SWB 04/97

Altes Gift in neuen Spanplatten

Verbotenes BAYER-Holzgift
macht weiter krank

Seit Jahren sind sie bereits verboten: hochtoxische Holzgifte von BAYER und anderen Chemiefirmen. Dennoch sind die krebserregenden Pentachlorphenole weiter in Gebrauch - zum Beispiel in Spanplatten, die aus "recyceltem" Altholz hergestellt werden und in nahezu jedem Heimwerkermarkt gleich um die Ecke erhältlich sind.

Das Ultragift Pentachlorphenol (PCP) darf in der BRD schon lange nicht mehr in "Holzschutzmitteln", wie die Hersteller sie verharmlosend nennen, oder anderen Produkten verwendet werden. Denn PCP schädigt das Immun- und das Nervensystem - bei höheren Dosen oft irreparabel. Außerdem ist mittlerweile erwiesen, daß PCP krebserre-
gend ist. Die Entsorgung PCP-haltiger Abfälle unterliegt deshalb - zumindest theoretisch - strengen Entsorgungsbestimmungen. Das gilt auch für die vielen tausend Tonnen PCP-haltigen Altholzes, das als Sondermüll entsorgt werden muß. Relativ häufig mit PCP belastet ist Holz aus Abrißhäusern, beispielsweise von Fensterrahmen oder Gartenzäunen.

Über 750.000 Tonnen Altholz werden in der BRD jährlich zu neuen Spanplatten verarbeitet. Mit dem Recycling von altem Holz läßt sich viel Geld verdienen. Und schließlich macht es unterm Strich einen großen Unterschied, ob PCP-belastestes Holz für über 600 Mark pro Tonne in einer Sondermüllverbrennungsanlage "entsorgt", oder für lediglich 110 Mark pro Tonne in einer Spanfabrik abgeliefert wird, die lieber nicht so genau wissen will, woher das Holz für künftige Preßspan-Regalbretter oder -Schränke stammt.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft hat mittlerweile Ermittlungen gegen 11 Firmen aufgenommen, die im Verdacht stehen, verbotenerweise holzgiftbelastetes Altholz "entsorgt" zu haben - durch die Wiederverwer-
tung in Spanplatten für den deutschen Markt bzw. zum Export. Auch das Landesumweltamt NRW fand in Altholz Rückstände von Holzgiften, Farben, Blei, Cadmium, Chrom, Quecksilber, dem krebserzeugenden Benzpyren und - immer wieder - PCP. Werner Schmidt vom NRW- Umweltamt: "Das Kreislaufwirtschaftsgesetz verbietet die 'Verdünnung' von Schadstoffen. Dazu gehört auch die Verarbeitung von PCP in Spanplatten." Nach Bekanntwerden dieser Vorfälle führte das ZDF- Magazin "Plusminus" bundesweite Stichproben-Tests in 11 Bauhäusern und Möbelhandlungen durch. Ergebnis: In den Spanplatten von zwei Geschäften konnte das mit der Holzanalyse beauftragte, renommierte Bremer Umweltinstitut eindeutig PCP-Rückstände feststellen, eine Probe war sogar über den Grenzwert der PCP-Verbotsordnung belastet. Diese Spanplatte hätte nach dem Gesetz nicht einmal im Freien verbaut werden dürfen.

Spanplatten kommen aber meist in die Wohnung und werden oft auch noch mit der Säge bearbeitet. Dadurch wird PCP mit Holzstaub freigesetzt und in die Atemluft verdampft. Beim Bohren kann es so heiß werden, daß sogar das Seveso-Gift Dioxin entsteht und in die Wohnung ausgast. Der Toxikologe Prof. Hermann Kruse beschreibt die Folgen: "Es entstehen Schäden am Immunsystem, aber vor allem wird das Krebsrisiko erhöht, weil PCP und Dioxin nachweislich zu den krebser-
regenden Stoffen gehören."

Beim Holzhändler oder in Baumärkten ist hingegen nicht mehr erkennbar, wer die Spanplatten hergestellt hat und ob sie belastet sind oder nicht. PCP im Holz kann man nicht riechen und nicht sehen. Und so werden BAYER-Holzschutzgifte durch die kriminellen Geschäfte von Altholzhändlern und Spanfabriken auch noch Jahre nach ihrem Verbot durch den Gesetzgeber möglicherweise schon bald wieder neue Opfer fordern.

Hintergrund:
BAYER vergiftet ohne Strafe
(ho) Der Bundesgerichtshof (BGH) hat am 3. August 1995 die Verurteilung zweier Manager der ehemaligen BAYER DESOWAG MATERIALSCHUTZ wegen Verfahrensfehlern aufgehoben. Damit bleibt Tausenden von Chemiegift-Opfern nun kaum noch Hoffnung auf Schadensersatz. Im Mai 1993 waren die beiden DESOWAG-Manager Fritz Hagedorn und Kurt Steinberg zu je einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung und 120.000,-- DM Geldstrafe verurteilt worden. Sie wurden für schuldig befunden, den Vertrieb von sogenannten "Holzschutzmitteln" zugestimmt zu haben, obwohl ihnen aus Gutachten und Mitteilungen geschädigter AnwenderInnen bekannt gewesen ist, daß die Inhaltsstoffe - Pentachlorphenol (PCP) und Lindan - schwere Gesundheitsschäden verursachen können. Die COORDINATION GEGEN BAYER- GEFAHREN hat auf den Hauptversammlungen des BAYER-Konzerns frühzeitig und wiederholt über die Gefahren, die von den Holzgiften XYLADEKOR und XYLAMON ausgehen, informiert. Statt die Bedenken ernst zu nehmen, hat der BAYER-Konzern 1988, ausgelöst durch massive Prostestaktionen, seinen 37 %igen Anteil an der DESOWAG an die internationale SOLVAY-Gruppe veräußert.

Nach mehr als zwölf Jahren endete schließlich Anfang November 1996 das längste Umweltstrafverfahren in Deutschland mit einem außerge-
richtlichen Vergleich. Die Umweltstrafkammer am Landgericht in Frankfurt hat das Verfahren gegen Hagedorn und Steinberg nach § 153a der Strafprozeßordnung (StPO) gegen Zahlung von je 100.000 Mark eingestellt. DESOWAG und die früheren Anteilseigner BAYER und SOLVAY müssen insgesamt vier Millionen Mark für die Erforschung der Auswirkungen von Wohngiften auf die menschliche Gesundheit zu zahlen. Das Geld geht in eine Stiftungsprofessur an der Universität Gießen.