SWB 04/97

Liebe Leserinnen und Leser,

am 5. November hat es bei BAYER wieder mal geknallt. In einer Versuchsanlage in Köln-Flittard explodierten zwei Destillations-
apparaturen. Dabei verbrannten nach offiziellen Angaben 300 Liter Methylalkohol und 500 Kilogramm Nitrobenzaldehyd. Glücklicherweise wurde niemand direkt verletzt. Und eine Gefahr für die AnwohnerInnen hat angeblich wieder einmal zu keiner Zeit bestanden. Denn die entstandenen hochgiftigen Nitrosegase seien vom Winde verweht worden. So einfach ist das.

Die Kette der verharmlosend als Störfälle oder Betriebsstörungen gekennzeichneten Beinahe-Katastrophen bei BAYER reißt nicht ab. Und immer wieder heißt es: "Gefahr zu keiner Zeit." Anderseits wird vollmundig versichert, daß überall auf der Welt die gleichen Sicherheits-
standards eingehalten würden. Was für ein Trost für die AnwohnerInnen der BAYER-Werke in Indien, Portugal, und sonstwo, daß dort - schenkt mensch den Versicherungen der Konzernspitze Glauben - die Kessel nicht öfter in die Luft fliegen, als in Flittard, Dormagen, Leverkusen, Wuppertal oder Krefeld!

Die Globalisierung und die damit verbundene erpresserisch vom Zaun gerissene Standortdebatte mit Arbeitsplatzpoker und Sicherheitsabbau hat - so scheint es - zu einem gefährlichen Stillhalteabkommen zwischen BAYER auf der einen und der Politik auf der anderen Seite geführt. Niemand scheint sich mehr über einen explodierenden Kessel aufzuregen. Und die Gewerkschafter sind eh schon seit geraumer Zeit - etwa via Wahl in den hoch dotierten Aufsichtsrat - an die kurze Leine gelegt worden.

Derweil dreht BAYER-Chef Manfred Schneider nebst seinen Vorstands-
kollegen an der Kostenschraube. Die angebliche Bürokratisierung müsse zurückgefahren werden, die Gentechnik gefördert und Arbeits-
löhne reduziert werden. Trotz historisch einmaliger Gewinne sind die Ausgaben für den Umweltschutz halbiert worden. BAYER-Sprecher Udo Oels erläutert diesen Schritt mit einer geradezu zynischen Begründung: Die Sorge um die Umwelt sei in der Öffentlichkeit von der Sorge um Arbeitsplätze und Renten verdrängt worden (vgl. TICKER 3/97)! Diese abenteuerliche kaum mehr als Argumentation zu bezeichnende Pseudo-Logik müßte eigentlich zu mehr Arbeitsplätzen bei BAYER führen. Doch trotz traumhafter Bilanzen wurden Tausende von KollegInnen kaltherzig auf die Straße gesetzt.

Die COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN kämpft seit fast 20 Jahren gegen Konzernwillkür, Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen sowie Unweltgefährdung. Von Anfang haben wir dabei auf internationale Bündispartnerschaft gesetzt. Derzeit stehen wir in Kontakt mit einer BürgerInnen-Initiative in Taiwan, die ein großes Plastik-Werk verhindern will, mit Blutern in den USA, die die Infizierung mit AIDS durch BAYER-Blutprodukte anprangern, mit indischen Wissenschaftlern, die skandalöse Sicherheitszustände kritisieren und vielen, vielen anderen Menschen in 52 Ländern der Welt. Heute gilt mehr denn je:
Der grenzenlosen Profitgier der großen Konzerne muß ein Riegel vorgeschoben werden. Wir brauchen eine demokratische Kontrolle und den Umbau der Multis zu umwelt- und sozialverträglichen Unternehmen.

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Hubert Ostendorf

Mitglied im Vorstand der COORDINATION GEGEN BAYER-GEFAHREN und verantwortlicher Redakteur von STICHWORT BAYER.