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Sie sagten, man könne gar nicht sicher sein, daß es überhaupt ein Problem gäbe. Und sie haben auch gesagt, dass solche Hepatitis-Tests zu teuer wären. (Die
Firmen wollten natürlich möglichst gewinnbringend arbeiten). Wenn die Herstellerfirmen von Gerinnungspräparaten für Bluter den Core-Test gemacht hätten, wäre die HIV-Tragödie unter den Blutern größtenteils
verhindert worden. Denn die meisten Bluter wurden zwischen 1983 und1986 infiziert.
Es gibt viele Gründe, warum es so lange (15 Jahren) gedauert hat, bis ein breiter Vergleich geschaffen wurde. Die meisten von uns konnten sich zunächst gar
nicht vorstellen, daß Firmen, die so bedeutende Medikamenten produzieren, geradezu schreckliche, von reiner Gier geprägte Entscheidungen fällen könnten. Deshalb hat es fast zehn Jahren gedauert, bis die Bluter sich
richtig organisiert hatten. Am Anfang waren es nur einzelne Gruppen, später wurden es mehr.
Das größte Problem besteht darin, daß wir insgesamt ja nur wenige - nur ein paar Tausend im ganzen Land - sind. Durch das Medium Internet es einfacher für uns
geworden, miteinander in Verbindung zu treten. Wenn wir 1982 schon das Internet gehabt hätten, wäre, so glaube ich, die HIV-Tragödie unter den Blutern nicht so schlimm ausgefallen.
?: Welche Rolle hat die Firma BAYER (bzw CUTTER) gespielt?
!: BAYER (bzw. CUTTER und MILES) hat fast die Hälfte der AHF- Medikamente in den USA produziert. Ich habe selber von 1978 bis zum 1988 BAYER-AHF-Medikamente
erhalten, und davon habe ich mir HIV und Hepatitis zugezogen. Zuerst habe ich geglaubt, daß sich eine "unvermeidliche Tragödie" abgespielt hätte. Erst in den letzten Jahren sind viele Beweise ans Licht
gekommen, die ein richtig widerliches Bild ergeben.
BAYER, die größte Herstellerfirma für Gerinnungspräparate in den USA, hat die juristischen Weichen für die ganze Branche bestimmt. Die drei anderen Firmen
sind sozusagen Mitläufer. Denn BAYER bestimmte die Gerichtsstrategie. Und BAYER obliegt auch die endgültige Zustimmung über alle 6.000 Anträge hinsichtlich des aktuellen Vergleiches.
1986 verfügte die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA, daß von nun an alle Plasmaspenden auf HIV untersucht werden müssen. Seit einem Jahr war ein
spezifischer Test auf dem Markt. FDA hat aber nicht gesagt, daß bereits existierende Medikamente, die von ungeprüften Plasmaquellen stammten, zurückgerufen werden müssen. Aus einem internen CUTTER-Dokument,
das kurz nach der FDA-Beschränkung verfaßt wurde, geht hervor, daß das Unternehmen gar nicht daran dachte, verseuchte Chargen vom Markt zu nehmen. Wörtlich heißt es: "Our current policy for handling the
unscreened inventory is to clear our pipeline through normal sales. ... Put unscreened inventory material (plasma) into finished inventory as soon as possible. ... As a general rule we will not distinguish between
screened and unscreened. ... Get word to distribution to move existing finished goods inventory before we move screened material. ... If a foreign government wants only screened finished goods, we will comply, or if
it is legally required."
?: In welchen Gruppen hast Du Dich organisiert? Was sind Eure Forderungen? Bitte beschreibe Eure Aktivitäten! Welches Echo hatten Eure Demonstrationen?
!: Die Demonstrationen werden eigentlich in keiner offiziellen Gruppe organiziert. Wir sind Bluter, Witwen von verstorbenen Blutern, Mütter von toten Blutern,
Kinder und Freunde. Wir haben uns entschieden, daß wir die Demonstrationen regelmäßig machen müssen, um Beachtung zu finden. Deshalb sind wir schon seit Sommer 1996 fast jede Woche (von März bis November) an der
BAYER-Fabrik in Berkeley gewesen und 1997 auch beim Büro des Hauptverhandlungsjuristen von BAYER in San Francisco.
Unsere Hauptforderung ist, daß die Blutprodukte in den ganzen USA immer ungefährlicher werden und daß die BAYER-Angestellter endlich verstehen,
daß Qualität und Sicherheit viel mehr bedeuten als Profit und Gier.
Die BAYER-Arbeiter sind zum größten Teil ziemlich freundlich, und viele nehmen auch unsere Informationsblätter. Ein paar jedoch sind richtig unangenehm und
fahren im Auto auf uns zu, ohne uns zu beachten. Es gibt bei BAYER verschiedene Resonanzen. Man hört manchmal freundliches Grußhupen und sieht Fahrer winken, die auf der verbeiführenden Straße fahren.
In letzter Zeit wollten wir, so weit wie möglich, den Vergleichprozeß beschleunigen. In San Francisco bei dem BAYER-Anwaltsbüro wollten wir eigentlich die
Passanten informieren, daß Blutprodukte in den USA immer noch gefährlich sind. Immerhin: 3.900.000 Einwohner sind mit Hepatitis C infiziert - wahrscheinlich 290.000 in den letzten zehn Jahren. Wir wollten auch, daß
sie wissen, was für ein bösartiger juristischer Übeltäter gerade in ihrer Nähe arbeitet. Es sind immer so viele Leute auf der Straße, daß es von feundlichen Grüßen über ignorierende Menschen bis hin zu Flüchen alles
gibt.
?: Wie reagieren die Firmen, speziell BAYER, auf Euren Protest?
!: Bei BAYER kommt jedes mal Steve, der Sicherheitsmanager der Fabrik, zu uns, um zu reden. Steve ist sehr höflich, aber er macht letztlich doch seinen Job.
Er fragt, ob er ein paar Informationsblätter bekommen kann, und er schreibt auf, was auf unsere Tafeln geschrieben ist. Er kennt unsere Namen, und er fragt nach den übrigen Mitstreitern, wenn sie mal fehlen. Er
weiß, daß wir keinen Groll gegen ihn persönlich haben. Er weiß auch, daß wir keine Verbrecher sind.
Anders das Anwaltsbüro von San Francisco. Der Kanzleiführung gefallen unsere Demonstrationen überhaupt nicht! Im März haben wir über das Internet eine
Ankündigung der Demonstrationen gebracht. Am ersten Demonstrationstag in San Fransisco waren prompt mehr als 30 Polizisten in der Nähe des Büros. Wir waren nur acht, ein paar Behinderte, und auch ich saß doch in
meinem Rollstuhl!
Wir haben mit der Polizei geredet, und sie waren eigentlich ganz erstaunt. Ich habe zu einem Cop gesagt, daß die Kanzleileitung paranoid sein muß. Und er hat
geantwortet: "Ja, Schuld macht Paranoia." Ich muß noch immer darüber lachen.
?: Welche Rolle hat die Anwaltskanzlei gespielt? Warum finden auch dort Demonstrationen statt?
!: Zwischen1980 und 1985 hatte die NHF (National Hemophilia Foundation) die Möglichkeit, etwas gegen die HIV-Gefahr zu tun. Doch sie hat leider fast nichts
unternommen, weil der Hauptarzt der Kanzlei, Dr. Lou Aledort, behauptete, es gebe kein Gefahr durch HIV. Die Herstellerfirmen, die auch NHF stark unterstützten, sagten bekanntlich dasselbe. Viele Bluter glauben,
daß Aledort (und ein paar andere) uns verkauft hat. Unsere Demonstrationen für Bluter (und die Presse) bei Meetings der NHF machen daher sehr wohl einen Sinn.
?: Was plant ihr fuer die Zukunft? Habt ihr Interesse, mit Gruppen aus anderen Laendern zusammenzuarbeiten?
!: Wir wollen weiter mit den Demonstrationen machen, damit die Sicherheit der Blutprodukte nicht vergessen wird. Die Arbeiter, die solche Medikamente
herstellen, sollen immer an Sicherheit und Qualität denken. BAYER und andere Firmen haben jahrelang aus reiner Geldgier falsche Entscheidungen getroffen. Aber das menschliche Leben ist unbezahlbar und es ist an der
Zeit, daß die Firmen dies lernen und etwas dafür tun.
Natürlich haben wir Interesse, mit anderen Gruppen zusammen zu arbeiten, hier und in anderen Ländern.
BAYER räumt Messestand nach Protesten Auf der jährlichen Tagung "National Hemophilia Meeting", die Ende Oktober in New Orleans stattfand,
protestierte der AIDS-infizierte Bluter Ken Baxter mit Flugblättern vor dem Ausstellungsstand von BAYER. Die BAYER-MitarbeiterInnen verließen den Ort fluchtartig, woraufhin der Stand den Rest des Tages nur mit dem
Demonstrant besetzt war. Am nächsten Morgen waren alle Ausstellungsstücke von BAYER wegge- räumt, der Stand wurde nicht neu besetzt. Der Pressesprecher des Konzerns sprach von "Todesdrohungen", wegen
derer sich BAYER hätte zurückziehen müssen. Angesichts mehrerer Tausend durch BAYER-Produkte gestorbener Bluter ein nicht nur dümmlicher, sondern auch extrem zynischer Vorwand für den Rückzug.
BAYER muß Entschädigung in USA zahlen Das Bundesgericht in Chicago, USA hat kürzlich dem Vergleichsvorschlag von BAYER, BAXTER HEALTHCARE, ARMOUR PHARMACEUTICAL und ALPHA THERAPEUTIC zugestimmt, nachdem Opfer und
Angehörigen des AIDS-Skandals mit insgesamt 600 Millionen Dollar entschädigt werden sollen. Zwischen 1978 und 1985 waren insgesamt 6.000 Menschen durch verseuchte Blutgerinungspräparate mit AIDS infiziert worden.
BAYER trägt von den Gesamtkosten des Vergleichs in Höhe von 670 Millionen Dollar den Betrag von 270 Millionen Dollar oder 464 Millionen Mark. Der Betrag sei im wesentlichen durch Versicherungen und Rückstellungen
gedeckt, so BAYER. Jede/r KlägerIn in den USA erhält 100.000 Dollar, die Anwaltskosten belaufen sich auf 70 Millionen Dollar, und die Unternehmen zahlen dem Staat zusätzlich noch einmal 12 Millionen Dollar für die
Pflege von AIDS-Kranken.
Kranke und Angehörige, die sich mit dem Vergleichsergebnis nicht zufrieden geben, können um eine höhere Entschädigung weiterklagen, das sieht der Vergleich
vor. Erst kürzlich wurden den Eltern eines mit 14 Jahren verstorbenen Jungen, der durch Blutkonserven mit AIDS infiziert worden war, zwei Millionen Dollar Schmerzensgeld zuerkannt.
Das "Commitee of Ten Thousand", das sich in den USA für AIDS-Kranke einsetzt, erklärte, die Pharma-Konzerne kämen mit dem Vergleich sehr billig weg.
In Deutschland erhalten 1.750 Opfer AIDS-verseuchter Blutpräparate noch weniger: Eine monatliche Rente von nur 1.500 Mark, bzw. 3.000 Mark, wenn die Krankheit
bereits ausgebrochen ist, muß reichen. Den größten Batzen des Gesamtbetrages bringen in Deutschland allerdings nicht die verantwortlichen Pharmafirmen, sondern die SteuerzahlerInnen auf.
Immerhin wirkte sich das Bekanntwerden des Vergleichs in den USA auf des Aktienkurs von BAYER aus: Er fiel um 3,4 Prozent!
Im Zusammenhhang mit dem US-AIDS-Skandal fordern die Bundestagsabgeordneten Gerhard Scheu (CSU) und Horst Schmidbauer (SPD) eine Umkehr der Beweislast. In
Fällen, bei denen anzunehmen sei, daß ein "signifikant erhöhtes Risiko" durch ein Medikament bestehe, solle der Hersteller beweisen, daß sein Präparat die Erkrankung nicht hervorgerufen hat.
Neue Vorwürfe gegen BAYER Obwohl die Infektionen der Bluter 10 bis 15 Jahre zurückliegen, kommen noch immer neue Details dieses größten Arzneimittelskandals der Welt ans Licht. So wurde bekannt, daß BAYER bis
Anfang der 80er Jahre in Gefängnissen und in Stadtbezirken mit vielen Drogenabhängigen eigene Blutannahmestellen betrieb, also bewußt hochgefährliches Spenderblut verwendete. In einem internen Brief vom Januar 1983
gibt der Leiter der BAYER-Blutbeschaffung zu, daß bereits mehrere Bluter durch Plasmaprodukte mit AIDS infiziert wurden. Ein ebenfalls an die Öffentlichkeit gekommenes Dokument belegt, daß BAYER bis zum Jahr 1986
bewußt ungetestete Restchargen verkaufte - aus Kostengründen sollten sie nicht vernichtet werden. Trotz des jahrelang bekannten Risikos wurden weder Ärzte noch die Patienten jemals über Infektions- gefahren
gewarnt; hierdurch wurden zahlreiche Angehörige der nichtsahnenden Bluter ebenfalls infiziert.
Die amerikanische Öffentlichkeit ist an dem Thema so stark interessiert, daß der Kongreß in Washington im Juli eine Anhörung durchführte. Auch hier kamen neue
Informationen zutage: Die BAYER-Vertreter gaben zu, daß das Blut von bis zu 400.000 SpenderInnen miteinander vermischt wurde, bisher wurde angenommen, daß maximal 10.000 Proben in einen Pool geleitet wurden. Auch
hierdurch stieg das Infektionsrisiko enorm.
Im Frühjahr schloß die Gesundheitsbehörde des Staates Kalifornien, die für die Behandlung von etwa 700 Infizierten aufkommen muß, mit den Blut-Firmen ein
Abkommen, nach dem gegen eine Zahlung von 500.000$ alle Ansprüche des Staates abgegolten sind. Die Demon- stranten protestieren gegen dieses Abkommen, kann doch die Zahlung der Verursacher nicht einmal die
Behandlungskosten eines einzigen Monats abdecken! Gefordert wird eine angemessene Entschädigung, wie sie auf Druck von Ärzten und Öffentlichkeit im letzten Jahr in Japan zustande kam.
BAYER investiert in Blut
Der BAYER-Konzern baut sein Geschäft mit "biologischen Produkten" weiter aus. In den nächsten sechs Jahren sollen 60 Mio US-Dollar in eine Plasma-Anlage in Clayton (North Carolina/USA) investiert
werden und damit die Kapazität um 15 % gesteigert werden. Um dem "weltweit steigenden Bedarf gerecht zu werden", soll künftig auch im italienischen BAYER-Werk in Rosia Blutplasma hergestellt werden.
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