SWB 04/97

Gier nach Beute

Interview mit Todd Smith, USA

(pm) In den USA wurden 25.000 Menschen durch Blutprodukte mit HIV infiziert, darunter allein 10.000 Bluter. Etwa die Hälfte der Infektionen geht auf Produkte der BAYER-Tochter CUTTER zurück. Interne Dokumente belegen, daß CUTTER seit 1982 von der AIDS-Gefahr für Bluter wußte und daß ab 1984 Tests zur Verfügung standen. Trotzdem wurden bis 1986 jegliche Risiken bestritten und weiterhin infizierte Blutprodukte verkauft.

Seit über einem Jahr demonstrieren betroffene Bluter Woche für Woche vor den Toren der amerikanischen BAYER-Vertretung in Berkeley und fordern eine gerechte finanzielle Entschädigung. Wir sprachen mit Todd Smith, einem der Organisatoren der Demonstrationen.

?: Todd, bitte beschreibe Deinen Werdegang. Wie alt bist Du, was machst Du beruflich, wie ist Dein Familienstand?

!: Ich bin in 1962 in San Diego, Kalifornien geboren. Als ich sieben Jahre alt war, sind wir nach San Jose umgezogen, etwa 80 km südlich von San Francisco enfernt. In 1980 machte ich mein Diplom auf der High School. Dann bin ich für ein Jahr in die Schweiz gegangen, als Austauschschüler an der Kantonsschule Baden. An der Universitaet (California Polytechnic State University in San Luis Obispo, Kalifornien) wurde ich zum Flugingenieur ausgebildet. Als ich mit der Uni fertig machte, gab es nur wenig Arbeitsplätze für neue Flugingenieure und fast alle im Gebiet von Los Angeles. "La La Land" gefällt mir überhaupt nicht, und ich wollte auch eigentlich keine Waffen bauen. Deshalb bin ich wieder zu meinen Eltern nach Hause gekommen, um dort eine andere Arbeit zu suchen.

Natürlich bin ich in Silicon Valley irgendwann mit Computertechnik konfrontiert worden. Das war in 1988. Ein Jahr später ging ich zu einer Software-Firma. Dort habe ich mit "Software Quality Assurance" begonnen. 1992 habe ich geheiratet, und dann habe ich eine neue Stelle bei ADOBE Systems Inc. als Manager der Qualitätssicherung gekriegt. Bei ADOBE habe ich nur zwei jahre gearbeitet. Ich war Manager einer Gruppe von 18 Angestellten, und ich war verantwortlich für Produkte, mit denen ADOBE jährlich über 100.000.000 Dollar Umsatz machte.

1994 verschlechterte sich mein Gesundheitszustand. Ich fehlte ziemlich häufig bei der Arbeit. Obwohl ich keine "grosse Entzündung" hatte, machte HIV mich immer müder und schwächer. Da meine Arbeit sehr stressig war, mußte ich mich mit dem Gedanken vertraut machen, aufzuhören, alles andere wäre zu gefährlich für meine Gesundheit.

?: Welche Probleme hast Du als Bluter? Wie bist Du mit HIV infiziert worden?

!: Es existiert ein weit verbreitetes Mißverständnis über Hämophilie. Ein "Bluter" blutet gar nicht schneller als normal, sondern länger. Die häufigsten Probleme für Bluter sind Blutergüsse in den Gelenken. Dabei schwillt das Knie, der Ellebogen oder die Hüfte stark an, und deswegen ist es auch sehr schmerzhaft. Jeder Bluterguß schädigt das schwache Gelenk immer mehr, und mit der Zeit wird der Knorpel mehr oder weniger vom Blut aufgelöst. In 30 Jahren Lebensjahren hat sich auf diese Weise eine Arthritis in den verschiedenen Gelenken gebildet.

Es gibt aber noch andere Gefahren für Bluter. Ein Autounfall oder sonst ein Ereignis, das schwere Verletzungen verursachen kann, ist für einen Bluter viel gefährlicher als für andere Menschen. Auch bei chirurgischen Eingriffen müssen Bluter viel sorgfältiger behandelt werden.

Mit AHF-Medikamenten (Anti Hämophilie Faktor) sind die Probleme relativ gut in den Griff zu bekommen. Wenn man bereits als Kind lernt, die AHF-Medikamente richtig zu benutzen, sind spätere Arthritisschäden nicht mehr so groß.
Ich bin von AHF-Medikamenten infiziert worden, die von CUTTER BIOLOGICAL, einer BAYER-Tochter, hergestellt worden sind.

?: Wie steht es um Deine Gesundheit? Wie hat sich Dein Leben verändert?

!: Heute und im letzten Jahr ist es mir dank Protease Inhibitor ziemlich gut gegangen. In den zwei Jahren davor ging es mir nicht so gut. Ich hatte gar keine T-Zelle (CD4) mehr und viele andere Probleme, die durch AIDS verursacht wurden. Ich war sehr schwach und fühlte mich fast jeden Tag unwohl. Momentan habe ich weniger Probleme und fühle mich nicht mehr so schwach, beinahe schon "normal". Leider weiß niemand, wie lange die neuen HIV-Medikamente wirksam sein werden.
Klar hat mein Leben sich verändert. Ich mußte meine Arbeit aufgeben und jeden Monat zum Arzt. Aber ich weiß auch, dass ich von HIV viel gelernt habe und daß HIV seit 1984 ein Teil meines Lebens geworden ist. HIV verändert die Perspektive. Ich kümmere mich nicht um die Leiden meines Lebens - das lohnt sich überhaupt nicht. Ich freue mich, wenn es mir gut geht. Im Übrigen versuche ich einfach durchzuhalten.

?: Wie war die Entwicklung in den USA in den letzten 15 Jahren? Wie haben sich die Herstellerfirmen der Blutpräparate verhalten? Was ist von dem aktuellen finanziellen Vergleich zu halten?

!: In Juli 1982 wurde AIDS bei einigen Blutern diagnostiziert. Bei einem Einzelfall hätte man ja noch von Zufall sprechen können. Vor dem Hintergrund der Tatsache, daß es relativ wenig Bluter gibt (1 : 20.000) mehrten sich nun  die Anzeichen für eine statistische Häufung. Dr. Don Francis and Dr. Bruce Evatt vom CDC (Centers for Disease Control, ein staatliches Ministerium den USA) sind auf die statistische Häufung aufmerksam geworden und haben gemeint, daß AIDS sehr wahrscheinlich durch Ansteckung über Blutprodukte verursacht würde.
Dr. Francis hat Ende 1982 bereits versucht, Herstellerfirmen auf das Problem aufmerksam zu machen. Er wollte, daß die Firmen mit einem Test für Hepatitis B - Core-Test - alle Blutspenden überprüfen. Einen spezifischen HIV-Test gab es noch nicht. Weil aber 90 % der AIDS-Opfer auch Hepatitis B im Blut hat, wäre der Core-Test ein guter "Surrogate test" (Ersatzprobe) gewesen. Dr. Francis hatte bei BAYER und Co leider keinen Erfolg, nicht zuletzt deshalb, weil das CDC eine rein beratende Funktion hat und den Unternehmen keine Vorschriften machen kann. Die Firmen wiegelten denn auch ab.

Sie sagten, man könne gar nicht sicher sein, daß es überhaupt ein Problem gäbe. Und sie haben auch gesagt, dass solche Hepatitis-Tests zu teuer wären. (Die Firmen wollten natürlich möglichst gewinnbringend arbeiten). Wenn die Herstellerfirmen von Gerinnungspräparaten für Bluter den Core-Test gemacht hätten, wäre die HIV-Tragödie unter den Blutern größtenteils verhindert worden. Denn die meisten Bluter wurden zwischen 1983 und1986 infiziert.

Es gibt viele Gründe, warum es so lange (15 Jahren) gedauert hat, bis ein breiter Vergleich geschaffen wurde. Die meisten von uns konnten sich zunächst gar nicht vorstellen, daß Firmen, die so bedeutende Medikamenten produzieren, geradezu schreckliche, von reiner Gier geprägte Entscheidungen fällen könnten. Deshalb hat es fast zehn Jahren gedauert, bis die Bluter sich richtig organisiert hatten. Am Anfang waren es nur einzelne Gruppen, später wurden es mehr.

Das größte Problem besteht darin, daß wir insgesamt ja nur wenige - nur ein paar Tausend im ganzen Land - sind. Durch das Medium Internet es einfacher für uns geworden, miteinander in Verbindung zu treten. Wenn wir 1982 schon das Internet gehabt hätten, wäre, so glaube ich, die HIV-Tragödie unter den Blutern nicht so schlimm ausgefallen.

?: Welche Rolle hat die Firma BAYER (bzw CUTTER) gespielt?

!: BAYER (bzw. CUTTER und MILES) hat fast die Hälfte der AHF- Medikamente in den USA produziert. Ich habe selber von 1978 bis zum 1988 BAYER-AHF-Medikamente erhalten, und davon habe ich mir HIV und Hepatitis zugezogen. Zuerst habe ich geglaubt, daß sich eine "unvermeidliche Tragödie" abgespielt hätte. Erst in den letzten Jahren sind viele Beweise ans Licht gekommen, die ein richtig widerliches Bild ergeben.

BAYER, die größte Herstellerfirma für Gerinnungspräparate in den USA, hat die juristischen Weichen für die ganze Branche bestimmt. Die drei anderen Firmen sind sozusagen Mitläufer. Denn BAYER bestimmte die Gerichtsstrategie. Und BAYER obliegt auch die endgültige Zustimmung über alle 6.000 Anträge hinsichtlich des aktuellen Vergleiches.

1986 verfügte die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA, daß von nun an alle Plasmaspenden auf HIV untersucht werden müssen. Seit einem Jahr war ein spezifischer Test auf dem Markt. FDA hat aber nicht gesagt, daß bereits existierende Medikamente, die von ungeprüften Plasmaquellen stammten,  zurückgerufen werden müssen. Aus einem internen CUTTER-Dokument, das kurz nach der FDA-Beschränkung verfaßt wurde, geht hervor, daß das Unternehmen gar nicht daran dachte, verseuchte Chargen vom Markt zu nehmen. Wörtlich heißt es: "Our current policy for handling the unscreened inventory is to clear our pipeline through normal sales. ... Put unscreened inventory material (plasma) into finished inventory as soon as possible. ... As a general rule we will not distinguish between screened and unscreened. ... Get word to distribution to move existing finished goods inventory before we move screened material. ... If a foreign government wants only screened finished goods, we will comply, or if it is legally required."

?: In welchen Gruppen hast Du Dich organisiert? Was sind Eure Forderungen? Bitte beschreibe Eure Aktivitäten! Welches Echo hatten Eure Demonstrationen?

!: Die Demonstrationen werden eigentlich in keiner offiziellen Gruppe organiziert. Wir sind Bluter, Witwen von verstorbenen Blutern, Mütter von toten Blutern, Kinder und Freunde. Wir haben uns entschieden, daß wir die Demonstrationen regelmäßig machen müssen, um Beachtung zu finden. Deshalb sind wir schon seit Sommer 1996 fast jede Woche (von März bis November) an der BAYER-Fabrik in Berkeley gewesen und 1997 auch beim Büro des Hauptverhandlungsjuristen von BAYER in San Francisco.

Unsere Hauptforderung ist, daß die Blutprodukte in den ganzen USA immer ungefährlicher werden und daß die BAYER-Angestellter endlich verstehen, daß Qualität und Sicherheit viel mehr bedeuten als Profit und Gier.

Die BAYER-Arbeiter sind zum größten Teil ziemlich freundlich, und viele nehmen auch unsere Informationsblätter. Ein paar jedoch sind richtig unangenehm und fahren im Auto auf uns zu, ohne uns zu beachten. Es gibt bei BAYER verschiedene Resonanzen. Man hört manchmal freundliches Grußhupen und sieht Fahrer winken, die auf der verbeiführenden Straße fahren.

In letzter Zeit wollten wir, so weit wie möglich, den Vergleichprozeß beschleunigen. In San Francisco bei dem BAYER-Anwaltsbüro wollten wir eigentlich die Passanten informieren, daß Blutprodukte in den USA immer noch gefährlich sind. Immerhin: 3.900.000 Einwohner sind mit Hepatitis C infiziert - wahrscheinlich 290.000 in den letzten zehn Jahren. Wir wollten auch, daß sie wissen, was für ein bösartiger juristischer Übeltäter gerade in ihrer Nähe arbeitet. Es sind immer so viele Leute auf der Straße, daß es von feundlichen Grüßen über ignorierende Menschen bis hin zu Flüchen alles gibt.

?: Wie reagieren die Firmen, speziell BAYER, auf Euren Protest?

!: Bei BAYER kommt jedes mal Steve, der Sicherheitsmanager der Fabrik, zu uns, um zu reden. Steve ist sehr höflich, aber er macht letztlich doch seinen Job. Er fragt, ob er ein paar Informationsblätter bekommen kann, und er schreibt auf, was auf unsere Tafeln geschrieben ist. Er kennt unsere Namen, und er fragt nach den übrigen Mitstreitern, wenn sie mal fehlen. Er weiß, daß wir keinen Groll gegen ihn persönlich haben. Er weiß auch, daß wir keine Verbrecher sind.

Anders das Anwaltsbüro von San Francisco. Der Kanzleiführung gefallen unsere Demonstrationen überhaupt nicht! Im März haben wir über das Internet eine Ankündigung der Demonstrationen gebracht. Am ersten Demonstrationstag in San Fransisco waren prompt mehr als 30 Polizisten in der Nähe des Büros. Wir waren nur acht, ein paar Behinderte, und auch ich saß doch in meinem Rollstuhl!

Wir haben mit der Polizei geredet, und sie waren eigentlich ganz erstaunt. Ich habe zu einem Cop gesagt, daß die Kanzleileitung paranoid sein muß. Und er hat geantwortet: "Ja, Schuld macht Paranoia." Ich muß noch immer darüber lachen.

?: Welche Rolle hat die Anwaltskanzlei gespielt? Warum finden auch dort Demonstrationen statt?

!: Zwischen1980 und 1985 hatte die NHF (National Hemophilia Foundation) die Möglichkeit, etwas gegen die HIV-Gefahr zu tun. Doch sie hat leider fast nichts unternommen, weil der Hauptarzt der Kanzlei, Dr. Lou Aledort, behauptete, es gebe kein Gefahr durch HIV.
Die Herstellerfirmen, die auch NHF stark unterstützten, sagten bekanntlich dasselbe. Viele Bluter glauben, daß Aledort (und ein paar andere) uns verkauft hat. Unsere Demonstrationen für Bluter (und die Presse) bei Meetings der NHF machen daher sehr wohl einen Sinn.

?: Was plant ihr fuer die Zukunft? Habt ihr Interesse, mit Gruppen aus anderen Laendern zusammenzuarbeiten?

!: Wir wollen weiter mit den Demonstrationen machen, damit die Sicherheit der Blutprodukte nicht vergessen wird. Die Arbeiter, die solche Medikamente herstellen, sollen immer an Sicherheit und Qualität denken. BAYER und andere Firmen haben jahrelang aus reiner Geldgier falsche Entscheidungen getroffen. Aber das menschliche Leben ist unbezahlbar und es ist an der Zeit, daß die Firmen dies lernen und etwas dafür tun.

Natürlich haben wir Interesse, mit anderen Gruppen zusammen zu arbeiten, hier und in anderen Ländern.


BAYER räumt Messestand nach Protesten
Auf der jährlichen Tagung "National Hemophilia Meeting", die Ende Oktober in New Orleans stattfand, protestierte der AIDS-infizierte Bluter Ken Baxter mit Flugblättern vor dem Ausstellungsstand von BAYER. Die BAYER-MitarbeiterInnen verließen den Ort fluchtartig, woraufhin der Stand den Rest des Tages nur mit dem Demonstrant besetzt war. Am nächsten Morgen waren alle Ausstellungsstücke von BAYER wegge-
räumt, der Stand wurde nicht neu besetzt. Der Pressesprecher des Konzerns sprach von "Todesdrohungen", wegen derer sich BAYER hätte zurückziehen müssen. Angesichts mehrerer Tausend durch BAYER-Produkte gestorbener Bluter ein nicht nur dümmlicher, sondern auch extrem zynischer Vorwand für den Rückzug.

BAYER muß Entschädigung in USA zahlen
Das Bundesgericht in Chicago, USA hat kürzlich dem Vergleichsvorschlag von BAYER, BAXTER HEALTHCARE, ARMOUR PHARMACEUTICAL und ALPHA THERAPEUTIC zugestimmt, nachdem Opfer und Angehörigen des AIDS-Skandals mit insgesamt 600 Millionen Dollar entschädigt werden sollen. Zwischen 1978 und 1985 waren insgesamt 6.000 Menschen durch verseuchte Blutgerinungspräparate mit AIDS infiziert worden. BAYER trägt von den Gesamtkosten des Vergleichs in Höhe von 670 Millionen Dollar den Betrag von 270 Millionen Dollar oder 464 Millionen Mark. Der Betrag sei im wesentlichen durch Versicherungen und Rückstellungen gedeckt, so BAYER. Jede/r KlägerIn in den USA erhält 100.000 Dollar, die Anwaltskosten belaufen sich auf 70 Millionen Dollar, und die Unternehmen zahlen dem Staat zusätzlich noch einmal 12 Millionen Dollar für die Pflege von AIDS-Kranken.

Kranke und Angehörige, die sich mit dem Vergleichsergebnis nicht zufrieden geben, können um eine höhere Entschädigung weiterklagen, das sieht der Vergleich vor. Erst kürzlich wurden den Eltern eines mit 14 Jahren verstorbenen Jungen, der durch Blutkonserven mit AIDS infiziert worden war, zwei Millionen Dollar Schmerzensgeld zuerkannt.

Das "Commitee of Ten Thousand", das sich in den USA für AIDS-Kranke einsetzt, erklärte, die Pharma-Konzerne kämen mit dem Vergleich sehr billig weg.

In Deutschland erhalten 1.750 Opfer AIDS-verseuchter Blutpräparate noch weniger: Eine monatliche Rente von nur 1.500 Mark, bzw. 3.000 Mark, wenn die Krankheit bereits ausgebrochen ist, muß reichen. Den größten Batzen des Gesamtbetrages bringen in Deutschland allerdings nicht die verantwortlichen Pharmafirmen, sondern die SteuerzahlerInnen auf.

Immerhin wirkte sich das Bekanntwerden des Vergleichs in den USA auf des Aktienkurs von BAYER aus: Er fiel um 3,4 Prozent!

Im Zusammenhhang mit dem US-AIDS-Skandal fordern die Bundestagsabgeordneten Gerhard Scheu (CSU) und Horst Schmidbauer (SPD) eine Umkehr der Beweislast. In Fällen, bei denen anzunehmen sei, daß ein "signifikant erhöhtes Risiko" durch ein Medikament bestehe, solle der Hersteller beweisen, daß sein Präparat die Erkrankung nicht hervorgerufen hat.

Neue Vorwürfe gegen BAYER
Obwohl die Infektionen der Bluter 10 bis 15 Jahre zurückliegen, kommen noch immer neue Details dieses größten Arzneimittelskandals der Welt ans Licht. So wurde bekannt, daß BAYER bis Anfang der 80er Jahre in Gefängnissen und in Stadtbezirken mit vielen Drogenabhängigen eigene Blutannahmestellen betrieb, also bewußt hochgefährliches Spenderblut verwendete. In einem internen Brief vom Januar 1983 gibt der Leiter der BAYER-Blutbeschaffung zu, daß bereits mehrere Bluter durch Plasmaprodukte mit AIDS infiziert wurden. Ein ebenfalls an die Öffentlichkeit gekommenes Dokument belegt, daß BAYER bis zum Jahr 1986 bewußt ungetestete Restchargen verkaufte - aus Kostengründen sollten sie nicht vernichtet werden. Trotz des jahrelang bekannten Risikos wurden weder Ärzte noch die Patienten jemals über Infektions-
gefahren gewarnt; hierdurch wurden zahlreiche Angehörige der nichtsahnenden Bluter ebenfalls infiziert.

Die amerikanische Öffentlichkeit ist an dem Thema so stark interessiert, daß der Kongreß in Washington im Juli eine Anhörung durchführte. Auch hier kamen neue Informationen zutage: Die BAYER-Vertreter gaben zu, daß das Blut von bis zu 400.000 SpenderInnen miteinander vermischt wurde, bisher wurde angenommen, daß maximal 10.000 Proben in einen Pool geleitet wurden. Auch hierdurch stieg das Infektionsrisiko enorm.

Im Frühjahr schloß die Gesundheitsbehörde des Staates Kalifornien, die für die Behandlung von etwa 700 Infizierten aufkommen muß, mit den Blut-Firmen ein Abkommen, nach dem gegen eine Zahlung von 500.000$ alle Ansprüche des Staates abgegolten sind. Die Demon-
stranten protestieren gegen dieses Abkommen, kann doch die Zahlung der Verursacher nicht einmal die Behandlungskosten eines einzigen Monats abdecken! Gefordert wird eine angemessene Entschädigung, wie sie auf Druck von Ärzten und Öffentlichkeit im letzten Jahr in Japan zustande kam.

BAYER investiert in Blut
Der BAYER-Konzern baut sein Geschäft mit "biologischen Produkten" weiter aus. In den nächsten sechs Jahren sollen 60 Mio US-Dollar in eine Plasma-Anlage in Clayton (North Carolina/USA) investiert werden und damit die Kapazität um 15 % gesteigert werden. Um dem "weltweit steigenden Bedarf gerecht zu werden", soll künftig auch im italienischen BAYER-Werk in Rosia Blutplasma hergestellt werden.