SWB 04/97

BAYER-Gate in Portugal

Reisen und Geschenke für ÄrztInnen?

Der BAYER-Konzern hat zugegeben, in Portugal die "Weiterbildung" von ÄrztInnen durch Reisen in alle Welt zu fördern. Auch in Deutschland und anderen Ländern beeinflussen großzügige Geschenke des Leverkusener Pharmamultis (und anderer Unternehmen) das Verschreibungsverhalten von MedizinerInnen.

Von Hubert Ostendorf

Nach Angaben des Ex-Pharma-Vertreters Alfredo Pequito soll BAYER allein in den ersten fünf Monaten des Jahres 1995 umgerechntet 110.000 Mark in das wohlwollende Verschreibungsverhalten portugie-
sischer ÄrztInnen für das Mittel CIPROXINA investiert haben.
Das Antibiotikum gilt in Fachkreisen als Mittel der letzten Wahl, was eine "Verkaufsförderung" durch Bestechung besonders verwerflich erschei-
nen läßt. BAYER streitet die Vorwürfe energisch ab und kündigte eine Verleumdungsklage gegen Pequito an, der seinerseits "aussagekräfti-
ges" Beweismaterial an ein Gericht übergeben hat. Die portugiesischen Medien sprechen inzwischen von "BAYER-Gate" und haben längst auch andere Firmen ausgemacht, die großzügige Geschenke austeilen.

Der BAYER-Konzern hat mit seinen Entgegnungen den Vorwürfen eher noch neue Nahrung geliefert, als sie zu entkräften. Zwar bestreitet Landeschef Giovanni Fenu ganz energisch, mit Goldwaagen, Fernsehern, Videorecordern und anderen Präsenten hunderte portugiesischer ÄrztInnen bestochen zu haben, doch räumt er die Finanzierung von "Weiterbildungsreisen" zu Kongressen rund um den Globus ein. Die geladenen ÄrztInnen allerdings hätten, so BAYER, dafür keine Gegenleistungen erbracht, man habe nicht gegen die Gesetze der Ethik verstoßen. Dies sieht der Chef der portugiesischen ÄrztInnen-
kammer, Carlos Ribeira, ganz anders. Die vorliegenden Dokumente stellen die korrekte Ausübung des Berufes in Frage, sagte er und kündigte gerichtliche Schritte an.

Auch die Staatsanwaltschaft und das Gesundheitsministerium haben Ermittlungen angestellt. Denn selbst die von BAYER gewährten Reisezuschüsse sollen, so die Aussage Pequitos, nicht mit Recht und Gesetz vereinbar sein. Der Ex-BAYER-Mann berichtet, daß für einzelne MedizinerInnen Beträge bis zu umgerechnet 5.000 Mark in Reisebüros hinterlegt worden seien. Das Geld sei nicht immer für die Teilnahme an Kongressen verwendet, sondern mitunter auch für den Familienurlaub umgewidmet oder gar bar abgehoben worden.

Unlautere Vertriebspraktiken sind bei BAYER keine Seltenheit. Auch in anderen Ländern werden ÄrztInnen mit großzügigen Offerten bestochen. In England etwa wurde der Leverkusener Multi deshalb 1986 sogar aus der eigenen Lobby-Organisation, dem britischen Pharma-Verband, ausgeschlossen. Begründung: BAYER habe die ganze Branche durch Präsente wie Farbfernseher und USA-Reisen "in Mißkredit" gebracht. Als Gegenleistung für die gewährte Großzügigkeit hatten die "Halbgötter in Weiß" entlastende, wissenschaftlich wertlose Studien über den als krebserregend in Verruf geratenen Farbstoff "Gelborange S" des Herztherapeutikums ADALAT angefertigt (SWB berichtete).

In Italien wurde 1994 bekannt, daß Krankenhäuser kostenlos mit Laborausrüstungen beliefert wurden. Im Gegenzug mußten sie teure Reagenzmittel zum bis zu vierfach überhöhten Preis beziehen. Vier Mitarbeiter von BAYER ITALIA, darunter zwei Verkaufsdirektoren, wurden daraufhin unter dem Verdacht des schweren Betrugs verhaftet.

Auch in Deutschland gehört(e) die Bestechung zur Geschäftspraxis von BAYER. Eine Studie der AOK deckte auf, daß die Konzerntochter BAYROPHARM 750 Mark an ÄrztInnen zahlte, die fünf PatientInnen auf das blutdrucksenkende Mittel BAYOTENSIN umstellten. Das Mittel wird von der "Liga zur Bekämpfung des Bluthochdrucks", einer fachlich unumschränkt anerkannten ExpertInnen-Organisation, als zweite Wahl eingestuft.

Bestechung auf der einen und Korruption auf der anderen Seite sind im Pharmageschäft keine Seltenheit. Eingeweihte sprechen von einer "weltweit gängigen Praxis". Kaum eine Wissenschaft ist von der Industrie stärker abhängig als die Medizin. Die Forschung an den Universitäten und Lehrkrankenhäusern ist ohne sog. Drittmittel undenk-
bar geworden. Ein Großteil der Professoren beteiligt sich - natürlich gegen entsprechendes Salär - an "klinischen Studien" für neue Medika-
mente, wie die Menschenversuche oft verharmlosend genannt werden. Und die niedergelassenen ÄrztInnen werden gleich von einem ganzen Heer sog. PharmareferentInnen heimgesucht. KritikerInnen erklären die "Überzeugungskraft" dieser zumeist nur äußerst dürftig medizinisch gebildeten VertreterInnen u. a. mit den mangelnden pharmazeutischen Kentnissen der MedizinerInnen und den eindimensional von der Pharma-Industrie abhängigen Weiterbildungsmöglichkeiten.

Der Schmiergeldkandal in Portugal ist also nur die Spitze eines Eisberges. Alfredo Pequito, der die Zustände mutig und entschlossen aufgedeckt hat, lebt seit einiger Zeit in Angst und Schrecken. Er und seine Familie erhalten neuerdings Morddrohungen. Anonym, versteht sich.