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Hauptversammlung 2002

Süddeutsche Zeitung, 26.4. 2002

Neuer Bayer-Chef tritt schweres Erbe an

Umsatz- und Ergebniseinbruch im ersten Quartal / Aktionärsschützer kritisieren Management

Von Hans-Willy Bein

Die diesjährige Hauptversammlung des Chemie- und Pharmakonzerns Bayer fiel aus dem üblichen Rahmen. Zunächst gab es eine Serie von Verabschiedungen und Vorstellungen. Gewürdigt wurden der nach zehnjähriger Tätigkeit als Vorstandschef in den Aufsichtsrat wechselnde Manfred Schneider wie der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende und frühere Bayer-Chef Hermann Josef Strenger, der mit dem Aktionärstreffen sein Amt aufgibt. Seine Funktion im Aufsichtsrat soll Schneider übernehmen. Neuer Konzernchef als Nachfolger von Schneider wird der bisherige Finanzvorstand Werner Wenning.

Lautstark Gehör verschaffte sich auf der Hauptversammlung eine britische Umweltschutzgruppe. Mitglieder der Gruppe stürmten die Bühne. Ein Aktivist kletterte in die Dekoration und musste vom Bayer-Werkschutz heruntergeholt werden. Manfred Schneider brachte das nicht aus der Fassung. Routiniert spulte der 63-Jährige seinen letzten Rechenschaftsbericht ab. Den Aktionären konnte er noch keine durchgreifende geschäftliche Verbesserung vermelden. Nach „enttäuschendem Start“ habe sich das Konjunkturbild im April aber etwas aufgehellt. Die „beträchtliche Herausforderungen“.

Eine Aussage zum operativen Ergebnis ist nach den Worten von Schneider angesichts der schwer abzuschätzenden konjunkturellen Lage mit großen Unsicherheiten behaftet. „Klare Priorität“ sei, das Ergebnis wieder zu verbessern. Die meisten Aktionäre gingen in der stundenlangen Aussprache glimpflich mit dem Management und vor allem dem scheidenden Chef Schneider um. Wie üblich lehnte die Umweltschutzorganisation „Coordination gegen Bayer- Gefahren“ in einem Gegenantrag die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat ab. In diesem Jahr sprach sich aber auch die Deutsche Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW)als größte Aktionärsvertretung dafür aus, den Vorstand nicht zu entlasten. DSW-Sprecherin Bella Jenna-Heinacher begründete dies mit „Pleiten, Pech und Pannen“ bei Bayer im vorigen Jahr. Durch „unprofessionelles Management“ nach dem Rückzug des mit 100 Todesfällen in Verbindung gebrachten Cholesterinsenkers Lipobay habe Bayer an einem einzigen Tag 5,6 Milliarden Euro an Marktwert verloren.

Der Vertreter einer amerikanischen Rechtsanwaltskanzlei forderte Bayer zu einer unverzüglichen Entschädigung für die „1000 Lipobay-Opfer“ auf, um jahrelange Rechtsstreitigkeiten zu vermeiden. Gegen Bayer sind nach Unternehmensangaben 720 Klagen eingereicht worden, davon 700 in den USA. Der Rückzug von Lipobay und Pannen bei der Herstellung des Blutermittels Kogenate hatte Bayer 2001 mit 950 Millionen Euro belastet. Die Dividende war von 1,40 auf 0,90 Euro gekürzt worden.