SWB 04/97

Nur nach Recht und Gesetz?

Indische Studie attackiert BAYER

Deutsche Konzerne brechen in Indien Gesetze, schränken gewerk-
schaftliche Rechte ein, schädigen die Umwelt und ignorieren Sicherheitsauflagen. Indische Aktivisten legten nun eine Studie vor, die vor allem die Chemische Industrie angreift - die prompte Reaktion von BAYER: "falsche Vorwürfe".

Von Philipp Mimkes

Im Auftrag der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt erstellte die indische Initiative Public Interest Research Group (PIRG) eine Untersuchung über deutsche Investitionen in Indien. PIRG ist eine Gruppe unabhängiger Wissenschaftler, die Probleme des Welthandels, die Schuldenkrise und die Praktiken Multinationaler Konzerne untersucht. In der Studie German Investments in India 1991-1996 wird besonderes Augenmerk auf die Praktiken der großen Drei in der deutschen Chemie - BAYER, BASF und HOECHST - gelegt, wobei verschiedenste Problembereiche angeschnitten werden: Produktion gefährlicher Produkte, Störfallgefahren, Umgehung indischer Gesetze, fehlender Arbeitsschutz, giftige Abfallstoffe, Druck auf die Regierung wegen zu großem Kündigungsschutz, etc. Die Vorwürfe gegen BAYER im einzelnen:

- Seit 1985 werden bei Neueinstellungen im Hauptwerk Thane bei Bombay nur Arbeiter ohne Gewerkschaftszugehörigkeit berücksichtigt. Zudem werden mehr und mehr Aufträge an Fremdfirmen und Zeitarbeiter vergeben, so daß der Anteil der gewerkschaftlich Organisierten beständig zurückgeht.

- Seit der Katastrophe von Bhopal 1984 ist der indische Staat bemüht, Sicherheitsabstände zwischen Chemiewerken und Wohnbevölkerung einzuführen. Wiederum in Thane gibt es Probleme, da das BAYER-Werk und Wohnblöcke direkt aneinander grenzen. Der oberste Gerichtshof des Bundesstaats Maharashtra forderte BAYER auf, die geforderten Abstände einzuhalten und notfalls das Werk zu verlegen.

- Nach indischem Recht bestehen für Pharmaprodukte Preisgrenzen, die dem geringen Bruttosozialprodukt entsprechend niedrig liegen. Um die einheimische Forschung zu unterstützen, werden aber Ausnahmen bei neuen Medikamenten gewährt, die in Indien entwickelt wurden. Diese Regelung probierte BAYER auszunützen, um für ein lange auf dem Markt befindliches Produkt höhere Preise zu erzielen. Das Gesundheitsmini-
sterium griff ein, woraufhin BAYER das Produkt ganz vom Markt nahm.

Ungewöhnlich prompt reagierte die BAYER-Öffentlichkeitsabteilung auf die Veröffentlichung der Studie: die Vorwürfe seien falsch, es werde nur nach Recht und Gesetz gehandelt, die Gerichte hätten letztinstanzlich eine Verlegung des Werkes Thane nicht angeordnet und die gewerk-
schaftliche Tätigkeit der Mitarbeiter sei bei Neueinstellungen kein Kriterium. In Kürze wird der Verfasser der Studie, Kavaljit Singh von PIRG, eine Rundreise durch Deutschland unternehmen und auch den Vorstand der CBG treffen. Dort werden die Vorwürfe gegen BAYER und die Antwort des Multis erneut zur Sprache kommen.