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Neues Deutschland - The Bad & the Ugly
Jan Pehrke - Coordination gegen Bayer Gefahren

The Bad & the Ugly

Neues Deutschland, 20. Mai 2016
von Jan Pehrke

Wenn Vertreter der „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ beim alljährlichen „March against Monsanto“ sprachen, war es gar nicht so leicht, sich für das Sündenregister BAYERs Gehör zu verschaffen. Als unfreiwilliger Blitzableiter der Branche lenkte der Konzern aus St. Louis nämlich immer auch vom Treiben der anderen Agro-Riesen ab. Dabei brauchte sich der bundesdeutsche Global Player beileibe nicht hinter Monsanto zu verstecken. Was dem US-Unternehmen sein Glyphosat, das ist dem Leverkusener Multi sein Glufosinat, was dem US-amerikanischen Agro-Riesen seine Gen-Pflanzen der Produktreihe „ROUND UP“, das sind seinem deutschen Pendant die LIBERTY-LINK-Ackerfrüchte. Gesundheitsschädliche Chemikalien wie Polychlorierte Biphenyle PCB) haben beide bis zum Verbot in Massen produziert, und während des Vietnam-Kriegs standen beide Gewehr bei Fuß, um nach Kräften den „Herbicidal warfare“ zu unterstützen. An Kriegserfahrung hat Bayer Monsanto sogar noch einiges voraus: Die Gesellschaft probierte schon im Ersten Weltkrieg das Zwangsarbeiter-System aus und entwickelte Chemie-Waffen. Seit 1925 schließlich gehörte sie mit zum Mörder-Konzern IG Farben, der in Auschwitz ein eigenes KZ unterhielt. Und jetzt zeigt zudem das Milliarden-Gebot Bayers für Monsanto eindeutig, wie die Kräfte-Verhältnisse im Gewerbe ausschauen.

„Wer das Saatgut kontrolliert, beherrscht die Welt“, hat Henry Kissinger einmal gesagt, und Baysanto würde darüber hinaus auch noch weitgehend das Geschäft mit den Pestiziden und den Genpflanzen kontrollieren. Der Leverkusener Multi errechnet in seinen Werbe-Broschüren zum Coup auf Basis der 2015er Zahlen stolz einen gemeinsamen Umsatz von 23,1 Milliarden Dollar. Damit gelangt BAYER eindeutig auf die Top-Position im Ranking der Agro-Multis. Der Zweitplatzierte bringt es, obwohl gleichfalls gerade frisch fusioniert, auf gerade einmal 14,8 Milliarden.

Ein solcher Deal hätte also weitreichende Folgen. Landwirte, Verbraucher, Beschäftigte und deutsche Bayer-Standorte bekämen sie gleichermaßen zu spüren. Die Farmer leiden auch bisher schon unter einem Oligopol, das ihnen hohe Preise für ihre Betriebsmittel wie Saatgut und Pestizide aufzwingt und zudem nur eine begrenzte Auswahl bereithält. Die gängigsten Agrochemikalien haben schon über 40 Jahre auf dem Buckel und verlieren zunehmend ihre Wirkkraft. Besonders gegenüber Glyphosat haben viele Wildpflanzen bereits Resistenzen herausgebildet. Die Gründe für diese Situation benennt BAYER ganz offen. „Seit über 25 Jahren hat die weltweite Pflanzenschutz-Industrie kein wirtschaftlich bedeutendes Herbizid mit neuem Wirkmechanismus mehr für Flächen-Kulturen entwickelt und auf den Markt gebracht – unter anderem eine Folge der Konsolidierung der Industrie, die mit einer deutlichen Reduktion der Forschungsaufwendungen für neue Herbizide einherging“, so der Forscher Dr. Hermann Stübler.

Auch die Effekte auf die Lebensmittel-Produktion wären enorm. Einen „bedeutend größeren Fußabdruck auf dem Globus“ würden die zusammengelegten Geschäfte der beiden Firmen hinterlassen, frohlockt Bayer. Weizen, Mais, Soja, Gemüse-Sorten – all das trudelte der Welt vornehmlich aus Leverkusener Landen auf den Tisch.

Für die bei Unternehmensübernahmen immer in Anschlag gebrachten „Synergie-Effekte“ schließlich hätten nicht zuletzt die Beschäftigten zu sorgen. Vor Arbeitsplatz-Vernichtung will Bayer ausdrücklich nur die bundesdeutschen Belegschaften verschonen. Und auch die Standort-Städte müssen den Deal fürchten. Ihnen ist die letzte Einkaufstour des Multis von 2014 noch in denkbar schlechter Erinnerung. Er setzte den Kauf einer Merck-Sparte nämlich von der Steuer ab und trieb damit seinen Stammsitz Leverkusen noch tiefer in die Verschuldung.

Die Monsanto-Akquisition hätte also gravierende Konsequenzen. Das interessiert den Markt jedoch nicht. Schon seit einiger Zeit ist dort ein munteres Monopoly-Spiel im Gange: Dupont fusionierte mit Dow, ChemChina erwarb Syngenta, und nun ist BAYER am Zug. Es ist ein Spiel um eine äußerst ernste Sache: die menschliche Ernährung. Und diese darf nach Meinung der Coordination gegen BAYER-Gefahren nicht einer Hand voll Unternehmen überlassen bleiben. Sie fordert, die Konzerne unter gesellschaftliche Kontrolle zu stellen und arbeitet momentan gemeinsam mit einem breiten Bündnis daran, Baysanto zu verhindern.