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Umstrittene Fusion „Ihr vergiftet unsere Äcker“ - Proteste bei Bayer-Hauptversammlung

Umstrittene Fusion

„Ihr vergiftet unsere Äcker“

Proteste bei Bayer-Hauptversammlung

Leverkusener Anzeiger, 28. April 2017

Ralf Krieger| Leverkusen

Mit Bayers geplantem 60-Milliarden-Kauf von Monsanto wollen sich die Leverkusener die Vorherrschaft im weltweiten Agrochemie- und Saatguthandel verschaffen.

Vor und während der Bayer-Hauptversammlung in Bonn zeigte sich aber, dass sich das über 150 Jahre alte Unternehmen mit dem Kauf auch eine neue, stärkere Protestkultur einhandeln wird.

Der Zwischenruf eines Landwirts während der Rede des Vorstandsvorsitzenden Werner Baumann, „Ihr vergiftet unsere Äcker“, war nur die Spitze.

Das hat es weit über ein Jahrzehnt nicht mehr auf Bayers Hauptversammlungen gegeben: Dem Ausrufer gelang es, die Tribüne zu betreten. Zusätzlich gelang es der „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ (CBG), am Oberrang im Bonner World Conference Center „Menschenrechte statt Profite“ anzuheften.

Anschließend drückten sich in allen Ecken des Saals noch mehr Sicherheitsleute herum, als vorher schon.

Bayer verkündete neue Rekordzahlen, die Sicherheitsmaßnahmen erreichen aber augenscheinlich auch ein neues Niveau. Baumann schien irritiert zu sein, seine Stimme bekam für ein paar Minuten einen unsicheren Ausdruck, der Krefelder konnte seine Rede aber ohne weitere Proteste zu Ende bringen.

Kundgebung mit Tradition

So wie Störungen im Saal in den letzten Jahren ausgeblieben waren, haben die Demonstrationen vor dem Haupteingang Tradition. Aber auch hier hat sich etwas verändert. Die Proteste sind weitaus internationaler geworden.

Das Reizwort Monsanto zieht ganz neue Bayer-Kritiker an. Misereor etwa. Das katholische Hilfswerk ist erstmals vor Ort um den Aktionären ins Gewissen zu reden, die an den Protestplakaten vorbei müssen, wenn sie in den Saal ziehen. Und es wurde mehr spanisch gesprochen, weil Monsanto in Südamerika aktiv und bei Kleinbauern auch berüchtigt ist.

Ein Effekt des Umzugs mit der Hauptversammlung nach Bonn ist auch: Weniger Leverkusener waren vor Ort. Nur ein Pärchen, das etwas verspätet mit der Bahn aus der 50 Kilometer entfernten Chemiestadt angereist war, hielt ein Banner „Kein Eingriff in die Deponie“ hoch. Von den Leverkusener Grünen war eine Gruppe angereist, die sich gegen das Monsanto-Geschäft aussprachen.

Christoph Kühl, Vorsitzender des Leverkusener Kreisverbands, sagte, dass Bayer ja eigentlich schon keine Anbindung mehr an die Stadt Leverkusen habe. Dass die Hauptversammlung jetzt so weit weg sei, spiele für ihn kaum eine Rolle.

Sein Protestansatz sei eher global zu verstehen, aber er sorge auch schon um Arbeitsplätze in der Region, auch wenn es noch keine konkreten Anhaltspunkte gebe. Kühl liegt auf der offiziellen Linie der Grünen, die die Fusion ablehnen: „Fusionen sind ja in der Regel wirtschaftlich gar nicht erfolgreich.“ Später redeten Renate Künast und Anton Hofreiter, die sich morgens unters Volk mischten.

Gleich mehrere Protest-Trecker standen vor dem Haupteingang. Es gab schon früher Landwirte, die gegen Bayer protestierten. Jetzt bestimmten sie das Bild.

Einen großen, rostigen, heftig zischenden Dampfgarkessel hatte Gerhard Portz von der Mosel mitgebracht, der erstmals bei einer Bayer-Hauptversammlung protestierte. „Ich bin ein Bauer“, sagte er, „unser Saatgut gehört uns. Wir sind gegen Patente auf Pflanzen und Tiere, wie Bayer und Monsanto sie haben.“

Das könne nicht so weitergehen, Pflanzen sollten auch für seine Kinder noch frei zur Verfügung stehen. Er und seine Mitstreiter verfeuerten symbolisch Gen-Patente und Fusionsverträge in dem fauchenden Kessel.

Für den Leverkusener Oberbürgermeister ist die Bayer-Hauptversammlung ein fester Termin. Uwe Richrath eilte durch das Spalier an Demo-Bannern. Die Fusion sei eine Konzern-Entscheidung, sagte er ganz neutral auf die Frage, wie er zu der anstehenden Fusion stehe. Aber die Hauptversammlung hätte er gerne weiterhin in Köln, sagte der Rathaus-Chef.

Für die Coordination gegen Bayer-Gefahren wird die Hauptversammlung 2017 noch länger ein Thema bleiben: Sie sitzen auf mehr als 10 000 Euro Anwalts- und Gerichtskosten, weil sie sich erst vor dem Oberverwaltungsgericht Münster etwa ein Fünftel des Platz der Vereinten Nationen vor dem Kongresszentrum erstreiten musste.

Zusätzlich zu den eigenen Anwaltskosten habe Bayer der Coordination auch noch die bei Bayer entstandenen Gebühren aufgedrückt, sagte ein CBG-Sprecher.

Dass Monsanto ein Image-Problem hat, bekannte auch Werner Baumann in seiner Rede. Das, sagte er, sei auch ein Ergebnis von Kampagnen, die sich gegen das Unternehmen richteten.

Twitter

Auch bei Twitter prallen die unterschiedlichen Meinungen aufeinander. Dort reagiert das Unternehmen auf einen Tweet der Grünen-Politikerin Renate Künast.