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125 Jahre Bayer in Leverkusen

125 Jahre Bayer in Leverkusen

Ministerpräsidentin Kraft soll Kritik üben

Leverkusener Anzeiger, 7. Dezember 2016

Leverkusen - Werner Baumann ist verhindert. Bayers Vorstandschef schickt den Arbeitsdirektor Hartmut Klusik. Patrick Thomas kann auch nicht. Der Erste Mann bei Covestro lässt sich von Klaus Schäfer vertreten, dem Produktionschef. Immerhin: Lanxess wird durch Matthias Zachert repräsentiert. Hannelore Kraft wird auf dem Festakt heute also wenigstens auf einen Vorstandsvorsitzenden treffen.

Bayer, Covestro, Lanxess. Diese drei stehen für das, was zu feiern ist im Erholungshaus: 125 Jahre Werk am Rhein. Fast auf den Tag übrigens: Am 5. Dezember 1891 unterschrieben Vertreter der Farbenfabriken Bayer und der Firma Dr. Carl Leverkus den Kaufvertrag über ein Firmengelände bei Wiesdorf. Damit befreite sich Bayer aus der Enge des Wuppertals. Und Carl Duisberg plante ein Werk, das beispielhaft organisiert war – und mit 460 Hektar Fläche noch immer einer der größten Chemiestandorte der Welt ist.

Festakt durchgeplant

Strikt durchgeplant ist auch der Festakt zum großen Jubiläum. Für die Ministerpräsidentin sind exakt zehn Minuten vorgesehen. Hannelore Kraft muss sich kurz halten. Direkt danach wird sie wohl wieder gen Düsseldorf entschwinden. Es sei denn, die Landesmutter macht bei den Demonstranten vor dem Haus halt. Einige Bürgerinitiativen werden den Kraft-Besuch nutzen, um gegen die Autobahn-Planung auf die Straße zu gehen. Und zwar die Nobelstraße.

Viel Entgegenkommen kann aber nicht sein. Krafts Verkehrsminister Michael Groschek steht zu 100 Prozent hinter der Lösung mit einer riesigen neuen Rheinbrücke. Und schon die halten zumindest das Netzwerk gegen Lärm und assoziierte Vereinigungen für falsch. Völlig auszuschließen ist, dass die Ministerpräsidentin die Bayer-Feierstunde durch massive Kritik am Konzern stört. Aber genau das wünscht sich die „Coordination gegen Bayer-Gefahren“. Deren Geschäftsführer Antonius Michelmann hat Kraft aufgefordert, „in ihrer Laudatio das lange Sündenregister des Unternehmens nicht auszuklammern“.

Legale Steuertricks

Zuallererst nennt der Bayer-Ankläger die niedrigen Zahlungen an Gewerbesteuer. Mit „1000 legalen Steuertricks“ entziehe sich der Konzern der Verpflichtung, sich an der Finanzierung der städtischen Infrastruktur direkt zu beteiligen. Die Folgen daraus bekomme die Ministerpräsidentin auch im Landeshaushalt zu spüren. Leverkusen braucht Geld aus dem Stärkungspakt, dem Notprogramm für die Ärmsten der Armen in NRW. Tatsächlich hat Hannelore Kraft jemandem im Kabinett sitzen, der immer wieder über mangelnde Steuermoral redet und das Rennen um die niedrigste Abgabenlast geißelt: Norbert Walter-Borjans. Der Finanzminister geht allerdings nie so weit, Unternehmen frontal anzugreifen. Diese Zurückhaltung wird die Regierungschefin garantiert nicht aufgeben.

Auch weitere Anklagepunkte dürfte Kraft in ihrem Grußwort kaum unterbringen. Nicht nur, weil sie stetig wiederholt werden. Sondern weil Bayer zu behaupteten Pestizid-Vergiftungen, Medikamenten-Skandalen, chemischen Kampfstoffen oder dem Einsatz von Zwangsarbeitern im Zweiten Weltkrieg eine andere Auffassung vertritt als seine Kritiker. Dazu kommt, dass sich Hannelore Kraft in die Höhle des Löwen begibt. Auch wenn Werner Baumann und Patrick Thomas nicht da sind.

Quelle: www.ksta.de/25235212