SWB 04/97 - Ticker

PESTIZIDE UND HAUSHALTSGIFTE

Aufweichung der Grenzwerte für Pestizide in Lebensmitteln?
Die von der "Codex Alimentarius Kommission" im Juni in Genf festgesetzten internationalen Grenzwerte für Pestizid-Rückstände in Lebensmitteln liegen über den in der Bundesrepublik bisher geltenden. Da sie bei Lebensmittel-Einfuhren als verbindlich gelten, hat die Bundesregierung dem Beschluß nicht zugestimmt. Es ist allerdings fraglich, ob diese Ablehnung vor der Welthandelsorganisation (WTO) Bestand haben wird, denn eindeutige wissenschaftliche Nachweise über die Gefährdung der Gesundheit durch bestimmte chemische Stoffe sind nur schwer und deshalb kostenintensiv zu führen. Und das präventive Prinzip der Gefahrenabwehr, das in der Gesundheitsvorsorge zur Anwendung kommt, kann in Handelsstreitfällen keine Geltung beanspruchen. BAYER wird sich im Verbund mit anderen Ackergift- Produzenten entsprechend für die Aufweichung der Bestimmungen eingesetzt haben. 

Entwicklungsstörungen junger Mädchen durch Pestizide
(PAN) Eine Studie des US-Institutes für Umwelt und Gesundheit stellte fest, daß Chemikalien mit östrogen-ähnlichen Eigenschaften wie Weichmacher in Kunststoffen, Waschmittelzusätze oder Pestizide bei jungen Mädchen Entwicklungsstörungen auslösen können. Frauen, deren Muttermilch eine erhöhte Konzentration von polychloriertem Biphenylen (PCB) und DDE, einem DDT-Abbau-Produkt, aufgewiesen hatte, gebaren der Untersuchung zufolge Töchter, die knapp ein Jahr früher in die Pubertät kamen als die Mädchen aus einer Vergleichsgruppe. Damit erhöht sich für sie die Gefahr, in späteren Jahren an Brustkrebs zu erkranken, denn "Frühreife" gilt als ein Risikofaktor. Obwohl die von BAYER produzierten Gifte DDT und PCB seit 1972 bzw. 1989 nicht mehr verwendet werden dürfen, entfalten sie über die Nahrungskette weiterhin ihre gesundheitsschädliche Wirkung.

Pestizid-Vergiftungen bei jedem 5. europäischen Landarbeiter
Nach einer Befragung, die PAN Belgien im Auftrag der EUROPEAN FEDERATION OF ACRICULTURAL WORKERS (EFA) unter 1.230 Landarbeitern durchführte, litt jeder 5. von ihnen schon einmal unter akuten Pestizid-Vergiftungserscheinungen. Die Kontaminationen werden sich meistens beim Mixen, Laden und Ausbringen des Ackergiftes zugezogen, aber auch durch Rückstände an den Spritz-Geräten. Bei einem Kolloquium, das die EFA im März diesen Jahres in Spanien veranstaltete, wurde eine Resolution verabschiedet, die die agrochemische Industrie dazu aufforderte, ein Gesundheitskontroll- Programm zu finanzieren. Von der EU wurde verlangt, bessere gesetzliche Regelungen für den Schutz vor Ackergiften zu verabschieden. Außerdem beschloß der Verband, sich für umweltverträglichere Methoden in der Landwirtschaft einzusetzen.

Keine Sondergenehmigung für flüssiges CARBOFURAN
(PAN) Die amerikanische Umweltbehörde EPA hat den Antrag von sechs Bundesstaaten abgelehnt, den Lausbefall von Baumwollpflanzen mit dem BAYER-Pestizid CARBOFURAN in flüssiger Formulierung bekämpfen zu dürfen. In den USA gelten Nutzungsbeschränkungen für Flüssig-Pestizide, da sie hochtoxisch sind und über das Trinkwasser besonders die Gesundheit von Säuglingen und Kleinkindern gefährden können. Eine Untersuchung der EPA kam zudem zu dem Ergebnis, daß schon die bisher verwendete Menge des Ackergiftes - zwischen 540 und 1.132 Tonnen - ein erhebliches Gesundheitsrisiko für den Menschen darstellt. Somit sind Gebrauchseinschränkungen auch beim Anbau von Kartoffeln, Mais, Reis und Soja-Bohnen nicht ausgeschlossen.

Gestiegener Pestizid-Verbrauch in Kalifornien
Nach einer Studie von PANNA, der nordamerikanischen Sektion des Pesticide Action Networks (PAN) ist der Pestizid-Verbrauch in Kalifornien von 1991 bis 1995 um 37 % gestiegen. Lag die Dosierungsmenge pro Fläche 1991 noch bei 18,32 pound per acre, so erhöhte sie sich bis 1995 auf 24,9 pound per acre. Die Steigerungsrate der Ackergifte, deren Gebrauch aufgrund der besonderen Gefährlichkeit Beschränkungen unterliegt, betrug 34 %. Besonderen Anteil an diesem Anstieg hatte das BAYER- Pestizid METHAMIDOPHOS.

Dänemark rüstet sich zum Pestizid-Ausstieg
(PAN) Seit Juli diesen Jahres ist in Dänemark eine Bestimmung in Kraft, die den Gebrauch von 12 Pestiziden einschränkt bzw. ganz verbietet. Über einen Total-Ausstieg innerhalb der nächsten 10 Jahre konnte sich das Parlament allerdings noch nicht einigen. Man beließ es vorerst dabei, einen Untersuchungsbericht über die Perspektiven einer Landwirtschaft ohne Ackergifte in Auftrag zu geben.

BAYER klotzt bei der Agrochemie
BAYER sieht in Zukunft wachsende Absatzchancen für Ackergifte. Schon im Halbjahresbericht 97 hatten Pestizide, Insektizide & Co einen wesentlichen Anteil an der im Vergleich zu 1996 um 23,4 % gestiegenden Umsatzrendite im Berich "Landwirtschaft". Das Ansteigen der Weltbevölkerung bei begrenzter Zahl von Anbau-Gebieten ist für den Leiter der Sparte "Pflanzenschutz" bei BAYER, Dr. Jochen Wulff, der Grund für die Ertragsaussichten. Mit 10 neuen Produkten will das Chemie- Unternehmen in den nächsten Jahren aufwarten. Forderungen nach einer extensiven, bodenschonenderen Landwirtschaft, wie sie die Landesregierungen Schleswig- Holsteins, des Saarlandes und NRWs stellten, wies Wulff mit einem Verweis auf die Welternährungslage ab. Ganz so, als ob die Hungernden der Welt bisher in irgendeiner Form von der Agrochemie profitiert hätten, und als ob das Ernährungsproblem eines der Produktion von Nahrungsmitteln wäre, und nicht eines der Verteilung.

Pestizidflut an der Oder
Neue "Heimsuchung am Oderbruch": Nachdem die sommerliche Flut große Mengen auch von BAYER-Pestiziden aus den Scheunen der Bauern gespült hatte, verdoppelt BAYER jetzt den Einsatz und spendet außer neuen Ackergiften noch Mittel gegen das vermehrte Aufkommen von Mücken und Ratten im Wert von 1,2 Millionen Mark. Da wird wohl eine nach oben hin offene Richterskala für Schadstoffmessungen in der Region erforderlich sein.

BAYGON jetzt aus Kunststoff
BAYER ersetzte das Verdampferplättchen seines Insektizides BAYGON, das bisher aus Cellulose bestand, durch einen Kunststoff. An der gesundheitsgefährdenden Zusammensetzung des 1999 auf den Markt kommenden Präparates änderte BAYER dagegen nichts. Es enthält nach wie vor Carbamate, die Vergiftungserscheinungen wie Kopfschmerz, Sehstörungen und Schweißausbrüche hervorrufen können. Außerdem stehen Carbamate im Verdacht, den Embryo zu schädigen.