verbraucher und die Beschäftigten der beiden Konzerne. Der Agrarmarkt wird ja heute schon oligopolartig von ganz wenigen Akteuren beherrscht. Mit einer Fusion von Bayer mit Monsanto droht dann sogar ein Lebensmittelmonopol. Das wäre der Super-GAU für Mensch und Umwelt.

Wer mischt heute neben Bayer und Monsanto noch groß im Geschäft mit dem Saatgut mit?

Fünf, sechs Konzerne teilen sich den Markt fast unter sich auf. Und in jüngster Zeit hat sich der Konzentrationsprozess noch einmal deutlich beschleunigt. Chemchina kaufte Syngenta, und Dow will mit Dupont fusionieren. Bereits 2011 brachten es die damals fünf führenden Unternehmen zusammen auf einen Marktanteil von 75,3 Prozent. Zum Vergleich: 1985 hatten die zehn größten Anbieter von Saatgut noch einen Marktanteil von etwa 12,5 Prozent. Bei dem Geschäft mit Pestiziden ist die Lage ganz ähnlich.

Was würden Bayer und Monsanto zusammen auf die Waage bringen?
Der Umsatz im Bereich Agrochemie würde um die 25 Milliarden Euro betragen. Damit wäre man weit vor der Konkurrenz und könnte den Landwirten die Preise noch rigider aufzwingen. Zudem hätte man weniger Anreiz, nach neuen Produkten zu forschen. Es gibt seit langem einen starken Innovationsstau im Agrarbusiness. Ein Bayer-Forscher hat selbst eingeräumt, dass die Branche in den zurückliegenden 25 Jahren »kein wirtschaftlich bedeutendes Herbizid mit neuem Wirkmechanismus mehr für Flächenkulturen entwickelt und auf den Markt gebracht« habe, und nannte als einen Grund dafür die »Konsolidierung der Industrie«. Man hat also über Jahrzehnte nicht richtig geforscht, weil sich auch so mächtige Profite einstreichen ließen. Gegen Glyphosat haben sich inzwischen aber schon so viele Resistenzen ausgebildet, dass das Mittel kaum noch wirkt. Darum müssen die Landwirte immer größere Pestizidmengen ausbringen.

Hat Bayer auf dem Gebiet Besseres zu bieten als Monsanto mit Glyphosat?

Das Bayer-Produkt Glufosinat ist zwar auch schon Jahrzehnte alt. Weil es aber bei weitem nicht so verbreitet ist, stellt sich das Problem mit den Resistenzen viel weniger. Man profitiert also fürs erste von den Glyphosatmängeln, obwohl Glufosinat nicht weniger gesundheits- und umweltschädlich ist und auch schon Resistenzen zutage getreten sind. Tatsächlich machen die großen Agrarkonzerne wegen der Problematik zu einem gewissen Grad auch gemeinsame Sache. So hat man sich gegenseitig Lizenzen auf die jeweiligen Herbizide erteilt, damit die hauseigenen Genpflanzen gleich gegen alle gängigen Unkrautvernichter resistent sind und die Bauern ein bisschen mehr Auswahl haben – eine Notlösung.

Wäre eine Fusion mit Monsanto für Bayer ohne eine Wiederzulassung des Monsanto-Bestsellers Glyphosat in Europa überhaupt lohnend?

Das schon, aber man wird trotzdem alles an Lobbymacht aufbieten, um ein Verbot in der EU zu verhindern. Bayer hat ja auch schon länger Glyphosat im Angebot, da der Wirkstoff nicht mehr patentgeschützt ist. Allein deshalb schon macht der Konzern seinen Einfluss entsprechend geltend.
Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der anstehenden Entscheidung über eine Glyphosat-Wiederzulassung und dem Bayer-Vorstoß, Monsanto zu schlucken?
Nein, da spielten eher strategische Gründe eine Rolle. Aber es ist zu befürchten, dass Politiker den Fall anders bewerten, wenn es plötzlich um »unser Glyphosat« geht. Auch könnte die Diskussion um die Gentechnik eine andere Wendung nehmen, wenn ein deutscher Konzern wie Bayer dort stärker als bisher mitmischt.