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STICHWORT BAYER 04/2016

IG FARBEN & heute

Nachruf auf Elie Wiesel

„Nie werde ich das vergessen“

Am 2. Juli 2016 starb der Schriftsteller Elie Wiesel. Im Alter von 14 Jahren kam er gemeinsam mit seiner Familie nach Auschwitz. Er leistete dort Zwangsarbeit für die von BAYER mitgegründeten IG FARBEN und durchlitt im konzern-eigenen KZ Monowitz Höllenqualen. Rund 50 Jahre später bat der damalige US-Chef des Leverkusener Multis ihn „für die Taten der IG FARBEN und des deutschen Volkes“ um Verzeihung. Die Unternehmenszentrale in Deutschland tat dies jedoch als eine persönliche Geste ab. Zu einer offiziellen Entschuldigung bei Wiesel und den zahllosen anderen Opfern der IG konnte der Global Player sich bis heute nicht durchringen.

Von Jan Pehrke

„Ihr seid in Auschwitz. Und Auschwitz ist kein Erholungsheim, sondern ein Konzentrationslager. Hier wird gearbeitet. Sonst geht ihr in den Schornstein. In die Gaskammer. Arbeiten oder Gaskammer – ihr habt die Wahl“, mit diesen Worten begrüßte ein SS-Offizier im Frühjahr 1944 den 14-jährigen Elie Wiesel und seine LeidensgenossInnen.

Die Wahl trafen allerdings ganz andere, zum Beispiel der berüchtigte SS-Arzt Josef Mengele. Er ließ den Jungen, der mit seiner Familie aus dem rumänischen Sighet ins Lager verschleppt worden war, gemeinsam mit den anderen neuen Gefangenen gleich nach der Ankunft zu einem zynischen Defilee antreten. Um bei der Fleischbeschau zu bestehen, machte Wiesel sich auf Anraten eines erfahreneren Mithäftlings um vier Jahre älter und gab sich zudem als Landarbeiter aus – wer weiß, ob er sonst die ersten Tage in Auschwitz überstanden hätte.

So aber hieß es „arbeiten“. Elie und sein Vater mussten auf die Baustelle der vom BAYER-Konzern mitgegründeten IG FARBEN in Monowitz, während seine Mutter und seine drei Schwestern nach Birkenau kamen. „Die IG FARBENINDUSTRIE hat mit dem Projekt Auschwitz einen Plan zu einer neuen Werksgründung größten Ausmaßes entworfen. Sie ist entschlossen, unter Einsatz ihrer besten Kräfte ein lebendiges Werk aufzubauen, das sich ebenso gestaltend auswirken wird wie die vielen anderen Anlagen in West- und Mitteldeutschland. Die IG FARBENINDUSTRIE erfüllt damit eine hohe Pflicht, auf ihre Weise mitzuwirken und alle Kräfte einzusetzen, dass diese Industriegründung zu einem festen Eckpfeiler wird für ein kräftiges, gesundes Deutschtum im Osten“, hatte der IG-Manager Otto Ambros am 7. April 1941 erklärt1.

Billige Arbeitskräfte
Bei dieser Mission hatte Auschwitz einen großen Standort-Vorteil zu bieten: die Verfügungsgewalt über ein Heer billiger ArbeiterInnen zum Aufbau der Fertigungsstätte. Vier Reichsmark pro Tag für Fachkräfte zahlte die IG an die SS, drei Reichsmark für Hilfskräfte – alles inklusive. In diesem Preis war sowohl die Verpflegung als auch die „Lieferung frei Haus“ aus dem sechs Kilometer von Monowitz entfernten Auschwitz enthalten. Da der tägliche Fußmarsch die Gefangenen zusätzlich entkräftete und so den Wert ihrer Arbeitskraft senkte, entschloss sich die IG FARBEN jedoch Anfang 1942, gleich neben der Baustelle das konzern-eigene KZ Monowitz/Buna zu errichten.
Zwölf Stunden lang musste der junge Elie in Monowitz schwere Steinblöcke schleppen. Besonders schlimm war das im Winter. „Die Steine waren so kalt, dass sie an den Händen zu kleben schienen, sobald man sie berührte“, schreibt Wiesel in seinem Buch „Die Nacht“. Und früher war alles sogar noch schlimmer, erfuhr der 14-Jährige von Mithäftlingen: „Damals war Buna die wahre Hölle. Es gab kein Wasser, keine Decken, und weniger Suppe als heute. Nachts schlief man fast nackt, und das bei 30 Grad unter Null. Jeden Tag sammelte man die Leichen zu Hunderten ein.“ Noch 1944 waren die Lebensbedingungen so schlecht, dass sogar die SS-Ärzte auf eine Verbesserung der Situation drangen. Aber der IG-Betriebsführer Walther Dürrfeld lehnte es strikt ab, mehr Krankenhaus-Plätze zu schaffen oder andere Maßnahmen in die Wege zu leiten. „Warum mehr in die Häftlinge investieren und so die Arbeitskosten erhöhen, wenn es doch schier unbegrenzt Nachschub gab?“, fragten sich Dürrfeld & Co. und gingen stattdesssen den umgekehrten Weg. Sie kürzten die Zuwendungen an die SS. So zahlte die IG FARBEN etwa nur noch für zwei bis drei Wochen Krankengeld. Wer länger arbeitsunfähig war, der unterschrieb damit sein Todesurteil.

Zudem drängten die Konzern-Manager die Nazi-Organisationen, ein strengeres Regiment zu führen. „Eine Sorge, die von Woche zu Woche brennender wird, bildet die ständig abnehmende Arbeitsmoral auf der Baustelle. So werden z. B. Reklamationen bei der Gestapo wegen Behandlung von uns gemeldeter Arbeitsbummelanten mit dem einfachen Hinweis beantwortet, dass sich die Gestapo nicht drängeln ließe. Diese Tatsache allein zeigt, dass man dort noch nicht erkannt hat, um was es geht“, empörte sich etwa der IG-Bauleiter Max Faust. Er wusste auch sogleich Abhilfe: „Bezüglich der Behandlung der Häftlinge habe ich zwar stets dagegen opponiert, dass Häftlinge auf der Baustelle erschossen oder halbtot geschlagen werden. Ich stehe jedoch auf dem Standpunkt, dass eine Züchtigung in gemäßigten Formen unbedingt notwendig ist, um die nötige Disziplin unter den Häftlingen zu wahren.“

Die Selektionen
Das Mittel der Wahl, um die Arbeitsleistung nicht abfallen zu lassen, waren für die IG aber die Selektionen. Diese fanden immer dann statt, wenn die Krankenstation keine Betten mehr frei hatte oder der Krankenstand eine bestimmte Quote überstieg. Beschwerden über einzelne Gefangene konnten ebenfalls als Anlass dienen. Dabei machten die Schergen die Entscheidung über „Arbeiten oder Gaskammer“ auch immer davon abhängig, wie erfolgreich es der Wehrmacht auf ihren Feldzügen gelang, neue Arbeitskräfte-Reservoirs für Monowitz auszuheben. Oftmals kam es gleich nach den Dienstbesprechungen zwischen IG und SS zu Selektionen. Die Aussonderungen selber nahmen SS-Ärzte vor. Kurzzeitig betraute der Mörder-Konzern sogar einen eigenen Angestellten mit dieser Aufgabe: den BAYER-Mediziner Helmuth Vetter, der „hauptberuflich“ jedoch medizinische Experimente mit den Häftlingen durchführte.
Was es für die KZ-InsassInnen bedeutete, wenn es galt, „den Gesamtbestand an Häftlingen auf seine Arbeitsfähigkeit zu überprüfen“, wie es offiziell hieß, schildert Elie Wiesel in seinem Buch2. Das Unheil kündigte sich mit einem Verbot an, abends den Block zu verlassen. „Bald darauf lief ein schreckliches Wort durch das Lager: die Selektion“, schreibt Wiesel2. Fieberhaft bereiteten die Gefangenen sich darauf vor und versuchten etwa verzweifelt, mit sportlichen Übungen etwas Farbe in ihre ausgemergelten Gesichter zu bringen. Wiesel folgte dem Rat eines älteren Gefangenen, möglichst schnell an Mengele und seinen Helfershelfern vorbeizulaufen, um auf diese Weise seine Gesundheit zu demonstrieren. Und es gelang ihm schließlich auch, dem kritischen Blick der ÄrztInnen standzuhalten. Aber sein Vater erlitt einen Schock: Er fand sich auf der Liste der Mediziner wieder und musste ein zweites Mal antreten. Er wollte dem Sohn schon all seine „Kostbarkeiten“ – ein Messer und einen Löffel – abtreten, kam aber schließlich doch noch einmal mit dem Leben davon.
Selbst den Todesmarsch von Auschwitz nach Buchenwald, zu dem die Nazis die Gefangenen zwangen, weil die Rote Armee sich Auschwitz näherte, überlebte Shlomo Wiesel. Unter großen Anstrengungen überstand er die 70 Kilometer lange Strecke bei bitterer Kälte bis nach Gleiwitz und die anschließende strapaziöse Reise in Viehwaggons zum endgültigen Bestimmungsort.

Erst in Buchenwald verließen ihn endgültig die Kräfte. Auch seine Frau Sarah und seine jüngste Tochter Tsipora starben im Lager, während Beatrice und Hilda ebenso wie Elie dem Tod entrinnen konnten. Wiesels Zeit in Auschwitz, die ihn schon in der ersten Nacht zu der Wehklage „Nie werde ich das vergessen“ bewegte, endete nach der Befreiung in seinem Krankenzimmer mit dem ersten Blick in den Spiegel seit langer Zeit. „Aus dem Spiegel blickte mich ein Leichnam an. Sein Blick verlässt mich nie mehr“, lauten die letzten Zeilen von „Die Nacht“.
Nach dem Krieg kam Elie gemeinsam mit 400 weiteren Kindern, die in den KZs ihre Eltern verloren hatten, nach Frankreich. Ein von einer jüdischen Organisation geleitetes Waisenhaus in der Normandie nahm den Jungen und seine Schwestern Beatrice und Hilda auf. Nach dem Abitur studierte Wiesel in Straßburg und Paris und arbeitete anschließend als Journalist. Das Thema „Auschwitz“ allerdings mied er. Erst Mitte der 1950er Jahre konnte Elie Wiesel sich dieser Erfahrung stellen. Den Anstoß dazu gab eine Begegnung mit dem französischen Schriftsteller François Mauriac. Auf einer Schiffsreise brach dann ein 862 Seiten starkes Konvolut aus Wiesel heraus, nicht von ungefähr in seiner Muttersprache Jiddisch geschrieben. Stark gekürzt, entstand daraus schließlich „Die Nacht“. Die französische Fassung erschien 1958. Zwei Jahre später folgte die Übersetzung ins Englische. Zunächst verkaufte sich das Buch schlecht; erst allmählich fand es Absatz. Schlussendlich entwickelte es sich jedoch zu einem Welterfolg.

Die (Nicht-)Entschuldigung
Wiesel ließen die dunklen Jahre fortan nicht mehr los. Unzählige Werke, Reden und Aufsätze widmete er ihnen, immer wieder trat er als Mahner auf. Noch als über 80-Jähriger hielt er 2009 eine Rede in Buchenwald. Zu einer denkwürdigen (Wieder)Begegnung mit BAYER kam es im Jahr 1995. An seinem US-amerikanischen Stammsitz in Pittsburgh unterstützte der Leverkusener Multi die dortige jüdische Gemeinde seit Längerem mit großzügigen Spenden. Auch eine „Anne Frank“-Ausstellung, zu der Elie Wiesel als Redner eingeladen war, sponserte der Pharma-Riese. Eine Gruppe um den Historiker David Rosenberg, die dieses Engagement kritisch sah, weil der Konzern es nicht mit einer Aufarbeitung seiner Rolle im „Dritten Reich“ verband, kontaktierte Wiesel daraufhin und machte ihn auf den großen Anteil BAYERs an der unheilvollen Geschichte der IG FARBEN aufmerksam. Der Schriftsteller reagierte prompt und sagte die Veranstaltung ab. Daraufhin griff der damalige US-Chef von BAYER, Helge Wehmeier, persönlich zum Telefon und bot Wiesel an, öffentlich eine Entschuldigung für die damaligen Verbrechen auszusprechen, wenn er sich umstimmen ließe. Elie Wiesel willigte ein, und Wehmeyer hielt Wort. Vor einem Publikum von rund 1.800 Menschen erklärte der BAYER-Manager, dass er „Elie Wiesel und alle anderen Betroffenen für die Taten der IG FARBEN und des deutschen Volkes um Entschuldigung bitte“. „Trauer, Bedauern und Scham“ brachte Wehmeier zum Ausdruck.

An die Presse geben wollte BAYER die Rede jedoch zunächst nicht. David Rosenberg und seine Mitstreiter vom COMMITTEE FOR APPROPRIATE ACKNOWLEDGMENT (Komitee für einen angemessenen Umgang mit der Schuld, Anm. SWB) mussten gehörig Druck aufbauen, bis der Multi sich doch noch bereitfand, die Worte Wehmeiers einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Und die Konzern-Zentrale in Deutschland tat alles, um den Akt als eine persönliche Angelegenheit des Managers darzustellen. Eine offizielle Entschuldigung von Seiten des Konzerns für seine Untaten während der NS-Zeit – dazu erklärte sich der Multi nicht bereit, 1995 so wenig wie 1945. Es existierte noch nicht einmal ein Schuldbewusstsein. Bei den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen zu Buna und der Zwangsarbeit befragt, antwortete das ehemalige IG-Vorstandsmitglied Fritz ter Meer schlicht: „Den Häftlingen ist dadurch kein besonderes Leid zugefügt worden, da man sie ohnedies getötet hätte.“ Die RichterInnen folgten solch fadenscheinigen Entlastungsversuchen nicht und verurteilten ter Meer zu sieben Jahren Haft. Noch 1988 prangerte BAYERs Firmen-Chronik „Meilensteine“ dies als Sieger-Justiz an: „In der Industrie war man bestürzt über dieses Urteil. Man wusste, dass ter Meer kein Nazi gewesen war.“ Die Bestürzung brauchte damals allerdings nicht lange anzuhalten. Da der heraufziehende Kalte Krieg ein milderes Klima für die Verbrecher des alten Krieges mit sich brachte, kam der IG-Manager wegen „guter Führung“ schon nach zwei Jahren frei – und heuerte flugs wieder bei BAYER an. Noch lange nach seinem Tod ließ es sich der Leverkusener Multi nicht nehmen, Blumen auf seinem Grab niederzulegen. Erst nach energischer Kritik der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN stellte der Konzern diese Gedenkpraxis ein.
Selbst in den späten 1990er Jahren, als die ZwangsarbeiterInnen ihre Ansprüche geltend machten und die Vergangenheit den Leverkusener Multi damit massiv einholte, zeigte er sich nicht zu einer Entschuldigung für die Konzern-Verbrechen wie etwa den rund 30.000 Toten von Buna und den ca. 300.000 von der IG versklavten ArbeiterInnen bereit. David Rosenberg war 1999 extra nach Deutschland zur BAYER-Hauptversammlung gereist, um den Global Player dazu zu bewegen, sich seiner Geschichte zu stellen. Aber das Management erteilte ihm eine schnöde Abfuhr. Es erklärte sich schlicht für nicht zuständig. Er hätte Dinge vorgetragen, die BAYER als Unternehmen nicht beträfen, da es 1951 neu gegründet worden sei, gab der damalige Vorstandschef Manfred Schneider Rosenberg zu verstehen. Mit all dem, was vorher war, hatte die Aktiengesellschaft nach Ansicht des Großen Vorsitzenden deshalb nichts mehr zu tun. Die Vorstandsriege des Jahres 1999 könne sich nicht für etwas entschuldigen, wofür sie nicht selbst verantwortlich ist, so seine Worte sinngemäß. Und in Sachen „Entschädigung“ für die ZwangsarbeiterInnen verwies Schneider auf die Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“.
An diese hatten BAYER & Co. die Forderungen der SklavenarbeiterInnen delegiert. Und obwohl die Unternehmen nur 50 Prozent des Stiftungskapitals aufbringen mussten, weil der Staat die andere Hälfte beisteuerte, geizten die Konzerne mit Zahlungen und zogen die Verhandlungen mit den Opferverbänden schamlos in die Länge. Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN schaltete sich deshalb gemeinsam mit dem COMMITTEE FOR APPROPRIATE ACKNOWLEDGMENT in diesen Prozess ein. Im Rahmen dieser transatlantischen Kooperation reiste der damalige CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes auf Einladung der jüdischen Gemeinde von Pittsburgh zusammen mit dem ehemaligen Zwangsarbeiter Hans Frankenthal sogar zu einer Konferenz über den großen Teich, um dort für eine angemessene Entschädigung einzutreten.

Und kleine Spuren hat das Engagement der beiden Gruppen in der Stadt bis heute hinterlassen. Der in Pittsburgh erscheinende Jewish Chronicle kam in seinem Nachruf auf Elie Wiesel nicht umhin, an die Wehmeier-Entschuldigung, aus der dann keine BAYER-Entschuldigung wurde, zu erinnern.

1 zit. n. Otto Köhler: Unsere Welt in Auschwitz; junge Welt 7.4.16

2 leicht korrigierte Übersetzung