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STICHWORT BAYER 03/2004

Des Mörderkonzerns williger Helfer

Ludwig Erhard und die IG FARBEN

Anlässlich des 60. Jahrestags des Attentats auf Adolf Hitler mehren sich Berichte über den Initiator des deutschen "Wirtschaftswunders" und Gestalter der "sozialen Marktwirtschaft", Prof. Dr. Ludwig Erhard. Mit dem Ansinnen, ihn zum Widerstandskreis der Männer um den 20. Juli zu zählen, wird von seiner wirklichen Rolle als Retter deutscher Kriegsverbrecher-Konzerne abgelenkt.

Von Janis Schmelzer

Seit 1943 diente Ludwig Erhard der Reichsgruppe Industrie und den IG FARBEN als wirtschaftswissenschaftlicher Berater. In dieser Eigenschaft war er in die Pläne der Rettung deutscher Vermögen durch Überführung in die Schweiz eingeweiht. Nach 1945 konnte er seine politische Karriere für deren Rückführung aus der Schweiz nutzen. Dabei halfen enge Kontakte zur "Gesellschaft der Schildner zum Schneggen", einer Schweizer Vereinigung pro-deutscher Bankiers, Professoren, Fabrikanten, Anwälte und Ingenieure. In einem Rückblick auf die ersten Nachkriegsjahre berichtet die "Handelskammer Deutschland-Schweiz": "Man kann es sich heute kaum vorstellen, was damals dazugehörte, sich für eine Beziehung zu Deutschland einzusetzen und sogar dafür zur Verfügung zu stehen. Die Zivilcourage war diesen 'Männern der ersten Stunde' eigen und liess sie ihre vorsichtig gesteckten Ziele erreichen."
Ab 1955 traf Erhard seine Schweizer Kollegen in neuer Funktion. Zu einem direkten Partner aus der Kriegszeit zählt Dr. Heinrich Homberger (1896-1980). Homberger, die führende Persönlichkeit des "Spitzenverbandes der Schweizerischen Wirtschaft" gilt als Architekt der Schweizerischen Außenwirtschaftspolitik im Zweiten Weltkrieg. Unmittelbar nach dem Überfall des faschistischen Deutschlands auf Frankreich erklärte Homberger: "Wir haben nun gute Vorwände, um die Lieferungen an die Westmächte zurückzuhalten (...). Wir können Deutschland zeigen, dass wir bestrebt sind, das zu liefern, was wir in der Lage sind." Aus dem Protokoll einer internen Besprechung der schweizerisch-deutschen Verhandlungsdelegation vom 13.Juni 1940 geht hervor, dass Homberger der deutschen Seite Vorschläge für ein Lieferprogramm unterbreiten werde, an denen die Wehrmacht tatsächlich interessiert war. Neueste Forschungsergebnisse erweitern die Rolle Hombergers als zentrale Figur für Fragen der Nachkriegswirtschaft. Von deutscher Seite signalisierte ein kleiner Kreis den Wunsch nach Partnerschaften mit neutralen Staaten über das Schweizer "Komitee" . Dieses "Komitee" bestand aus einer "Dreiergruppe" der Schweizer Großbanken, namhafter Industrie-Firmen und den zuständigen Bundes-Ressorts.
Hans Kehrl, Präsident der Reichswirtschaftskammer und Hauptabteilungsleiter im Reichswirtschaftsministerium, der über umfangreiches Material zu den Nachkriegsvorstellungen der Neutralen und befreundeten Länder verfügte, erklärte in einer Rede im März 1944: "Die deutsche Staatsführung will und kann im gegenwärtigen Zeitpunkt keine Generallinie für die deutsche Konzeption einer wirtschaftlichen Nachkriegsgestaltung des kontinentaleuropäischen Raumes geben". Kehrl selbst fühlte sich berufen, sich für diese Aufgabe im Interesse der deutschen Konzerne einzusetzen.
Im Auftrag von Kehrl nahmen der Leiter der Deutschen Industriekommission und IG-FARBEN-Vertreter Major Dr. Heinrich Gäfgen sowie der Leiter der Abteilung "Außenwirtschaft" der Reichsgruppe Industrie, Dr. Karl Albrecht, im Frühjahr 1944 direkte Verbindungen zu den zuständigen schweizerischen Bundesressorts über Homberger auf. Albrecht besuchte im April 1944 Homberger mit dem Ergebnis einer "vertrauensvollen Zusammenarbeit" beider Gremien. Im Mai 1944 zog Albrecht den Leiter der Volkswirtschaftlichen Abteilung der IG-FARBEN-Spionagezentrale "Büro Berlin NW 7", Dr. Reithinger, und den Leiter des Industrieforschungs-Instituts in Nürnberg, Dr. Ludwig Erhard hinzu.
Die Reichsgruppe "Industrie" und die IG FARBEN legten fest: Auf der Grundlage der Akten "wird Herr Dr. Erhard eine systematische und kritische Darstellung der Schweizer Nachkriegsvorbereitung ausarbeiten". Um den 20. Juli 1944 herum befasste sich Erhard eingehend mit den aus der Schweiz erhaltenen Informationen, um die Haltung der Schweizer Regierung und der Schweizer Wirtschaftskreise zu den deutsch-schweizerischen Wirtschaftsbeziehungen für die Nachkriegszeit zu erforschen. Die unabhängige Expertenkommission "Schweiz-Zweiter Weltkrieg" legt im Band 9 "Tarnung, Transfer, Transit" den heutigen Erkenntnisstand zur seinerzeitigen Haltung der Schweizer Behörden gegenüber den deutschen Produktionsverlagerungen und Verschiebungen dar. Demnach waren die zuständigen Bundesressorts, darunter Dr. Heinrich Homberger über die umfangreichen Vermögensverlagerungen informiert. Die Adenauer'sche "Arbeitsgruppe Schweiz" und das "Gegenkomitee" der Schweiz unter Leitung des Generaldirektors von der Schweizerischen Kreditanstalt, Dr. Peter Vieli, erreichten dank der gemeinsamen Hinhalte-Taktik, dass die deutschen Unternehmer der RM-Abwertung entgehen konnten. "Die deutschen Vermögen in der Schweiz.... blieben weitgehend erhalten und gelangten im Lauf der fünfziger Jahre an ihre deutschen Eigentümer zurück."
1977 veröffentlichte die Ludwig-Erhard-Stiftung den Faksimiledruck "Ludwig Erhard: Kriegsfinanzierung und Schulden-Konsolidierung" aus dem Jahre 1943/44. In seinen Vorbemerkungen stellt Erhard sich als zum engsten Kreis der Verschwörer des 20. Juli gehörig vor. In Verzicht auf seine akademische Laufbahn, wegen der offiziellen Weigerung Mitglied der NSDAP und deren Gliederungen zu werden, habe er mit Hilfe "gestandener Männer" der deutschen Wirtschaft, den Herren Wilhelm Zangen (MANNESMANN-Generaldirektor und Leiter der Reichsgruppe "Industrie"), Karl Blessing (Vorstandsmitglied der KONTINENTALEN ÖLGESELLSCHAFT und Mitglied des "Freundeskreises Reichsführer SS"), und Karl Guth (Hauptgeschäftsführer der RGI, Schwager von Erhard) wieder Fuß gefasst. Der zum Tode verurteilte und hingerichtete Goerdeler habe seine Denkschrift erhalten, diese in seinem Testament positiv erwähnt und ihn zum Wirtschaftsberater der neuen Regierung empfohlen. Erhards Freund, der Politik-Wissenschaftler Theodor Eschenburg, berichtete über das "Schicksal" der Kurzfassung der Denkschrift 1943/44, in der es angeblich in den ersten Sätzen geheißen habe, dass es "einwandfrei feststehe, dass Deutschland den Krieg verloren hätte". Angesichts der Gefahr der Verhaftung wegen Hoch-und Landesverrates, nicht nur Ludwig Erhards, sondern auch der Mitwisser seien sämtliche Kopien vernichtet worden. Erhard selbst habe sich den Beobachtungen der Gestapo entzogen, indem er sein Domizil nach Bayreuth verlegen konnte. Zur gleichen Zeit soll er dem Staatssekretär, Mitglied des Zentralen Planungsamtes im Reichswirtschaftsministerium, SS-Führer Otto Ohlendorf, bei der Ausarbeitung des letzten Kriegsfinanzierungs-Berichtes "Verordnung zur Sicherung der Deutschen Währung" vom 3. Januar 1945 als Berater zur Verfügung gestanden haben. Ohlendorf wurde im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozeß 1948 zum Tode verurteilt, und 1951 hingerichtet.
Es war gewiss kein Zufall, dass Prof. Dr. Erhard und Dr. Prentzel, ehemaliger führender IG FARBEN-Vertreter, sich 1948 als Leiter der "Verwaltung Wirtschaft" in der Bizone wiederfanden. Nach der Gründung des Bonner Staates arrangierten sie gemeinsam die "Entflechtung" der IG FARBEN-Industrie im Interesse des Chemie-Konzerns. Um eine konkurrenzfähige Wirtschaft zu gewährleisten, seien die ehemaligen "leitenden Herren der IG" gerade die "besten Männer" für Leitungspositionen bei den Nachfolge-Gesellschaften. Sie seien "am geeignetsten für die Liquidation und Führung", zumal diese Herren schon selbst Entflechtungspläne entworfen hätten. Nach alliierten Gesetzen seien zwar Kriegsverbrecher für die Besetzung solcher Posten grundsätzlich auszuschließen, doch "...bei vielen Deutschen (sei) eine innere Wandlung erfolgt. Im Himmel sei mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 1000 Gerechte," argumentierte Erhard, verantwortlich für diesbezügliche Entscheidungen in Personalfragen.