SWB 03/97 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

"Durchschaubare" für Arbeitszeitverkürzung
Die "KollegInnen für eine durchschaubare Betriebsratsarbeit" fordern zur Sicherung der Arbeitsplätze bei BAYER die Verkürzung der Arbeitszeit. Auf diese Weise könnten der geplante Rausschmiß von 4.570 Mitarbeitern in den nächsten dreieinhalb Jahren verhindert und zusätzliche KollegInnen könnten eingestellt werden. In Anbetracht der Gewinnsituation und der großen Produktivitätssteigerung sei eine Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich mehr als berechtigt.
Der im Rahmen eines "Standortsicherungsvertrages" geplante Abbau von 300 Millionen Mark übertariflicher Leistungen muß nach Auffassung der "Durchschaubaren" kompensiert werden. Um die Arbeitszeit-
verkürzung zu finanzieren, sollen die 30 % Produktivitätssteigerung an die Belegschaft über Arbeitszeitverkürzungen mit Personal- und Entgeltausgleich in Höhe von 15 % weitergegeben werden. Dies würde z.B. für die Tagschicht eine 32-Stunden-Woche bedeuten, für die 5-Schicht-Kollegen aufgerundet eine 30-Stunden-Woche. Bei etwa 28.000 MitarbeiterInnen im Werk Leverkusen ergäbe sich ein zusätzlicher Arbeitskräftebedarf von 4.200 KollegInnen. Bezogen auf die ca. 45.000 Mitarbeitern in der AG würden sogar ca. 6.750 Arbeitsplätze abgesichert bzw. geschaffen werden. Nach Abzug des von BAYER geplanten Personalabbaus würden nochmals mindestens 2.250 Arbeitsplätze zusätzlich geschaffen!

Teurer Vorstand, teure HV
Während viele BAYER-KollegInnen um ihre Arbeitsplätze bangen und Reallohnverluste hinehmen müssen, verdienen Aufsichtsräte und Vorständler gut. Der Aufsichtsrat kostete das Unternehmen 1996 an Bezügen 2,4 Mio Mark zuzüglich 500.000 Mark Sachkosten. Der BAYER-Vorstand genehmigte sich 15 Millionen Mark an Bezügen. Die Hauptversammlung am 30.4.97 hat mal eben zwei Millionen Mark verschlungen. An Spenden investiert der Leverkusener Multi offiziell 5 Mio Mark für wissenschaftliche und karitative Zwecke. Politische Parteien werden nach offiziellen Angaben nicht unterstützt, allerdings werden immer wieder "Spenden" an Parteien bekannt, zuletzt im US-amerikanischen Wahlkampf.

Uerdingen: Titan-Arbeitsplätze in Gefahr
Noch zwei Wochen vor der BAYER-Hauptversammlung am 30.4.97 waren 1.500 BAYER-MitarbeiterInnen in Krefeld-Uerdingen auf die Straße gegangen, um gegen die drohende "Ausgliederung" des Titanoxid-Bereichs zu protestieren (siehe Ticker 2/97). BAYER-Vorstand Manfred Schneider drohte auf dem Aktionärstreffen: "Auch an der Stillegung unwirtschaftlicher Betriebe kommen wir nicht vorbei." Nun laufen "stille" Verhandlungen zwischen Gesamtbetriebsrat und BAYER- Vorstand. Ähnlich wie beim "Standortsicherungspakt" (siehe Artikel in SWB 3/97) fürchten kritische KollegInnen erneut Mauschelei und eine gewerkschaftlich genehmigte Vernichtung von Arbeitsplätzen.

WOLFF WALSRODE AG "schrumpft"
Bei der BAYER-Folien-Tochter WOLFF WALSRODE AG sollen weitere Arbeitsplätze vernichtet werden. Bereits 1996  wurden 156 von 2.453 KollegInnen auf die Straße gesetzt.

Wie ein Fisch im (Lehrlings-)Pool
BAYER richtet seit einiger Zeit einen "Pool" nach dem anderen ein.
Den "Ideen-Pool", um sich das geistige Kapital der Beschäftigten zu sichern, den "Ausgebildeten-Pool", um kurzfristige Personalengpässe zu überwinden und die Öffentlichkeit mit der Behauptung zu täuschen, alle "geeigneten" Auszubildenden übernommen zu haben. Tatsächlich aber sind die jungen Beschäftigten, die sich im "Pool" tummeln, leistungsfähige, aber schlecht bezahlte SpringerInnen. Von 183 im Pool arbeiten beispielsweise nur 129 im erlernten Beruf. Aber den Pool-Beschäftigten winkt, wenn ihnen sehr viel Glück zuteil wird, nach einer "gewissen Wartezeit" versteht sich, ein fester Vertrag.

120 Köpfe rollen in Brunsbüttel
Die "Reduzierung des Personalbestandes" im BAYER-Werk Brunsbüttel ist beschlossene Sache: 120 MitarbeiterInnen werden "sozialverträglich" und - der "freiwillige", staatlich suventionierte Vorruhestand macht's möglich - ohne Ausspruch betriebsbedingter Kündigungen "abgebaut". Schuld sind wieder einmal "Investitionshemmnisse des Produktionsstandorts Deutschland" aufgrund zu hoher Lohn(neben)kosten. Werksleiter Klaus: "Eine gewisse Zeit lassen sich rote Zahlen hinnehmen, aber nicht über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren."

Umfrage zu sexueller Belästigung
Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz wird für den männlich dominierten BAYER- Konzern zunehmend ein Problem. Der Fall der ehemaligen BAYER-Mitarbeiterin M.R. (Name der Red. bekannt) sorgte bundesweit für Schlagzeilen (siehe auch Artikel in SWB 3/97). Nun führt der Betriebsrats-Ausschuß "Chancengleichheit" des BAYER-Werks Dormagen eine Befragung aller beschäftigten Frauen durch. Die anonyme Erhebung soll das Ausmaß der sexuellen Belästigung dokumentieren. Ob und welche Konsequenzen daraus gezogen werden, bleibt allerdings fraglich. An der männlichen Führungsstruktur des BAYER-Konzerns (es hat im Vorstand nie eine Frau gegeben) jedenfalls dürfte sich so schnell nichts ändern.

Faser-Erfolg auf Kosten der Belegschaft
"Die BAYER-FASER GmbH schreibt wieder schwarze Zahlen", so titelten in letzter Zeit einige Zeitungen. Im ersten Quartal machte BAYER-FASER, die 1994 als selbständige Gesellschaft (GmbH) ausgegliedert wurde, einen Umsatz von 142 Millionen sowie einen Gewinn von 7 Millionen Mark. Der Erfolg wurde auf Kosten der Belegschaft erarbeitet. 1994 gab es bei BAYER-Faser 1.019 Beschäftigte, heute sind es nur noch 890. Die KollegInnen mußten sich 1996 mit einer Flexibilisierung der Produktion in Form von Arbeitszeitkonten abfinden. Außerdem haben sie unter dem Eindruck der Drohung des Konzernvorstands, die Sparte zu verkaufen, für eine dreijährige Bestandsgarantie auf 10 Prozent ihres Gehalts sowie auf alle übertariflichen Zulagen verzichtet. Auf diese Weise wurden die Arbeitskosten insgesamt um 25 Prozent, die Kosten pro Arbeitsstunde von 70 auf 50 Mark gesenkt.

Gefährdet Gruppenarbeit die Arbeitssicherheit?
Seit dem Juli 1996 gibt es zwischen der IG CHEMIE und dem Chemie- Arbeitgeberverband eine sog. "Sozialpartnervereinbarung" zur Gruppenarbeit in der chemischen Industrie (vgl. SWB 4/96). Eine Arbeitsgruppe aus VertreterInnen von Arbeitgeberverband, Berufsgenossenschaft, Gewerkschaft und dem Lehrstuhl Arbeitswissenschaft der RWTH Aachen untersuchte nun in diesem Zusammenhang die Arbeitssicherheit. Durch Gruppenarbeit werden bisherige Führungsstrukturen aufgelöst und wichtige Aufgaben des Arbeitsschutzes in die vermeintlich "autonome" Verantwortung der Gruppe gestellt. Nach Auffassung oppossitioneller Betriebsräte steht zu befürchten, daß Gruppenarbeit, einzig eingeführt, um weitere Innovations- und Leistungsschübe aus den Beschäftigten herauszuholen, und daß die Arbeitssicherheit auf der Strecke bleibt.

SAP macht Rationalisierung konkret
BAYER führt Schritt für Schritt, Abteilung für Abteilung in Produktion und Verwaltung SAP-Software ein. SAP ist der monopolistische Hersteller von Industrie-Software. Obwohl die Verantwortlichen bei BAYER behaupten, die Einführung von SAP-Software sei immer eine Folge von Änderungen in Arbeitsbereichen und ihre Zurichtung auf die neuen Anforderungen der Geschäftsleitung, beobachten BetriebsrätInnen genau das Gegenteil. So wurde auch in Arbeitsbereichen, die in Effektivitäts- und Effizienzanalysen bereits untersucht und optimiert worden sind, SAP-Software eingeführt. Die BetriebsrätInnen fürchten nun weitere Rationalisierungsmaßnahmen, die den Druck auf die Beschäftigten noch mehr erhöhen. Der Betriebsrat fordert zur Einführung von SAP-Software eine Gesamtbetriebsvereinbarung abzuschließen.

EU-Auszeichnung für angebliche Chancengleichheit
Im Januar 1997 wurde die BAYER AG mit einem Preis für vorbildliches Engagement auf dem Gebiet der beruflichen Chancengleichheit für Frau und Mann von dem Verein für Total E-Quality (eine von der Europäischen Kommission und dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie geförderten Initiative) ausgezeichnet. Dieser Preis wurde unter anderem für freiwillige langfristig orientierte und systematische Maßnahmen zur Förderung von Chancengleichheit vergeben. Der Anteil von Frauen im mittleren und gehobenen Management bei BAYER ist immer noch extrem gering. Im Vorstand hat es seit Gründung in letzten Jahrhundert nicht eine einzige Frau gegeben. Die Stammbelegschaft im Werk Leverkusen besteht zu lediglich 25 Prozent aus Frauen, die in den unteren Entgeltgruppen überproportional vertreten sind. Ebenso verhält es sich in den unteren Angestellten- Entgeltgruppen, in denen 47 Prozent aller angestellten Frauen arbeiten.
Fazit: Frauen üben bei BAYER vor allem schlecht(er) bezahlte Tätigkeiten aus und haben kaum Chancen. Total E-Quality àla BAYER.

Mit Druck in Vorruhestand
Bei der Versammlung des Geschäftsbereichs 'Organische Chemikalien' verkündete ein Herr Struck von der BAYER-Personalabteilung, wenn das Frühruhestands-"Angebot" des Konzerns von den älteren KollegInnen nicht angenommen werde, wie die Abteilungsleitung es sich vorstellt, würden "andere Maßnahmen" ergriffen!

BAYER-Kasse wird Seehofer-Opfer
Die BAYER-Betriebskrankenkasse schließt zum Ende des Jahres 1997 ihr Gesundheitsberatungszentrum in Leverkusen. So müssen nun durch die Schließung des Gesundheitszentrums 2.000 BAYER-Beschäftigte auf ihre bisherige Gesundheitsvorsorge (Rückenschule etc.) verzichten oder diese aus eigener Tasche bezahlen. Und 14 Gesundheits-
beraterInnen verlieren ihren Job bzw. werden innerhalb des BAYER- Konzerns versetzt. Begründet wird diese Arbeitsplatzvernichtung scheinheilig mit der Sparpolitik von "Gesundheitsminister" Horst Seehofer, die auf der anderen Seite dafür gesorgt hat, daß BAYER mit seinen Pillen weiterhin riesige Gewinne scheffeln kann, während die Versicherten mit immer höheren Zuzahlungen geknebelt werden.