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Acht GegenrednerInnen belasten den Vorstand
BAYER nicht aus dem Schneider
Die BAYER-Hauptversammlung ist nach Ansicht des Konzern- Chefs Manfred Schneider nicht der Ort dafür, die Gründe für den Tod von über 100
LIPOBAY-PatientInnen zu erörtern. Sie ist für ihn aber sehr wohl der geeignete Ort, um die finanziellen Verluste des Pharma-GAUs bis zur letzten Zahl hinterm Komma zu beziffern und das Bilanz-schädigende Risiko von
Schadens- ersatz-Klagen zu erwägen. Aber die acht auf Einladung der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN (CBG) sprechenden GegenrederInnen funktionierten die AktionärInnen- Versammlung kurzerhand zu einem Ort um,
an dem über LIPOBAY und die anderen gesundheitlichen, ökologischen, und sozialen „Kollateralschäden“ der zügellosen Profit-Jagd gesprochen werden konnte.
Von Udo Hörster
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„Ich spreche hier im Namen von Tausenden Opfern, die durch LIPOBAY getötet oder gesundheitlich geschädigt
worden sind“. So begann der US-amerikanische Rechts- anwalt Daniel Becnel seine Hauptversammlungsrede. Er bot dem Leverkusener Chemie-Multi an, die recht-
lichen schwarzen Wolken zu vertreiben, die durch die 720 anhängigen Klagen den Himmel über der Konzern- Zentrale verdunkeln. „Ist BAYER bereit, unverzüglich
Verhandlungen aufzunehmen?“, fragte er. Der Pharma- Riese war nicht dazu bereit. Der Vorstandsvorsitzende Schneider antwortete ihm, dass „BAYER sich den
Verfahren zur Wehr setzen“ wird. Noch immer lehnt es der Konzern ab, die Verantwortung für die über 100 LIPOBAY- Toten zu übernehmen. Für den BAYER-Boss ist „nach wie
vor unklar, ob überhaupt ein Zusammenhang besteht“ zwischen dem Cholesterin-Senker und den Todesfällen.
Die fatalen Nebenwirkungen eines anderen BAYER- Medikamentes machte Peter Noquet zum Thema.
Der Leverkusener Chemie-Multi wollte für sein Antibiotikum CIPROBAY, nach Operationen verabreicht, eine Zulassung auch in der oralen Dareichungsform erhalten. Die Tests an
800 Personen fielen allerdings negativ aus. Weil das Mittel nicht wirkte, starben sogar einige ProbandInnen an Infektionen. BAYER verschwieg dies den Behörden.
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Der an den Voruntersuchungen beteiligte britische Arzt Dr. Steven Karren hat deshalb unmittelbar nach der letzten Hauptversammlung eine Klage gegen
BAYER eingereicht. Gegenüber der Kölner Staatsanwaltschaft mauert das Unternehmen allerdings munter weiter. Statt der Behörde Unterlagen über die Todesfälle zukommen zu lassen, stellte es ihr lediglich nichtssagende
Dokumente zur Verfügung. Eine „Täuschung“ nannte das Peter Noquet. Manfred Schneider stritt den Vorwurf natürlich ab - und schwieg weiter. Mit dem Hinweis auf das „schwebende Verfahren“ verweigerte er alle Auskünfte.
Sowohl LIPOBAY als auch CIPROBAY wurden in den BAYER-Labors an Ratten getestet, bevor sie am Menschen ihre gesundheitsschädigende Wirkung
entfalteten. Das sagt vieles über die Aussagekraft von Tierversuchen. Wissenschaftlich von zweifelhaftem Nutzen und tier-ethisch verwerflich - das veranlasste Melanie Bujok von SHAC (STOP HUNGINGDON ANIMAL CRUALITY)
zu bohrenden Fragen an die Adresse des
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Vorstandes. „Würde BAYER noch Tierversuche durchführen, wenn diese nicht länger gesetzlich vorgeschrieben wären?“,
„Entwickelt BAYER Alternativ-Methoden?“, „Setzt BAYER sich für eine Verankerung des Tierschutzes in der Verfassung ein?“, wollte sie von den Konzern-Herren wissen. Schneider
bekannte sich unverbindlich zu alternativen Test-Verfahren und wurde dann verbindlich beleidigt. Nicht geneigt, minimale moralische Standards im Umgang mit Lebewesen einzu-
halten, wies er Bujoks Kritik als anmaßend zurück. Gegner zu Unrecht diffamieren „und sich selbst, weil man gegen Tierversuche ist, heilig (zu) sprechen“, warf der BAYER-Boss
der SHAC-Aktivistin vor.
Wieviel Fische die BAYER-Chemikalie CLOPHEN vergiftet hat, interessierte den Vorstandsvorsitzenden an seinem
letzten Arbeitstag in dieser Funktion deshalb auch nicht.
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Wie Tom Erik Ökland von NATURVERN, der norwegischen Sektion von FRIENDS OF THE EARTH, den AktionärInnen darlegte, haben die in Schiffsanstrichen
verwendeten Polychlorierten Biphenyle (PCB) von BAYER das ganze Hafenbecken von Oslo verseucht. Auf 26 Mio. Euro beziffert die staatliche Umweltbehörde die Aufwendungen für die Reinigung. Konsequenterweise forderte
Ökland den Konzern in seiner Rede auf, sich an den Kosten zu beteiligen und kündigte im Falle einer Verweigerung eine Klage an. Nach allen Erfahrungen dürfte nur eine entsprechende Verurteilung und die damit
verbundene Anerkennung des Verursacher-Prinzips das Unternehmen dazu bringen, sich für die ökologischen Folgen seines Handelns zu interessieren.
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Für die ökologischen Risiken der Gentechnik zu haften, braucht der Leverkusener Chemie-Multi vorerst nicht zu
fürchten. Henry Mathews vom DACHVERBAND DER KRITISCHEN AKTIONÄRE UND AKTIONÄRINNEN entlarvte in seinen Ausführungen am Redner-Pult das BAYER-
Argument, die umstrittene Risiko-Technologie würde das Problem des Welthungers lösen, als reine Propaganda-Lüge. „Der Welthunger ist kein Mengen-Problem, sondern ein
Verteilungsproblem!“, betonte er. Für die AktivistInnen, die ihre Besorgnis über die Gefahren der Gentechnik am Morgen auf eine etwas unkonventionelle Weise zum Ausdruck
gebracht hatten, zeigte Mathews deshalb vollstes Verständ- nis. Keines hatte er dagegen für das brutale Vorgehen des Sicherheitsdienstes, die einer Gentechnik-Kritikerin einfach
roh den Mund zuhielten und einen anderen Protestler brutal über den Boden aus dem Saal schleiften. „Das hat mit der von Manfred Schneider bekundeten Respektierung
Andersdenkender und der Meinungsfreiheit nichts zu tun“, kritisierte der Geschäftsführer der KRITISCHEN AKTIONÄRE. Aber für die reine Herren-Riege des Vorstands ist Gewalt
offenbar ein probates Mittel. Frauen haben in dieser Hack- Ordnung dagegen keine Chance, bei BAYER eine Führungs- position zu erlangen, monierte Henry Mathews. „Schauen Sie
nur hinter mich aufs Podium, und Sie wissen, wovon ich rede“, forderte er die AktionärInnen auf. In seiner Antwort auf den Beitrag von Henry Mathews sicherte Dr. Schneider zu, den
Fragen-Katolog der KRITISCHEN AKTIONÄRE umgehend zu beantworten - die CBG wird nachhaken! Unbeeindruckt zeigte sich der Profit-Profi dagegen von Mathews‘ Gentech-
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Kritik. Obwohl das Thema „Gentechnik“ nach Ansicht Schneiders in der Öffentlichkeit noch zu „erheblicher Diskussion mit spektakulären Maßnahmen“
führen wird, kündigte er an, unbeirrt an der Risiko-Technologie festhalten zu wollen.
Geld genug für Investitionen in diesem Bereich hat der Konzern jedenfalls. Er zahlte nämlich für 2001 keinen Pfennig Gewerbesteuer und bekam sogar
noch Körperschaftssteuer zurückerstattet. Rainer Kau von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di wetterte gegen die ganz legalen Steuertricks des Chemie-Multis. Er rechnete vor, dass das Unternehmen gegenüber dem
Vorjahr 1 Mrd. Euro an Abgaben einsparte und nur noch auf eine Steuer-Quote von 15 Prozent kommt - „davon kann ein normal Beschäftigter nur träumen“, so Kau. In dramatischen Worten schilderte der Gewerkschaftler
und PDS-Politiker der AktionärInnen-Versammlung die Situation am Konzern-Sitz Leverkusen. Die Stadt ist durch die ausbleibende BAYER-Gewerbesteuer zu arm geworden, um noch Zuschüsse vom Land Nordrhein-Westfalen
anfordern zu können, weil die Kommune nicht über den dafür benötigten Eigenmittel-Anteil verfügt. „Wie wird das Unternehmen künftig zu den Kommunal- Finanzen beitragen?“, fragte er Dr. Schneider, der die Antwort
wieder einmal schuldig blieb. Sein Nachfolger Werner Wenning sagte immerhin soviel, dass die neue Holding-Struktur den Stadtskassen keine noch negativeren Folgen bescheren wird, was schlechthin auch nicht möglich
ist, denn weniger als nichts kann man nicht einnehmen. Trotzdem dürfte die Einschätzung von Investment-BankerInnen, die die Bundesrepublik als Paradies für Holdings betrachten, bei der Entscheidung keine geringe
Rolle gespielt haben. Für die Belegschaft hat der Konzern-Umbau schon jetzt negative Folgen, wie Wolfgang Teuber von der DKP darstellte. Die Beschäftigten der neu gegründeten Service-Gesellschaften fallen
nämlich aus der Betriebsvereinbarung heraus. In diesem Zusammenhang kritisierte Teuber die IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE scharf, die den betreffenden Beschäftigten versichert hatte, die Betriebsvereinbarung würde für
sie weiter gelten, um sich deren Zustimmung zur Umstrukturierung zu sichern.
Es war dann an CBG-Geschäftsführer Philipp Mimkes, den Negativ-Katalog seiner VorrednerInnen zu vervollständigen. Er erinnerte noch einmal an die
unrühmliche Rolle, die der Konzern nach dem 11. September gespielt hatte, als er in „Kriegsprofitlertum“ (VerbraucherInnen-Anwalt Ralph Nader) 1,80 Dollar für eine Tablette des Antibiotikums CIPROBAY herausschlagen
wollte. Zudem forderte Mimkes den Konzern auf, endlich der Aufforderung von US-VerbraucherschützerInnen nachzukommen und den CIPROBAY-Wirkstoff nicht länger unter dem Namen BAYTRIL als Antibiotikum für die
Massentierhaltung anzubieten, weil sich immer mehr Resistenzen ausbreiten. Für das Pestizid FENTHION, das TierschützerInnen für ein massenhaftes Vogelsterben verantwortlich machen, verlangte der CBG-Geschäftsführer
ebenfalls eine Markt-Rücknahme. Als Versuch, sich solche Kritiken künftig vom Hals zu halten, wertete er das gerichtliche Vorgehen gegen die CBG wegen des Beitreibens einer dem Konzern nicht genehmen Web-Page. In
Abwandlung des alten Schneider-Wortes, „Politiker kommen und gehen, BAYER bleibt“, gab Mimkes dem Ex-Verstandsvorsitzenden schließlich ein „BAYER-Chefs kommen und gehen, die COORDINATION bleibt“ mit auf den Weg in
den unverdienten Ruhestand.
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