SWB 01/97

Glanz und Elend in der AGFA-Filmfabrik Wolfen

Von AGFA-COLOR zur Zwangsarbeit

Mit dem AGFA-COLOR-Film wurde nicht nur der Bau des BUNA-
Werkes in Auschwitz dokumentiert. Insgesamt leisteten die Produkte der BAYER-Tochter dem Hitler-Faschismus propagandistische Schützen-
hilfe. Doch während der AGFA-COLOR-Film 1941 und -42 auf den Biennalen in Venedig Triumphe feierte, leisteten in den Produktions-
stätten in Wolfen Tausende Männer und Frauen aus bis zu 17 Nationen unter mörderischen Bedingungen Zwangsarbeit.

Von Dr. Janis Schmelzer

Als am 11. Dezember 1850 die Jordanische Farbenfabrik in Berlin-Treptow eröffnet wurde, die als älteste der beiden Fusionsfirmen der späteren "Aktiengesellschaft für Anilinfabrikation" (AGFA) gilt, war auch der Grundstein für die 1909 nach Wolfen verlagerte Filmfabrik gelegt worden. Die AGFA zählte zu den einflußreichsten und ältesten Stammfirmen der 1925 gegründeten IG-FARBEN-Industrie Aktien-
gesellschaft. Die zu Weltruhm gelangten Erfindungen und Erzeugnisse der AGFA - ein Ergebnis des organischen Zusammenspiels zwischen Wissenschaftlern, Forschern und Chemiearbeitern - trugen zum deutschen Ansehen in der Welt bei und ließen Deutschland zu einem begehrten Handelspartner werden. Gleichzeitig wurde der Krieg zum Stimulator des sich herausbildenden Monopols in Form der engen Bindung bis zur Verflechtung mit dem Staat. "Auch hier waren es in stärkstem Maße volkswirtschaftliche, vor allem auch kriegswirtschaftliche Erwägungen, die zum Zusammenschluß führten. Die Front brauchte die deutsche Chemie nicht minder wie Stahl und Eisen", heißt es offen im "Taschenbuch 1934" der IG-FARBEN(1) bezüglich der am 18. August 1916 erfolgten Gründung der "Interessengemeinschaft der deutschen Teerfarbenfabriken". Die Geschichte der IG-FARBEN ist geprägt von opferreichen Kämpfen und hervorragenden Leistungen der deutschen Chemiearbeiter, der Schöpferkraft der chemischen und technischen Intelligenz im Prozeß der auf diesem Gebiet immer rascher fortschrei-
tenden Industrialisierung bei Mißbrauch dieser großartigen Potenzen für die Kriegsziele und Annexionen in zwei Weltkriegen.

Der 1935 in Wolfen entwickelte und ein Jahr später auf den internationalen Markt gebrachte deutsche Farbfilm AGFA-COLOR war eine wissenschaftliche Großtat. Die Anwendung dieses Verfahrens erfuhr den höchsten Grad der Geheimhaltung auf dem Gebiet der Kriegsvorbereitung, stand während des Weltkrieges allen Bereichen der Hitlerwehrmacht zur Verfügung und diente gleichzeitig als "wirkungs-
volles Werbemittel" der Kultur des Hitlerfaschismus', wie unter anderem seit dem Sommer 1941 mit mehreren Kulturfilmen und den Spielfilmen "Frauen sind doch bessere Diplomaten", "Das Bad auf der Tenne", "Münchhausen", "Opfergang" und der Stormschen Erzählung "Immensee". Auf den Biennalen in Venedig 1941 und 1942 ausgezeichnet, konnte der AGFA-COLOR-Film die Tatsache, daß er Kriegszwecken diente, übertönen.

Äußerst makaber ist die Tatsache, daß auch die Stätte des Verbrechens, Auschwitz, in AGFA-COLOR festgehalten wurde. Der für den Massenmord in Auschwitz verantwortliche Direktor der IG-FARBEN, Ambros, bemerkte in seinem Brief vom 14. November 1942, als die Vergasungen bereits auf Hochtouren liefen, daß sich die AGFA "liebenswürdigerweise bereit erklärt hat, Aufnahmen von der Baustelle Auschwitz auf AGFA-COLOR-Negativfilmen zu entwickeln ..." Am
1. März 1943 bedankte sich Ambros beim Leiter der Filmfabrik Wolfen, Dr. Gajewski, für die großzügige Unterstützung, die es ermöglichte, "den Aufbau unseres Werkes Auschwitz in farbigen Bildern und Vergröße-
rungen festhalten zu können". Ambros brachte zum Ausdruck, daß sich die Konzernleitung sehr freuen würde, wenn es gelänge, "das Werden des Werkes Auschwitz, das für die IG-Geschichte von ganz besonderem Interesse sein dürfte, in vollendeter Form bildlich festzuhalten."(2)

Mit der Entwicklung der Kunstseide- und Zellwollfabrikation in den zwanziger Jahren entstand ein weiterer zweig der Wolfener Erzeugnisse, der sich seit 1936 als "wehrwirtschaftliche von allergrößter Bedeutung" erwies.(3) Die Errichtung der Großanlage für die Produktion von PC-Faser und PC-Seide im Rahmen des Vierjahresplanes erhöhte in beträchtlichem Maße die Rolle der Filmfabrik für die Kriegsvorbereitung und Kriegsführung. Seit 1935 geheim als Kriegsrüstungsbetrieb in Funktion, führte die Filmfabrik mit Kriegsbeginn den Namen W(ehrmachts)-Betrieb und erfuhr seitdem eine verstärkt den Belangen der Kriegswichtigkeit entsprechende Ausrichtung. Zu den Auftraggebern und Abnehmern zählten vor allem die drei Wehrmachtsteile Heer, Luftwaffe und Marine, zahlreiche Flugzeugfabriken, "Reichsführer SS", "Adjutantur des Führers", "Führerhauptquartier", "Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda", die NSDAP und deren Gliederungen.

Die Sicherstellung von Arbeitskräften wurde zu einem permanenten Problem der IG-FARBEN. Mit der höchsten Dringlichkeitsstufe ausgestattet, erwartete die Filmfabrik entsprechende Zuweisungen an Arbeitskräften von den dafür zuständigen Regierungsstellen.
Die deutschen Dienstverpflichteten reichten bereits 1937/38 nicht mehr aus. So begann der Ausländereinsatz bereits mit der ersten Annexion, dem "Anschluß" Österreichs. Den Eingedeutschten folgten sudeten-
deutsche Dienstverpflichtete und die ersten zwangsverpflichteten Tschechen. Nach der "Eingliederung" der gesamten Tschechoslowakei bzw. der Errichtung der Slowakei erhielt die IG-FARBEN ein weiteres Arbeitskräftereservoir. Das System der Zuweisungen reichte dem Unternehmen bald nicht mehr aus, so daß die Zentrale von Anfang an parallel dazu die Methode der Werbung nutzte. Die Werber der IG-FARBEN errichteten mit der einmarschierenden Wehrmacht gleichzeitig ihre "Menschenfang-Büros". Da die Vorverträge nach Ankunft in Deutschland weitgehend nicht eingehalten wurden, wechselte die IG-FARBEN immer stärker zum System der Zwangsverpflichtung. Mit Beginn des 2. Weltkrieges stand die brutale Deportation im Vordergrund der Arbeitskräftebeschaffung, vor allem aus Polen und der Sowjetunion. Außer den Kriegsgefangenen und Internierten aus den Feindländern sowie KZ-Häftlingen beschäftigte die Filmfabrik zahlreiche Zivilisten, darunter 14- bis 16jährige Kinder.

Die Gesamtzahl der vom März 1938 bis zum 1. Januar 1945 in der Filmfabrik eingesetzten ausländischen Arbeitskräfte ist nicht nachweisbar. Sie erreichte im Jahre 1943 den Stand von 3.900 Zwangsarbeitern und den Höchststand im Januar 1945 von über 5.000 aus 17 Ländern. Im Verhältnis zur Gesamtbelegschaft betrug ihr Anteil 40 bis 50 %. Zu- und Abgänge hielten sich zeitweilig die Waage,(4) konstatierte die Direktion 1941. Die ständig steigende Zahl "Arbeits-
vertragsbrüchler" und Geflohener, die von der Direktion an die Gestapo und "Arbeitserziehungslager" überwiesenen und exekutierten Ausländer sowie die Verhungerten und Verstorbenen, müßte in den Gesamtbe-
stand einbezogen werden. So fielen beispielsweise vom April 1942 bis Ende Juli 1943 an nicht abgeholtem Lohn "arbeitsvertragsbrüchiger" Ausländer allein 25.000 RM an.(5)

Über die Arbeits- und Lebensbedingungen in den deutschen Fabriken wurden die Deportierten bereits bei Ankunft in den deutschen Durchgangslagern mit entsprechenden antifaschistischen Losungen informiert und vorgewarnt, so mit der Aufschrift "Achtung, schlechte Behandlung und wenig Essen" in Erfurt.(6) Die Filmfabrik benötigte allein 21 Barackenlager, darunter das Sonderlager VI für Kriegsge-
fangene, das Ost-Lager und das Frauenlager IX (offensichtlich für die weiblichen Häftlinge der KZ's Ravensbrück und Buchenwald).
Die Arbeitszeit betrug im April 1942 wöchentlich 52 Stunden, erhöhte sich ab Mai auf 60 bis 62 Stunden und sollte auf 72 Stunden erhöht werden. Der Einsatz der KZ-Häftlinge erfolgte in Schichten von 7 bis 19 Uhr und 19 Uhr bis 7 Uhr bei einer Pause von 1 1/2 Stunden.

In zunehmenden Maße wurden Frauen an Männerarbeitsplätzen eingesetzt und mußten Schwerstarbeit leisten. Mängelerscheinungen in der eigenen Versorgung der deutschen Bevölkerung führten dazu, daß die einfachsten arbeitsnotwendigen Grundlagen für die ausländischen Arbeitskräfte nicht gewährleistet werden konnten. So fehlte es besonders an Bekleidung und Schuhwerk.

Die Verpflegung erwies sich als das schwierigste Problem. In den Baracken wurde die Lagervollverpflegung eingeführt und nach dem Prinzip "Essen nach Leistung" praktiziert, wobei Essensentzug als Strafe vorgesehen war. Die ständige Verschlechterung der Versorgung führte zu schweren physischen und psychischen Folgen, zu Gewichts-
abnahmen und Krankheiten und überschritten die Grenzen des Zumutbaren. Doch die Zwangsarbeiter besaßen keinen Arbeitsvertrag und damit keinen Arbeits- und Gesundheitsschutz. Arbeitsunfähige wurden nach dem Auschwitz-Prinzip selektiert. Sie endeten meist in den KZ-eigenen Lagern der IG-FARBEN.(7) So galt für das KZ-Außenlager die Praxis "Voraussichtlich für längere Zeit nicht arbeitseinsatzfähige Häftlinge werden durch die SS ausgetauscht, so daß stets ein sehr geringer Krankenstand im Lager vorhanden ist."(8)

Das KZ-Sonderlager wurde auf Initiative der AGFA-Direktion im Frühjahr 1943 eingerichtet. Der Vertreter des "Reichsführers SS" Himmler, SS-Obersturmbannführer Maurer, und der Kommandant des KZ Ravensbrück, Hauptsturmführer Suhren, verhandelten in der Filmfabrik über den möglichen Umfang des Einsatzes und der "Anlieferung" weiblicher politischer Häftlinge. Im Mai 1943 nahm die SS gemeinsam mit Vertretern der AGFA das mit Stacheldraht und Starkstromleitung besonders abgesicherte KZ-Außenlager ab. SS-Bewachungspersonal stellte anfangs Ravensbrück. Mit der vorgesehenen Erhöhung der Belegung von 375 auf 500 bis 600 weiblichen Häftlingen sollte die Filmfabrik eigene Angestellte für den SS-Aufseherinnendienst in Ravensbrück schulen lassen.(9)

In den letzten Kriegswochen, ab Februar 1945, sollte die gesamte Ausländerbelegschaft "vermindert" werden. Die Ravensbrücker Häftlinge wurden dem KZ Buchenwald "zur Verfügung" gestellt.(10) Am 18. April 1945 befreite die US-Armee die ausländischen Zwangsarbeiter der Filmfabrik. Erinnert sei daran, daß der Leiter der AGFA-Filmfabrik, Dr. Fritz Gajewski, vor 50 Jahren auch wegen des Sklavenarbeitspro-
gramms in Nürnberg auf der Anklagebank saß.


(1) Betriebsarchiv des VEB Filmfabrik Wolfen (weiterhin geführt als Fifa) IG-FARBEN AG, Pressestelle o. O., 1934, S19
(2) Fifa 1081, Büro Foto, 1.3.1943
(3) Fifa A 5658, 6.10.1941
(4) Fifa A 5791, 28.4.1941
(5) Fifa A 6951 Direktionskonferenzen Nr. 33/43, 23.8.1943
(6) LandesHauptarchiv Weimar, LAA Erfurt, Durchgangslager für Ausländer, 3.9.1942
(7) vgl. Bode, Herbert/Gill, Manfred. Zwangsarbeiter in der Filmfabrik Wolfen 1939-1945. Ihre ökonomisch-soziale Lage und Unterbringung dargestellt mit postalischen Belegen. Wolfen 1982, S. 21-36
(8) Fifa A 10639 arbeitskräfteeinsatz
(9) Fifa A 6044
(10) Fifa A 6951 Direktionskonferenzen, 21.3.1945, 27.3.1945.


Forderungen
- Die für die IG FARBEN-Verbrechen verantwortlichen Manager aus der
  Wirtschaft müssen öffentlich benannt werden. Die IG FARBEN-Firmen
  BASF, BAYER (sowie die BAYER-Tochter AGFA) und HOECHST
  müssen anläßlich des 50. Jahrestages der Nürnberger Kriegsverbre-
  cherprozesse mit ihrer Schuld konfrontiert werden.
- Die IG FARBEN-Zwandsarbeiter und ihre Hinterbliebenen müssen
  endlich entschädigt werden, insbesondere durch die Nachfolgefirmen
  AGFA, BASF, BAYER und HOECHST.
- Die Nachfolgefirmen müssen die Finanzierung und den Erhalt der IG
  FARBEN betreffenden Gedenkstätten - Auschwitz und andere -
  sicherstellen.
- Die IG FARBEN-Nachfolger müssen endlich den freien Zugang zu
  ihren Archiven gewähren.
- Die IG FARBEN i. A. muß sofort aufgelöst, der Handel mit diesen
  "Blut-Aktien" muß sofort unterbunden werden.
- Pensionszahlungen an ehemalige IG FARBEN-Verantwortliche
  müssen sofort eingestellt werden.

50 Jahre Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse
(ho) Vor 50 Jahren begannen in Nürnberg die Prozesse gegen Kriegsverbrecher (3. Mai Anklageerhebung, 27. August Prozeßbeginn), darunter führende Manager des IG FARBEN-Konzerns.

Der spätere BAYER-Aufsichtsratschef (1956 - 1964) Fritz ter Meer - oberster IG-Verantwortlicher für das BUNA-Werk Auschwitz - wurde wegen "Plünderung und Versklavung" zu sieben Jahren Haft verurteilt. Vor dem Nürnberger Tribunal sagte er aus: "Den Häftlingen ist dadurch (durch die Zwangsarbeit im IG-eigenen Werk in Ausschwitz, d. Red.) kein besonderes Leid zugefügt worden, da man sie ohnedies getötet hätte."

Übrigens: Der AGFA-Mann Fritz Gajewski wurde im Nürnberger Prozeß für "nicht schuldig" befunden.

Abgewickelt
(swb) Nach dem Krieg wurde aus AGFA das DDR-Kombinat ORWO. Nach der "Wende" haben sich BAYER-Strategen daran gemacht, die neue Konkurrenz aus dem Osten abwickeln zu lassen. Sie entsandten - getarnt als Aufbauhilfe Ost - sog. Experten zur TREUHAND und übernahmen dort die Leitung des sog. Chemieteams (SWB berichtete mehrfach). Trotz internationaler Konkurrenzfähigkeit der ORWO-Film-
technologie scheiterten alle Sanierungskonzepte am Widerstand der TREUHAND, ORWO spielt auf dem Markt keine Rolle mehr.

Literatur
Zum Thema IG FARBEN hat die COORDINATION zwei Veröffent-
lichungen vorgelegt.
1.) Buch: Von Anilin bis Zwangsarbeit, 240 S. mit vielen Abbildungen, DM 24,80
2.) Broschüre: IG FARBEN, 24 S., viele Abb., DM 5,--
Zzgl. DM 8,-- für Porto zu bestellen bei: CBG, Postfach 15 04 18, 40081 Düsseldorf