SWB 04/97 - Ticker

KAPITAL & ARBEIT

IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE, gegründet
Die durch den Zusammenschluß von IG CHEMIE, IG BERGBAU und LEDERGEWERKSCHAFT neu entstandene IG BERGBAU, CHEMIE, ENERGIE (IG BCE) ist mit über einer Million Mitgliedern nun die drittstärkste DGB-Gewerkschaft. Daß die IG BCE den Kurs der IG CHEMIE als kapitalfreundlichster Einzelgewerkschaft fortsetzen wird, daran ließen die Worte ihres Vorsitzenden Hubertus Schmoldt, auch Aufsichtsratsmitglied bei BAYER, keinen Zweifel. Er distanzierte sich auf dem 1. Ordentlichen Kongreß der IG BCE von der Zwickel-Forderung, die moderate und unternehmerfreundliche Tarifpolitik der Gewerkschaften aufzugeben. Auch sprach er sich gegen eine Zwangsabgabe für nicht ausbildende Betriebe aus. In der Umweltpolitik lehnte Schmoldt Öko- oder Energie-Steuern ab und setzte vielmehr auf eine "freiwillige Selbstverpflichtung der Unternehmer".
Der Gewerkschaftsvorsitzende gab ein klares Bekenntnis zur Chlorchemie ab und bezeichnete die Akzeptanz-Debatte um die Bio- und Gentechnik als "grausam". Dem unablässigen Einsatz der Gewerkschaft rechnete er zu, daß in diesem Bereich der Zug nicht ohne den Standort Deutschland abgefahren ist.

Müder Gewerkschaftler
Einen guten Eindruck über das veränderte Klima bei BAYER aus Sicht der Belegschaft vermittelt ein Interview, das die Dithmarscher Landeszeitung mit dem Brunsbütteler Betriebsratsvorsitzenden Hans-Joachim Möller führte. Weder grundsätzlich die Konzern-Politik oder die Arbeit der IG Chemie in Frage stellend und seine Ratlosigkeit in volkswirtschaftlichen Fragen einräumend, beklagt Möller sich darüber, daß Aktionäre deutlich mehr gepflegt würden als die Belegschaft. Längst vorbei seien die Zeiten, da auch die Arbeitnehmer von gestiegenen Gewinnen profitiert hätten, heute gelte Kostensenkungen und Renditesteigerungen das alleinige Augenmerk. Resigniert berichtet Möller von Betriebsratssitzungen, in denen es bei "Personelles" nur noch um Abgruppierungen oder Vorruhestände gehe und von der Vielzahl der Beschäftigten, die nicht ihrer Qualifikation gemäß eingesetzt würden. Auch habe die sogenannte "Standortsicherungsvereinbarung" keinesfalls Ruhe in der Belegschaft einkehren lassen. Er sei sich vielmehr sicher, daß das "nächste Projekt schon wieder auf der Matte steht."

100 Tele-ArbeiterInnen bei BAYER
Der Gesamtbetriebsrat von BAYER hat eine Betriebsvereinbarung zur Tele-Arbeit abgeschlossen. Gedacht ist hauptsächlich an ÜbersetzerInnen, KonstrukteurInnen, ForscherInnen, Marktanalytike-
rInnen, ProgrammiererInnen und MitarbeiterInnen der Service- und Hotline-Dienste. Eine Pilotphase mit 100 Tele-Arbeitsplätzen beginnt in Kürze. Die oppositionelle Belegschaftsliste  "Die Durchschaubaren" wies auf mögliche negativen Folgen der Entwicklung hin. Es bestehe die Gefahr, daß prekäre Arbeitsverhältnisse wie z.B. Scheinselbständigkeit etabliert würden. Auch sei es möglich, daß die Arbeitsschutz- Bestimmungen für Computer-Arbeitsplätze unterlaufen würden, die u. a. pro Bildschirm-Arbeitsplatz eine Fläche von 8 bis 10 Metern vorschreiben. Für einen adäquaten Arbeitsraum zu sorgen, liege nämlich im Verantwortungsbereich des jeweiligen Tele-Jobbers, BAYER stelle lediglich Computer und Büro-Inventar. Auch sei das Problem der Arbeitszeit-Erfassung in der Vereinbarung nicht geregelt, monierten
"Die Durchschaubaren".

Weniger Lehrlinge
Wie aus dem diesjährigen Bundesbildungsbericht hervorgeht, haben vor allem Großbetriebe ihr Lehrstellen-Angebot massiv eingeschränkt. Von 1990 bis heute strich BAYER ein Drittel seiner Ausbildungsplätze. Und die 150 Lehrlinge, die BAYER über den eigentlichen Bedarf ausbildet, sind pro forma bei einer gemeinnützigen Gesellschaft unter Vertrag, um so den Betriebsrat auszumanövrieren, der die Übernahme aller Lehrlinge fordert.

Belegschaft gegen Team-Arbeit
Das SOFI-Institut der Universität Göttingen befragte BAYER- MitarbeiterInnen, die in einer Test-Phase Team-Arbeit in sogenannten Mannschaften erprobt haben, nach ihrer Einschätzung des Versuches. Die Mehrheit urteilte verhalten bis ablehnend. Als Negativ-Faktoren wurden besonders die höhere Arbeitsbelastung und die Verschlechterung des Arbeitsklimas angeführt. Nur eine Minderheit fand, daß die Arbeit abwechlungsreicher geworden sei und mehr Chancen zur Selbständigkeit geboten hätte. Trotzdem gaben 61% der Befragten an, daß sie auch in Zukunft bereit wären, in Teams zu arbeiten. BAYER ist vor allem deshalb an der Team-Arbeit interessiert, weil sie die Beschäftigten zu einer größeren Identifikation mit dem Unternehmen veranlaßt und der soziale Druck in den "eigenverantwortlich" arbeitenden Mannschaften die Krankenstände verringert.

Moderne Arbeitssklaven
Im "Bündnis zur Standortsicherung" wurde ein außerordentliches Rausschmißrecht für den Fall vereinbart, daß ein zumutbares Arbeitsplatz-Angebot innerhalb des Konzerns abgelehnt wird.
Als zumutbar galt in der Vereinbarung ein Arbeitsplatz in bis zu 100km Entfernung vom bisherigen und eine Abstufung um zwei Gehaltsgruppen. Damit bereitete BAYER das Terrain für einen erneuten Anlauf  zur Schaffung eines "Servicepools". Dabei handelt es sich um eine Art Verschiebe-Bahnhof für Arbeitskräfte, die werksinternen Umstrukturierungsmaßnahmen, also Rationalisierungen, zum Opfer fallen. Abgruppiert, mit flexiblen Arbeitszeitkonten versehen und bei Arbeitsmangel zur Inanspruchnahme unbezahlten Urlaubs gezwungen, sollen sie als moderne Arbeitssklaven ihr Leben fristen.
Verhandlungen mit dem Betriebsrat haben bereits begonnen. Die "Kolleginnen und Kollegen für eine durchschaubare Betriebsratsarbeit" kritisieren besonders, daß sich die Vorschläge der IG BCE zu diesem Thema kaum von denen der Unternehmer unterscheiden und daß sie nicht einmal in Betriebsratssitzungen zur Diskussion gestellt wurden.

Rationalisierung in Analytik-Laboren
Die BAYER AG plant, ihre Analytik-Labore umzustrukturieren. Kleinere Labore sollen zu großen zusammengefaßt und bestimmte Analytik- Bereiche aufgelöst werden. Da die "Analytik" nicht zum Kerngeschäft des Unternehmens zähle, wie eine Arbeitsgruppe zur Effektivitäts-
steigerung feststellte, könne BAYER bestimmte Arbeiten auch an Fremdfirmen vergeben. Die "KollegInnen und Kollegen für eine durchschaubare Betriebsratsarbeit" schätzen, daß dadurch 900 Arbeitsplätze gefährdet sind.

Sozial-Dumping-Pionier bei BAYER
"Löhne unter Tarif, kein Kündigungsschutz und niedrige Personal-
zusatzkosten - das alles ist jetzt möglich, wenn Unternehmer bereit sind, Langzeitarbeitslosen einen Job zu geben", frohlockte das Wirtschaftsmagazin Impulse über das angebliche Förderinstrument "Eingliederungsvertrag". Der ermöglicht zwangloses "Heuern und Feuern", ein freies Aushandeln der Entlohnung und Lohnkosten-
zuschüsse vom Arbeitsamt, das auch die Erstattung eventueller Fehlzeiten übernimmt. Einer der geistigen Väter dieses Vertragswerks, von Impulse als "arbeits- und tarifrechtlich kräftig entschlackt" beschrieben, ist Heinrich Meinhard Stindt, der Leiter der Abteilung Arbeits- und Sozialrecht bei BAYER in Leverkusen. Die Unternehmer sehen in diesem Modell einen Versuchsballon. "Wenn dieses vereinfachte Arbeitsverhältnis ankommt", so der Vorsitzende des Bundesverbandes Junger Unternehmer, "ist das endgültig der Beweis dafür, daß die hohen arbeitsrechtlichen Hürden generell Beschäftigung verhindern."

Profit- und Standortsicherung
Der Personalaufwand der BAYER AG sank im 2. Quartal 97 um 7 % auf 2,9 Milliarden. "Auch aufgrund der Maßnahmen zur Standortsicherung", wie das Unternehmen seinen AktionärInnen im Halbjahresbericht mitteilte. Hier hat man also schwarz auf weiß den eigentlichen Zweck der Standortdebatte: Profitmaximierung. Allein beim einstigen "Sorgenkind" Faser konnte BAYER die Lohnstückkosten um 25 % senken.

Altersteilzeit bei BAYER
Die im August 96 von der Bundesregierung eingeführte Altersteilzeit- Regelung drohte ein ziemlicher Fehlschlag zu werden - die Bundesanstalt für Arbeit (BA) zählte gerade mal 4.517 Anträge. Unter Federführung der chemischen Industrie entwickelt und im Tarifvertrag verankert, wählten bei BAYER 350 MitarbeiterInnen die Altersteilzeit. Sie erhalten 85 % des Nettolohnes; ihre Rentenbeiträge liegen bei 80 %. Einen nicht geringen Teil davon schießt die BA dazu, allerdings nur, wenn es gleichzeitig Neueinstellungen gibt. Die BAYER-Altersteilzeitler haben sich alle für das Block- Modell entschieden, sie arbeiten statt siebeneinhalb Stunden am Tag neun und verkürzen somit ihre Lebensarbeitszeit. "Bei dem Druck, der heute in den Betrieben herrscht, sind viele froh, wenn sie früher rauskommen", sagt Elke Bux, Sprecherin des Personalausschusses bei BAYER. Auch abgesehen vom sozialen Druck, der von den älteren Beschäftigten ein "Solidaritätsopfer" zugunsten der jüngeren Generation verlangt, schätzen Experten die Regelung skeptisch ein. Sie schaffe keine neuen Arbeitsplätze, sondern schöne lediglich die Statistik, da die FrührentnerInnen nicht mehr in der ArbeitslosInnen-Statistik auftauchten. Auch sei zu befürchten, daß Betriebe die Altersteilzeit nur in den Bereichen einführen, in denen sowieso entlassen werden soll.

Fünf Lebensmittelgeschäfte verkauft
BAYER trennt sich von seinen Lebensmittel-Filialen in Alkenrath, Küppersteg, Schlebusch, Steinbüchel und Köln-Flittard, in denen Konzern-MitarbeiterInnen zu vergünstigten Konditionen einkaufen konnten. Neuer Betreiber wird die SPAR AG. Die Zukunft der 57 Angestellten ist ungewiß, eine Übernahme kommt wohl nur für einige in Frage. Floskelhaft spricht BAYER von "sozialverträglichen Regelungen" und stellt eine Weiterbeschäftigung im Kaufhaus am Leverkusener Wiesdorfer Platz in Aussicht. Eine Bestandsgarantie für sein größtes Kaufhaus mochte BAYER aber auch nicht geben. Den älteren MitarbeiterInnen dort werden bereits Abfindungsangebote mit dem Argument schmackhaft gemacht, es handele sich dabei um eine besonders günstige Offerte, die bei einem möglichen Toresschluß nicht mehr gewährt würde. 

BAYER beutet Ideen aus
Durch Verbesserungsvorschläge seitens der Belegschaft spart BAYER pro Jahr etwa 11 Millionen DM. Da der Konzern von den Innovationen der MitarbeiterInnen langfristig profitiert, die Ideen aber nur pauschal honoriert, ergibt sich unter dem Strich ein erklecklicher Gewinn. An zwei Uerdinger Beschäftigte ging die höchste Prämie in der Geschichte des BAYER-Vorschlagswesens: 142.820 DM.